06. Mai 2018, 19:40 Uhr

Was wir voneinander lernen können

Die Alten haben Renten und Pflegeheime. Und sie sind unbrauchbar geworden in einer fortschrittssüchtigen Gesellschaft. So beschreibt es Prof. Reimer Gronemeyer in seinem Buch »Die Weisheit der Alten«. Doch der Gießener Soziologe ist kein Schwarzmaler. Er sagt auch: »Die Alten hüten einen Schatz« – einen, den die Jungen sehr dringend gebrauchen können.
06. Mai 2018, 19:40 Uhr
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Von Sabrina Dämon
Was wissen die Alten über den Umgang mit Nahrung, mit Gartenarbeit, das für die Jungen hilfreich sein könnte?, fragt Prof. Reimer Gronemeyer. Und antwortet: Wir können viel voneinader lernen. (Foto: Elke Dämon)

War früher alles besser?

Prof. Reimer Gronemeyer: Manches war besser, manches schlechter. Aber in einer Zeit, in der es die Tendenz gibt, das Alte als überholt abzutun, ist es wichtig, noch einmal zu fragen, gehört das alles auf den Müll oder ist da auch etwas dabei, was hilfreich für uns ist?

Ist etwas Hilfreiches dabei oder gehört alles auf den Müll?

Gronemeyer: Kürzlich habe ich gelesen, dass auf einem Acker in Brandenburg ein Goldschatz entdeckt worden ist. So stelle ich mir das vor mit den Schätzen der Alten: Man muss gucken, was von Erde bedeckt ist. Das Buch ist von dem Versuch geprägt, hinzuschauen und zu graben.

Wo sollte man anfangen zu graben?

Gronemeyer: Es fängt an mit dem, was zunächst klein zu sein scheint, aber in Wirklichkeit groß ist: Was wissen die Alten über den Umgang mit Boden, mit Nahrung, was für die Jungen hilfreich sein könnte? Es gibt das Phänomen Urban Gardening, was vielfach von jungen Leuten betrieben wird. Dort kann man voneinander lernen. Gerade, weil ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der das Essen eine heikle Sache wird.

Inwiefern?

Gronemeyer: Vor uns liegt eine Zukunft, in der Nahrung unter Umständen nicht mehr so sicher ist, wie sie uns in der jetzigen Zeit zu sein scheint.Der Umgang mit einer solchen Situation ist etwas, woran sich die Alten noch erinnern. Deswegen wissen sie, was man neben Möhren pflanzen muss, damit die Möhrenfliege nicht kommt. Das sieht manchmal nach Schrebergartenmentalität aus. Aber ich glaube, es hat eine Zukunft, dass wir darüber nachdenken, wie wir uns ernähren. Ist es da richtig zu den Alten zu sagen: Verschwindet, bis ihr auf dem Friedhof seid? Oder gibt es die Möglichkeit, voneinander zu lernen?

In unserer Gesellschaft, schreiben Sie, gibt es aber eher die Tendenz, die Alten abzuschieben.

Gronemeyer: Die Alten haben ein Dach über dem Kopf, sie haben gut zu essen, können reisen. Aber, so wird es oft gesehen, sie sind zu nichts mehr zu gebrauchen. Vor einer Woche bin ich aus Namibia zurückgekommen, und dort sehe ich, dass die Alten eine große Rolle spielen, weil sie vieles wissen, was die Jungen brauchen: Wann wird die Hirse ausgesät? Da sind Alte nicht die Adressaten von Hilfe, sondern von Erwartungen. Da kann man sich fragen, ist das bei uns alles weg?

Ist es?

Gronemeyer: Naja, sagen wir mal so, das Alter wird gerne als Senioren-Disneyland betrachtet, in dem man von Kreuzfahrt zu Kreuzfahrt stolpert, aber trotzdem einsam ist. Oft heißt es in unserer innovationsbessesenen, zukunftsorientierten und fortschrittssüchtigen Gesellschaft, die Alten seien nur teuer, pfegebedürftig und von Demenz bedroht, was ja auch eine Wahrheit ist. Zugleich versuche ich, den Blick auf die Frage zu lenken, welche Schätze die Alten haben.

Wie kriegt man das zusammen – die Abgeschobenen auf der einen Seite, die Innovationssüchtigen auf der anderen?

Gronemeyer: Wir sollten uns nicht gegenseitig verwerfen. Die Alten sollten nicht sagen, die Jungen sind alle blöd, und die Jungen sollten nicht sagen, die Alten sind alle blöd. Natürlich, es gibt die blöden Jungen und es gibt die blöden Alten. Aber es geht nicht um Besserwisserei, um »wir haben es schon immer gewusst«. Es geht um den Dialog. Wir können schauen, wie kostbar Vergangenheit ist. Saatgut zum Beispiel. Wir sind bei Äpfeln auf etwa zwölf im Handel übliche Sorten eingeschränkt, es gab noch vor kurzer Zeit tausende. Diese Entwicklung ist hochgefährlich.

Gefährlich, sagen Sie, sind auch Patientenverfügungen. In Ihrem Buch gibt es die Stelle, an der es heißt, Sie träumen davon, dass eine Gruppe alter Menschen seine Patientenverfügungen verbrennt.

Gronemeyer: Ich denke, wir haben es schwerer als die Generationen vor uns. Damals gab es die Vorstellung, das Lebensende stellt einen vor die Frage »Himmel oder Hölle?« Heute sagt die Mehrzahl der Menschen: Mit dem Tod ist Schluss. Dadurch entsteht oft der Versuch, soviel wie möglich aus dem Leben herauszupressen. Das ist vielleicht die besondere Trostlosigkeit der Menschen heute – der Versuch, das Lebensende zu einem managebaren Projekt zu machen.

Damit, so schreiben Sie in ihrem Buch, wird dem Sterben das Leben ausgetrieben.

Gronemeyer: Die Generation meiner Großmutter hat den Tod als etwas begriffen, was kommt, was man anzunehmen hat. Doch diese Situation zu einem Projekt zu machen, das planbar ist, macht einen auch einsamer, trostloser und anfälliger für die Fragen: Habe ich die richtige Entscheidung getroffen?

Sie sagen, stattdessen geht es um die Frage nach den Dingen, die die Menschen vereinen. Welche Dinge sind das?

Gronemeyer: Es sind die Grundthemen des Lebens, die Frage nach den Gefühlen, nach Gelassenheit. Ich behaupte nicht, die Alten wissen, was Gelassenheit ist, und die Jungen nicht. Ich bin umgeben von Menschen, die das Gefühl haben, alles wird ständig mehr, ich schaffe es nicht mehr. Vielleicht kann man als alter Mensch ansteckend wirken, sagen, nimm dir mal die Zeit, einmal im Monat eine Viertelstunde in den Sternenhimmel zu schauen oder morgens nicht mit Whatsapp anzufangen, sondern ein Gedicht zu lesen.

Sie kritisieren, dass alles schnell gehen muss; Frühstücken auf dem Weg zur Arbeit, Thermomix statt kochen. Scheint unvereinbar mit einem Gedicht am Morgen und einem Blick in den Sternenhimmel.

Gronemeyer: Ich kenne das ja selbst, ich wache auf und gucke als erstes auf die Mails. Oder wenn ich zum Beispiel ein Seminar mache, bin ich sehr beschäftigt mit der Frage, wie ich damit umgehe, dass ein Drittel der Studierenden dazu tendiert, aufs Handy zu schauen. Soll ich das verbieten? Ist eigentlich lächerlich. Soll ich versuchen, so faszinierend zu sein, dass sie von selbst ihre Dinger wegpacken? Wie gehe ich damit um, dass viele nicht präsent sind? Es geht mir ja nicht anders, ich kenne diese Sucht, dabei zu sein. Vielleicht kann man mit dem Auge des Älteren die Selbstgefährdung, die darin liegt, deutlicher sehen.

Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals die Alten wahrgenommen haben?

Gronemeyer: Ich erinnere mich an meine Großmutter, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis hatte. Sie ist 1956 gestorben. Sie trug immer ein schwarzes Kleid und eine weiße Fliege. Als Kind habe ich gedacht: »Wenn man so alt ist, bekommt man zu Weihnachten nichts außer einer weißen Schleife, das ist ja furchtbar.« Sie hatte ein Brillenetui, das kaputt war. Ihr Weihnachtswunsch war, dass wir Enkel einen alten Fahrradschlauch nehmen, ihn zerschneiden und mit den Gummibändern das Etui reparieren. Diese glückliche Bescheidenheit hat sich bei mir sehr eingeprägt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie unglücklich war. Im Gegenteil, sie war mit ihrem Leben eins, einig. Und ich glaube, dieses Einssein mit dem eigenen Leben ist heute von der Gefahr bedroht, mehr haben, mehr erleben zu wollen.

Was ist für Sie das Wichtigste, was Sie von den Alten gelernt haben?

Gronemeyer: Die Fähigkeit, sich selbst Grenzen zu setzen. Ich denke an Bilder, die ich aus Afrika mitgebracht habe. Von alten Menschen, die ungeheuer schöne Altersgesichter haben. Wenn ich mir daneben die schönheitsoperierten Alten vorstelle, die um jeden Preis versuchen, nicht alt auszusehen, gehört für mich auch die Fähigkeit dazu, das Altwerden nicht als Kampf zu betrachten, in dem es darum geht, so lange wie möglich jung zu bleiben. Was natürlich sehr leicht gesagt, aber sehr schwer getan ist.

Welchen »Schatz« möchten Sie nachfolgenden Generationen mitgeben?

Gronemeyer: Den Kontakt zur Lebendigkeit nicht zu verlieren, das Leben nicht der Karriere und dem Geld zu opfern, sondern auf das Du zu schauen. Freundschaften für wichtiger zu halten als Banken und Börsenkurse.



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