15. Oktober 2019, 20:32 Uhr

Wattestäbchen, Dosen und Gebisse

15. Oktober 2019, 20:32 Uhr

Als Markus Klug die Abdeckung des Schneckenpumpwerks öffnet, bietet sich kein schöner Anblick: Im Auffanggitter der Filteranlage hängen Klopapierfetzen, ein Apfelkerngehäuse, Zigaretten, der Deckel einer Cremedose und in die Toilette gekippte Lebensmittelreste wie Karotten- und Wurstscheiben. Das Schneckenpumpwerk befördert das Abwasser von rund 40 000 Menschen in die Kernstadt-Kläranlage, wo es nach vielen Reinigungsstufen in die Usa fließt. Für den Prozess, der von der Ankunft des Schmutzwassers bis zum geklärten Wasser etwa zwei Tage benötigt, sind Kläranlagenleiter Markus Klug und sein neunköpfiges Team verantwortlich.

Seit über 30 Jahren arbeitet Klug als Abwassermeister in der Gesundheitsstadt. Bevor er 1989 zur Stadt wechselte, war er bei einem Unternehmen für Industriebau in Ober-Mörlen tätig. Er installierte Abwasserreinigungsanlagen auf der sich damals im Bau befindlichen Bad Nauheimer Kläranlage. Während dieser wochenlangen Montagearbeiten fiel er den Verantwortlichen im Rathaus aufgrund seiner Kenntnisse über die neue Technik auf und wurde »abgeworben«.

Es war eine Heimkehr: Schon sein Vater war Leiter der Bad Nauheimer Kläranlage, die Familie wohnte im Haus gegenüber. Im März 2000 übernahm Klug junior die Aufgabe seines Vaters. »Dabei lief das Auswahlverfahren ganz korrekt ab. Es gab eine Ausschreibung, ich musste mich neben anderen Bewerbern beweisen«, betont der 52-Jährige.

Bad Nauheim hat drei Kläranlagen. Die Anlage in der Kernstadt an der Kleingartensiedlung am Usa-Wellenbad kann Schmutz- und Regenwasser von bis zu 45 000 Einwohnern fassen. Neben den Abwässern aus der Kernstadt, Nieder-Mörlen und Schwalheim kommen die aus Ober-Mörlen und Butzbach-Wiesenthal dazu. Die Nachbarorte sind angeschlossen, da das Gefälle Richtung Bad Nauheim beste Voraussetzungen dazu bot. Selbst wenn das neue Wohngebiet »Bad Nauheim Süd« angeschlossen wird, ist die Kapazitätsgrenze noch nicht erreicht. Das Klärwerk in Rödgen nimmt Abwasser von Wisselsheim und Rödgen auf, in der Kläranlage Steinfurth kommt nur Regen- und Schmutzwasser aus dem Rosendorf an. Daneben gibt es ein 200 Kilometer langes Kanalnetz, zehn Pumpstationen, drei Regenrückhaltebecken.

Klug und sein Team überwachen nicht nur die Reinigung und steuern sie durch Zugabe von Sauerstoff, Wasser und Wärme, sie pflegen auch die Anlagen und Maschinen. »Alle Mitarbeiter bringen neben ihrer ›Fachkraft für Abwassertechnik‹ unterschiedliche Berufe mit«, sagt Klug. »Wir haben Maschinenbauschlosser, Gas- und Wasserinstallateure, Schreiner, Elektriker und Landmaschinenschlosser.« Sieben Mitarbeiter sind auf den drei Bad Nauheimer Kläranlagen im Wechsel eingesetzt. Sie kümmern sich um den Betrieb, analysieren Proben, um Stickstoff-, Sauerstoff-, Phosphat- oder Nitratwerte zu bestimmen. Zwei Mitarbeiter pflegen täglich mit dem Kanalspülfahrzeug die kilometerlangen Schmutz- und Regenwasserkanäle.

Nachwuchs dringend gesucht

Unschön seien Dinge, die in der Toilette landen, dort aber nicht hineingehören: Essensreste, Zigaretten, Wattestäbchen, Uhren, Eheringe, Cremedosen, Unterwäsche, Kondome, Deoroller, Handys, Getränkedosen, Gebisse und sogar Strickjacken. »Ab und zu finden wir leider einen toten Hamster oder Zierfische. Einmal rief ein Bürger an und fragte, ob sein Gebiss bei uns angekommen sei. Da sich insgesamt fünf Stück angesammelt hatten, bot ich ihm an, sie anzuschauen. Das passende war aber nicht dabei.«

Die Stadt sucht händeringend Nachwuchs für die Abwasserreinigung. »Wir haben eine Ausbildungsstelle für den Beruf der Fachkraft für Abwassertechnik ausgeschrieben. Auch wenn der Beruf bei dem einen oder anderen vielleicht Naserümpfen hervorruft, verbirgt sich dahinter geballtes Technik-, Mechanik- und Chemiefachwissen«, sagt Klug. Infos gibt’s auf der städtischen Internet-Seite www.bad-nauheim.de im Karriereportal. Auch Praktika für Schüler und Studenten sind im Klärwerk möglich.

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