02. Mai 2017, 20:34 Uhr

Was weiß ich denn schon?

02. Mai 2017, 20:34 Uhr
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Aus der Redaktion

»Que sais-je?« – Was weiß ich?: Diese Grundfrage nach den Grenzen des eigenen Wissens ist Leitmotiv des 1533 im Südwesten Frankreichs geborenen philosophischen Essayisten Michel de Montaigne. Der Titel seines seit 1580 erscheinenden Hauptwerks »Essais«/Versuche ist Programm: Nach dem Rückzug auf sein Schloss als 38-Jähriger umkreist der viele Jahre, unter anderem als Bürgermeister von Bordeaux, im politischen Leben tätig Gewesene in immer neuen Anläufen sich selbst, seine eigene Person – ohne den Anspruch auf theoretische Stringenz oder Belehrung der Leserschaft. Was egoistisch scheint, ist Ausdruck von Bescheidenheit: Die zum Teil aphoristische Anlage seiner »Versuche« spiegelt das wider. Dr. Matthias Vollet von der Universität Mainz – guter alter Bekannter in der Kurstadt – gelang es in seinem Vortrag, die geistige Welt Montaignes – der als glänzender Stilist auch für die Herausbildung des modernen Französisch bedeutsam wurde – präzise und anschaulich nachzuzeichnen. Als nüchterner Skeptiker begegnet Montaigne jeder Art von philosophischem und religiös-politischem Dogmatismus mit großem Misstrauen.

Paroli gegen Anmaßung

Die Erscheinungsjahre seiner »Essais« fallen in die Zeit der blutigen »Hugenottenkriege« zwischen Reformierten und Katholiken, die erst mit dem vom »guten König« Heinrich IV. erlassenen Toleranzedikt von Nantes 1598 ein Ende fanden. Der Referent wies darauf hin, dass nur vor diesem zeitgeschichtlichen Horizont das Werk des philosophischen Essayisten verstanden und gewürdigt werden kann.

Jede Lehre, die zu wissen vorgibt, was »der« Mensch sei, ist nicht nur per se falsch, sondern auch potenziell gefährlich. Skepsis, Nüchternheit, Pragmatismus: Diese drei Tugenden sind, so Montaigne, das wirksamste Mittel gegen Dogmatismus bzw. gelehrte Besserwisserei im Namen von was auch immer. Aber ist der Rückgang auf sich, aufs eigene Subjekt nicht eine ziemlich sterile Angelegenheit, mündet permanente Selbstbeobachtung nicht zwangsläufig in intellektuelle Dürftigkeit? Montaigne verneint diese sich selbst gestellte Frage.

Nicht zuletzt der Vergleich mit der Sinnesausstattung der Tiere zeigt mir meine eigenen Defizite. Dass gerade hierin die historische Chance des Menschen zur freien Selbstbestimmung liegt, wie es z. B. Pico della Mirandola 100 Jahre vor Montaigne so emphatisch in seiner fiktiven »Rede über die Würde des Menschen« herausgestrichen hatte, blendet der einsame Denker auf seinem Schloss aus. »Bildet euch nur nicht zu viel auf die angebliche Macht der Vernunft, die Wahrheit eures Glaubens ein!« Darin besteht der unausgesprochene Appell Montaignes an seine Zeitgenossen. In den Essays geht es nicht, so Dr. Vollet, um eine Verächtlichmachung des Denkens, der Vernunft – auf die sich ihr Autor ja zwangsläufig berufen muss, will er denn von seinen Lesern verstanden werden. In seinem »Über die Erfahrung« betitelten letzten Essay setzt Montaigne die menschliche erfahrungsgeleitete, unbestechliche Urteilskraft auf den »Präsidentenstuhl« – wie er sich ausdrückt. Sie ist es, die jeder Art von intellektueller Anmaßung Paroli bieten kann.



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