03. Juni 2019, 20:03 Uhr

Von Quetschwesch und Rollator-Rowdys

03. Juni 2019, 20:03 Uhr

Was beschäftigt Menschen und insbesondere Frauen, wenn sie die 50 überschritten haben und sich irgendwie alt fühlen? Birgit Süß ging dieser Frage am Samstagabend im Theater Altes Hallenbad nach.

In ihrem aktuellen Programm »Paradies. Und das.« beschäftigt sich die ausgebildete Jazzsängerin und Kabarettistin, die genau in dieser Lebensphase angekommen ist, mit den alltäglichen Kleinigkeiten, mal bissig-satirisch, mal etwas melancholisch, oft auch schrill und schräg.

Andrej Seuss von der Kultur-AG hatte in seiner Begrüßung den Besuchern einen kurzweiligen Abend versprochen. Er sollte Recht behalten. »Wir machen heute die Kurzversion, damit sie nachher noch angrillen können«, meinte denn auch die Würzburgerin in ihrer Begrüßung am bis dahin heißesten Tag des Jahres. Das tat die bekennende Fränkin dann doch nicht, vielmehr stellte sie sich als Chansonnette vor und sang im schönsten Fränkisch einen »Schangsonn aus Frangreisch«, in dem sie die französische Lebensweise auf ihre ganz besondere Art und Weise lobt.

Begleitet wird sie bei ihrer Version des Piaf-Klassikers »Je ne regrette rien« von Gitarrist Chris Adam, der im Verlauf des Abends auch als Backgroundsänger und mit einem exzellenten Solo auf der Akustikgitarre überzeugt. Den Rest des Abends verbringt er mehr oder weniger ruhig auf der Bühne, verzieht hin und wieder das Gesicht oder spielt leise zur Untermalung des oft rasanten Sprachgewitters seiner Mitstreiterin.

Süß: »Bei vielen Menschen fängt die Kultur beim Tatort an und hört bei Rosemarie Pilcher auf.« Dazu passt ihr »Helene-Song«, dem sie ihrer »Mami« widmet, die an Weihnachten die Helene-Fischer-Show anschaut, während sie sich langweilt.

Die Besuche ihrer Mutter, die immer mit den Worten »Räum’ doch mal auf, was für ein Chaos«, beginnen, nutzt die Komödiantin, um über den Umgang mit »alten Müttern« zu philosophieren. Wie hätten Picasso oder Hitler auf so einen Besuch reagiert? Die Antwort gibt Süß prompt: »Picasso hätte kein Bild gemalt. Hätte Adolf sein Leben strukturiert, wäre uns vieles erspart geblieben.« Musikalisch beendet sie diesen etwas anderen Geschichtsausflug mit einem »Picasso-Flamenco«.

Doch was beschäftigt Frauen jenseits der 50 noch? Natürlich die Menopause, bei der »unten alles in Rente geht«, wie sie es treffend formuliert. Stattdessen wird nun Quetschwesch getragen, wie die Franken die Stützstrümpfe und all das, wo Frau sich reinzwängt und kaum wieder rauskommt, bezeichnen. Und wenn sie etwas depressiv wird, dann bleibt sie halt liegen, worüber sie in einer ruhigen Ballade sinniert, um sich dann zu fragen, ob Männer überhaupt mal aus der Pubertät rauskommen.

Friedhof wird Kontakthof

Im zweiten Programmteil beschäftigt sie sich mit der Beziehung von Mann und Frau im Alter. »Sex wird überbewertet, ich hatte das letztens auch mal«, bekennt sie und hat auf die obligatorische Männerfrage nach dem Sex: »Schatz, wie war ich?« eine ganz einfache Antwort: »Schwer.«

Und ist der Liebste schon unter der Erde, dann wird der Friedhof zum Kontakthof für ältere Semester, die als Rollator-Rowdys immer krimineller werden. So wird das Gefängnis zum Mehr-Generationen-Haus. Ihr Fazit: »Man merkt, dass man älter wird, weil rundherum alles jünger wird.« Dem konnten auch die Besucher folgen, die nach dem jazzig-swingenden Finale begeistert applaudierten und mit dem bissig-satirischen Chanson »Eva, du hast Adolf geküsst, das war nicht gut«, als Zugabe belohnt wurden.

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