31. Januar 2019, 20:17 Uhr

Von der Skepsis zur Toleranz

31. Januar 2019, 20:17 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Heiner Klemme

»Hume hat mich aus meinem dogmatischen Schlummer erweckt.« Dieses Lob des 1711 in Edinburgh geborenen David Hume aus dem Munde Immanuel Kants bezieht sich auf dessen philosophischen Feldzug aus dem Geist des Skeptizismus gegen jede Form rationalistisch-metaphysischer Philosophie und Theologie in der Nachfolge von Leibniz und dessen Schüler Christian Wolff. Professor Heiner Klemme von der Universität Halle unternahm es in seinem gut einstündigen Vortrag im Badehaus 2 des Sprudelhofs mit Erfolg, eine Schneise der Erkenntnis durch das umfangreiche philosophische Œuvre des schottischen Gelehrten zu schlagen.

Messer ohne Klinge

Was können wir wissen; welche Kriterien müssen erfüllt sein, um von echtem Wissen sprechen zu können? Humes Antwort lautet (stark vereinfacht): Nur was auf gesicherter Erfahrung beruht, darf Wissen genannt werden. Alles andere ist unbeweisbare Spekulation, leere Behauptung – »ein Messer ohne Stiel, dem die Klinge fehlt« (frei nach Lichtenberg). Aber was ist »Erfahrung«, was »Natur« und was »Geist« bzw. »Erkenntnis«? Hume unterscheidet, so der Referent, in seinen »Philosophical Essays concerning human understanding« von 1748 »Impressions« von »Ideas«, das heißt, sinnlich-konkrete Eindrücke von abstrakten Begriffen bzw. Vorstellungen. Eindrücke haben wir, wenn wir hören, sehen, fühlen, etc. Mit Begriffen beziehungsweise Vorstellungen reflektieren wir lediglich über diese ursprünglichen Eindrücke, die also grundsätzlich »Vorrang« vor jenen haben.

Lässt sich in diesem Kontext, so fragt Hume weiter, unser Begriff von »Kausalität« aufrechterhalten, das heißt, ist er aus sinnlichen Eindrücken abgeleitet oder bloß Ausgeburt substanzloser Spekulation? Hume verneint diese Frage und setzt sich damit in Gegensatz zum philosophischen »Mainstream« seiner Zeit. Unsere wiederholten Beobachtungen, dass ein Ereignis immer wieder auf ein anderes folgt oder dass sich Ereignisse – wie beispielsweise Sonnenauf- und -untergang – regelmäßig wiederholen, gibt uns noch nicht das Recht, angesichts dessen von immanenter Kausalität zu sprechen. Unsere Gewöhnung an die regelmäßige Aufeinanderfolge bzw. Wiederholung bestimmter natürlicher Abläufe ist der Grund für diesen »naturalistischen Fehlschluss«, so David Hume.

Dieser sein erkenntnistheoretischer Skeptizismus ist, so Klemme, Motiv für die Forderung nach Toleranz und Selbstbescheidung – auch und gerade in religiösen Dingen. Dass ein auf (scheinbar) ewig-unveränderlichen Gesetzen beruhender Kosmos Produkt eines weisen Schöpfers sein soll, wie es der sogenannte »physiko-teleologische« Gottesbeweis behauptet, beruht für den schottischen Freidenker auf leerer Spekulation jenseits aller Erfahrung. Mit dieser für seine Zeit radikalen These setzt sich Hume nicht zuletzt in Gegensatz zur schottisch-presbyterianischen Kirche und zieht sich den Ruf eines Atheisten zu.

Auch von seiner Zweiteilung moralischer Pflichten in ursprünglich-natürliche (wie zum Beispiel Respekt vor den Eltern) und abgeleitet-künstliche (zum Beispiel Gerechtigkeit) erfuhren die Hörer eines faszinierenden Vortrags, für den sie sich mit viel Beifall beim Referenten bedankten. (Foto: gk)



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