27. August 2019, 20:23 Uhr

Vom Licht der Vernunft

27. August 2019, 20:23 Uhr
Der ehemalige Vorsitzende des Friedberger Geschichtsvereins, Hans Wolf, hat einen Vortrag bei der »Sommeruni« gehalten. (gk)

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit«. Dieser berühmt gewordene Satz Immanuel Kants aus seiner Schrift »Was ist Aufklärung?« von 1784 bildete das Motto für Hans Wolfs Panorama der (west-)europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts. Der ehemalige Vorsitzende des Friedberger Geschichtsvereins spannte bei der »Friedberger Sommeruni« den Bogen weit: Zum einen gewährte er Einblick in die deutsch-französisch-englische Aufklärung - mit einem Seitenblick auf die englischen Kolonien in Nordamerika, deren Siedler sich in der von aufklärerischem Geist geprägten »Declaration of Independence« vom 4. Juli 1776 vom Mutterland lossagten.

Des Weiteren beleuchtete Wolf die unterschiedlichen Ebenen der Aufklärung und des Rationalismus: von der politischen Theorie über Wissenschaft, Pädagogik, Kunst und Literatur bis hin zum Militär.

Schließlich skizzierte er knapp die Zentralgestalten dieser säkularen Bewegung, ohne die das heutige Europa nicht vorstellbar wäre. Stand der Kontinent über tausend Jahre lang im Zeichen des Christentums und seiner Konfessionen, setzte bereits im 16. Jahrhundert die machtvolle Gegenbewegung ein: Im wesentlichen getragen vom Bürgertum, wurde der universelle Wahrheitsanspruch christlicher Theologie zunehmend infrage gestellt - bis hin zum Atheismus und Materialismus radikaler französischer Denker wie La Mettrie, d’Holbach unter anderem politische Theoretiker wie Hobbes, Locke, Voltaire und Rousseau bereiteten, so der Referent, mit ihren Lehren vom »Gesellschaftsvertrag« gewollt oder nicht den Weg für die antifeudale Französische Revolution von 1789 als Geburtsstunde der bürgerlichen Gesellschaft.

Dass »die« Aufklärung alles andere als eine homogene »Bewegung« war, zeigte Wolf am Beispiel des Heiligen Römischen Reiches. In deutschsprachigen Monarchien wie dem Preußen Friedrichs des Großen oder Österreich unter Joseph II. blieb Aufklärung im wesentlichen unpolitisch - auf den literarisch-künstlerisch-philosophisch-wissenschaftlichen Bereich beschränkt.

Der sogenannte »aufgeklärte Absolutismus« war bestenfalls Reform von oben ohne aktive Mitwirkung der Untertanen - getreu der Devise Josephs II.: »Alles für, nichts durch das Volk«.

England ist Gegenpol

Gegenpol zum Heiligen Römischen Reich ist England. Hier setzt bereits im 16. Jahrhundert eine Verbürgerlichung des niederen Adels , der »gentry«, ein. Ständestaatlich-absolutistische Strukturen weichen der Herausbildung einer konstitutionellen Monarchie, der ein starkes Parlament gegenübersteht. Diesen Prozess zeigte der Referent anhand klassischer Texte der englischen Verfassungsgeschichte auf (»Bill of Rights«, »habeas corpus«-Akte). Dass aufklärerisches Denken auch - meist ungewollt - zum Wegbereiter von Gewalt werden kann, erhellt unter anderem aus dem englischen Bürgerkrieg der 1640er Jahre, der in der Hinrichtung des Stuartkönigs Karl I. im Jahr 1649 seinen traurigen Höhepunkt erlebt. Anderthalb Jahrhunderte später ereilt den französischen König Ludwig XVI., seine Frau Marie Antoinette sowie Tausende Aristokraten und Bürger dasselbe Schicksal. Radikale Jakobiner wie Robespierre und St. Just verhängten diese Terrorurteile unter anderem unter Berufung auf Rousseaus Schrift »Du contrat social« mit seiner im Kern totalitären Lehre von der »Volonté générale«, der sich jeder Staatsbürger zu unterwerfen habe. Wolfs einstündige erhellende »tour de force« wurde mit dankbarem Beifall quittiert.

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