14. Oktober 2019, 17:00 Uhr

Armut im Alter

Warum in Friedberg viele Senioren nicht zur Tafel gehen

Obwohl vor allem Senioren immer mehr auf die Tafeln angewiesen sind, machen sie in Friedberg nur einen kleinen Teil aus. Nicht, weil sie es nicht nötig hätten. Peter Radl, der Vorsitzende, weiß warum.
14. Oktober 2019, 17:00 Uhr
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Von Katharina Gerung
2,50 Euro kostet der Einkauf bei der Friedberger Tafel für eine Person. Hier sollen sich die Kunden nicht wie Bettler, sondern wie gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft fühlen. (Foto: kge)

Bis zur Ausgabe sind es noch ein paar Minuten. Trotzdem drängt sich vor der Friedberger Tafel schon ungeduldig eine bunte Menschengruppe: mehrere Generationen, mehrere Nationen. Die Menschen kommen allein oder in ganzen Familien. Am Eingang müssen sie ihren Ausweis zeigen - beweisen, dass sie hilfsbedürftig sind.

Alle Kunden der Tafel sind auf Hilfe angewiesen. Trotzdem: Hilfsbedürftigkeit ist ein Wort, das hier nicht so gerne gehört wird. Es impliziert Schwäche, wie es scheint. Wer auf Hilfe angewiesen ist, ist auch nicht gleich arm. So sieht es Peter Radl, Vorsitzender der Friedberger Tafel. »Armut, was ist das schon? Wer definiert das?«, fragt er. An Materiellem könne man Armut festmachen - zum einen. »Armut ist aber auch eine innere Haltung.« Genau diese stehe vielen im Weg - vor allem älteren Menschen.

Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Tafel-Kunden in Deutschland um zehn Prozent auf aktuell 1,65 Millionen gestiegen. Das teilte der Dachverband Tafel Deutschland kürzlich mit. Bei Senioren sei der Anstieg mit 20 Prozent »dramatisch«. In Friedberg fällt das noch nicht auf. »Brechen wir die Zahlen des aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht auf Friedberg herunter, hätten wir gut 8000 Hilfsbedürftige«, sagt Radl. Versorgen würden sie nicht einmal 2000, Senioren seien bei Weitem nicht die größte Gruppe. Dabei hätten sie noch Platz und würden gerne mehr aufnehmen. »Die Leute und vor allem die älteren schämen sich aber hier herzukommen. Sie wollen keine Almosen. Und sie haben Angst, dass man sie sehen könnte.«

Wer sich bei den Kunden in der Kleinen Klostergasse umhört, bekommt ein Gespür dafür. Ursula D. beispielsweise hat lange gebraucht, um sich überwinden zu können. »Mir war es peinlich, hierher zu kommen. Das Gefühl klingt immer noch nach. Man legt das auch nach Jahren nicht ab«, erzählt die 69-Jährige. Früher sei sie Industriekauffrau gewesen, später Mutter und dann kam die Scheidung. »Ich dachte, mit 40 würde ich auf dem Arbeitsmarkt noch etwas zählen«, sagt sie. »Da hab ich mich aber vertan. Und dann ging es bergab.« Zahlreiche Krankheiten hätten ihr den Alltag zunehmend erschwert. Ihre Tochter habe sie schließlich dazu gedrängt, Pflegestufe III zu beantragen. »Man fühlt sich einfach nicht wie der Schrott, der man dann tatsächlich ist.« Sie kenne einige ältere und kranke Menschen, die sich trotz Anspruch nicht zur Tafel trauen würden. »Sie sind wie ich. Der Kopf denkt noch anders. Vor allem, wenn man mal ein anderes Leben hatte. Eines, nicht am unteren Ende der Gesellschaft.«

Radl kann diese Menschen gut verstehen: »Ich bin selbst ein alter Mann«, sagt der 75-Jährige lachend. Die Politik zur Versorgung im Alter sei eine Katastrophe. »Die Leute dachten damals, dass sie ausreichend versorgt werden. Und jetzt stehen viele vor dem Nichts«, sagt er. »Ich habe nie etwas vom Staat gebraucht, jetzt tue ich es auch nicht« - sei in den Köpfen vieler älterer Menschen verankert. Der Vorsitzende der Tafel will seinen Kunden das Gefühl geben, Mitglieder der Gesellschaft statt Bettler zu sein. Darum bezahlen die Menschen in Friedberg - wie es in vielen Tafel üblich ist - einen kleinen Betrag für ihre Lebensmittel. Der Betrag von 2,50 Euro ist nicht groß. Groß genug aber, um das Selbstwertgefühl zu stärken: Radl: »Das gibt vielen das Gefühl, die Leistungen hier zu verdienen.«



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