25. Oktober 2019, 11:00 Uhr

Mama-Power

Warum das Bad Nauheimer Unternehmen SPEVER hauptsächlich Mütter in Teilzeit einstellt

Nach der Geburt wurde Anja Arndt der berufliche Wiedereinstieg nicht leicht gemacht. Heute arbeitet sie bei ihrem Mann. Inspiriert von ihrer Situation, stellte Knuth Arndt weitere Mütter ein.
25. Oktober 2019, 11:00 Uhr
Meistens allein unter Frauen: Knuth Arndt beschäftigt in seiner Jobagentur Mütter, die nach der Geburt nicht Teilzeit in ihre alte Position zurückkehren konnten. Darunter seine Frau Anja Arndt (2.v.l.). (Foto: Nici Merz)

Lange Zeit hat Anja Arndt als Managerin in einem großen Hotel am Frankfurter Flughafen gearbeitet. Viele Stunden mit hohen Umsätzen und einigen Angestellten unter ihr. Dann wurde sie schwanger. Arndt wollte sich Elternzeit nehmen. Zwei, drei Jahre zu Hause bleiben, sich um das Kind kümmern und danach wieder arbeiten - in Teilzeit. Doch das Unternehmen, das sie einst für ihre Professionalität und Produktivität geschätzt hatte, legte ihr nun plötzlich Steine in den Weg.

»Muttersein ist ein Karriereknick«, sagt Arndt elf Jahre später. Ihre Kollegin Katharina Wagner nickt stumm: »Ist man Mutter, wird man auf dem Arbeitsmarkt degradiert«, fügt sie hinzu. »Man wird manchmal behandelt, als ob man etwas von seiner Intelligenz eingebüßt hätte.« Dabei sei es eigentlich nur die Flexibilität, die abhanden käme. »Trotzdem wird man irgendwie zu einer Entscheidung gedrängt: Ganz arbeiten oder gar nicht«, sagt Arndt.

Teilzeit scheint in der Arbeitswelt verpönt. »Es wird belächelt. Als ob man in Teilzeit nichts leisten könnte«, sagt Wagner, und Arndt ergänzt: »Man kommt oft nicht mehr in seine eigentliche Position. Stattdessen bekommt man irgendwelche anfallenden Aufgaben, für die man eigentlich völlig überqualifiziert ist.« Bei SPEVER, wo Arndt und Wagner heute arbeiten, ist das etwas anders. In dem Bad Nauheimer Unternehmen sind mit knapp zehn Frauen aktuell überwiegend Mütter in flexibler Teilzeit eingestellt.

Die Arbeitszeiten der Frauen sind individuell und richten sich nach den Kita- und Schulzeiten ihrer Kinder. Überschneiden sich viele Urlaubszeiten, schließt das Unternehmen kurzfristig. Wird ein Kind krank, teilen sich die anderen die Aufgaben der ausfallenden Mutter. Der Schlüssel für das gute Betriebsklima ist Flexibilität. Ein Konzept, das nicht nur die Arbeitnehmer würdigen: Als beispielhaft für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde SPEVER in diesem Jahr vom Kreis als »Familienfreundliches Unternehmen Wetterau« ausgezeichnet.

Für Geschäftsführer Knuth Arndt ist es völlig selbstverständlich, Mütter einzustellen. »Mütter sind genauso kompetent wie andere Frauen. Sie regeln den Haushalt, ihre Kinder und Termine. Sie managen ihr ganzes Leben«, sagt er. Für sie sei es leicht, auch eine Jobbörse zu koordinieren. SPEVER - ein Akronym für »Spezialisten Vernetzt« - bringt Unternehmen aus der Friseur- und Kosmetikbranche mit Arbeitnehmern zusammen. Unter der Dachmarke werden die Portale »Friseurjobagent«, »Beautyjobagent« und die Online-Magazine »Menschen im Salon« und »My Hair And Me« vereint.

Vor 15 Jahren arbeitete Knuth Arndt noch allein in seinem Unternehmen. Eine Vollzeitkraft konnte er sich nicht leisten. Als seine Frau keine Teilzeitstelle in ihrem alten Unternehmen bekam, sprang sie bei ihm ein. »Das hat super funktioniert. Sie hatte ihre Aufgaben und konnte kommen und gehen, wann sie wollte«, sagt Arndt. Weitere Mitarbeiterinnen aus dem persönlichen Umfeld der beiden kamen dazu. Mütter mit Fachkompetenz, die ebenfalls nicht zurück in ihre alte Position konnten.

Wo andere Arbeitgeber eine Schwäche sehen, sieht Arndt eine Stärke. Mit seinen flexiblen Arbeitsplätzen gewinnt er Frauen, die einzeln unflexibel sein mögen, sich im Team aber ergänzen. Sie wiederum schaffen weitere flexible Arbeitsplätze. Voraussetzung: Flache Hierarchien, viel Kommunikation und geteilte Kompetenzen. »Hauptsache, wir sind von 9 bis 17 Uhr für unsere Kunden erreichbar«, sagt Arndt. Große Kunden, zu denen unter anderem L’Oréal, Estée Lauder und Dior gehören. »Das sind Weltkonzerne. Das beweist auch irgendwie, dass wir einen guten Job machen«, sagt Anja Arndt. Wagner fügt hinzu: »Professionalität und Flexibilität schließen sich eben nicht aus.«

In der Arbeitswelt müsse ein Umdenken stattfinden. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels könne nicht auf das Wissen und die Kompetenzen der Mütter verzichtet werden. »Teilzeit ist ein notwendiges Zukunftsmodell«, sagt Arndt. Für alle, die nicht voll arbeiten wollen oder können. Die nebenher studieren, einen Angehörigen pflegen oder sich selbst verwirklichen. »Unternehmer müssen flexibel sein. Veraltete Strukturen ablegen. Sonst sterben sie aus.« Sie müssten zuhören: »Viele haben ihre Prioritäten verlagert«, sagt Anja Arndt. »Die jüngere Generation will mehr Zeit, statt viel Geld.«

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