04. November 2019, 21:13 Uhr

Weder hier noch dort sein

04. November 2019, 21:13 Uhr
B. Wilhelmi

Wie fühlt sich ein Mensch, der reanimiert worden ist? Damit befasste sich kürzlich ein interdisziplinäres Symposium des Evangelischen Dekanats Wetterau. Etwa 90 Personen waren in Bad Nauheim dabei. Ziel der Veranstaltung in der Klinik Wetterau und der Wilhelmskirche war der Blick auf Nahtoderfahrungen und deren Bewältigung, vorgetragen von Vertretern aus Theologie, Medizin, Anthropologie, Kunst und Kulturwissenschaften.

Am Ende zog Organisatorin Barbara Wilhelmi ein positives Fazit. »Das Thema ist sehr wichtig für Menschen an der Grenze des Todes und Menschen, die wieder zurückgeholt werden«, unterstrich die Pfarrerin und Klinikseelsorgerin. Vor dem Eintritt in ihren Ruhestand, der Ende des Jahres bevorsteht, wollte die 65-Jährige eine Veranstaltung dazu auf die Beine stellen. »Denn dieser Personenkreis wird oft vergessen.«

Reanimationen wirken nach

Dekan Volkhard Guth lieferte die theologische Einführung. »Mit dem Symposion bewegen wir uns irgendwo auf der Schwelle des Lebens: Vom Leben zum Tod und wieder hin zum Leben.« Schwellensituationen enthielten immer etwas Unsicheres und Verunsicherndes. Es sei weder hier noch dort, weder drinnen noch draußen. »Auf der Schwelle ist es zugig. Sie ist kein Ort«, sagte der Dekan. Wo Seelsorge einsetzt, verdeutlichte Guth anhand der Geschichte von Jesus und dem Blindgeborenen. Jesus heilt ihn und fragt: »Siehst du etwas?« Der Geheilte sagt: »Ich sehe die Menschen umhergehen, als sähe ich Bäume.« Dieser Satz sei noch Ausdruck einer gebrochenen Wirklichkeit. Jesus justiere daraufhin nach, lege erneut die Hände auf seine Augen, worauf der Mann nun deutlich sehe. Guth: »Jesus wendet sich dem Menschen nochmals zu. Es bleibt nicht dabei: ›Du siehst - der Rest wird schon wieder.‹ Sondern er verhilft dem, der zurückkommt, in die Lebenswelt, klar zu sehen und sich im Leben zurechtzufinden.«

Einige Redner reisten von sehr weit her an, beispielsweise Prof. Gàbor Vargyas aus Budapest, der sich in den 80er Jahren zeitweise in Vietnam aufgehalten hatte. Er berichtete über »Leben und Tod bei den Bru«, einer dort lebenden Ethnie. Dr. Elena Pushkareva aus Nord-Sibirien präsentierte »Leben und Tod in der Folklore der Jamal-Nenzen in Russland«. Der Blick auf andere Kulturen sei wichtig, konstatierte Wilhelmi: »Es ist eine Bereicherung für unsere Interpretation des christlichen Auftrags, Menschen zu helfen und zu heilen.«

Elf Vorträge und ein Gottesdienst standen auf dem Programm. Beispielsweise beschrieb der Arzt Prof. Thomas Wendt (Frankfurt) die Nachwirkung von Reanimationen durch Laien-Ersthelfer und dass die Verarbeitung dauern könne. Laut Dr. Ulrich Kiwus, ärztlicher Leiter der Klinik Wetterau, haben Reanimierte nach einem plötzlichen Herztod keine Nahtoderinnerungen. Wovon sie erzählen, stamme aus Schilderungen von Ärzten und Angehörigen.

Pfarrerin Wilhelmi hat als Seelsorgerin andere Erfahrungen gemacht, etwa bei Nahtoderlebnissen nach Gewalt oder Operationen: »Diese Ereignisse haben oft lebensverändernde Nachwirkungen.« Häufig seien die Betroffenen aber nicht in der Lage, darüber zu sprechen - oft sagten sie Dinge wie »Ich bin noch gar nicht wieder hier«. Bei einer Maltherapie träten diese Empfindungen behutsam zutage.

Doch was bedeuten Begriffe wie »bewusst« und »real«? Damit setzte sich Autor und Regisseur Joachim Faulstich (Bad Vilbel) auseinander: »Wir können zwischen Fantasien, Träumen und Realität gut unterscheiden.« Wissenschaftlich sei allerdings ungeklärt, was Bewusstsein sei. »Das alltägliche wache Ich-Bewusstsein ist nur eine von vielen Formen«, erläuterte Faulstich.

Eine künstlerische Auseinandersetzung gab es auch - mit Beiträgen einer bildenden Künstlerin und klassischen Liedern über Leben und Tod von Ralph Mangelsdorff, begleitet am Flügel von Wolfgang Schneider. Das Symposium schloss mit einer Reflexion der Beiträge - auch mit dem Bezug zu eigenen Erlebnissen. (Foto: P. Ihm-Fahle)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Anthropologie
  • Interdisziplinarität und interdisziplinäre Wissenschaften
  • Krankenhäuser und Kliniken
  • Kulturwissenschaften
  • Religionswissenschaft
  • Wetterau
  • Wolfgang Schneider
  • Bad Nauheim
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos