19. Dezember 2018, 18:41 Uhr

Voller Schmerzen, Leid und Entsetzen

19. Dezember 2018, 18:41 Uhr
RIN
Wie wichtig eine kompromisslose Haltung gegen rechtes Gedankengut ist, machen (v. l.) Isil Yönter, Andreas Balser und Dorothea Marx deutlich. (Foto: rin)

Mit einer beeindruckenden Inszenierung besuchte die Bühne für Menschenrechte das Theater Alte Mühle: die NSU-Monologe. Vier Schauspieler sprechen die zu einem Theaterstück verdichteten Originalaussage einiger Angehörige der Mordopfer. Das Stück verstört und schockiert und ist gerade deswegen herausragend und wichtig.

Als das letzte Wort von Aydin Isik verklingt, passiert eine Weile erst mal nichts. Anderthalb Stunden lang hat er zusammen mit drei Schauspielerkolleginnen das Publikum in der Alten Mühle mit authentischen Aussagen von Angehörigen der NSU-Opfer konfrontiert. Es herrscht gebannte Stille, Schockstarre.

Man könnte sagen, das Publikum war begeistert von der schauspielerischen Leistung und der Dramaturgie des Stückes, sicherlich, doch der Inhalt lässt Begeisterung kaum zu. Viel eher ist es Entsetzen und Wut, manch einem stehen Tränen in den Augen.

Geschichte der Opfer

Zwischen September 2000 und April 2006 ermordete der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) neun türkischstämmige Kleinunternehmer. Erst als Ende 2011 die Neonazis Mundlos und Böhnhardt tot aufgefunden und als Täter der Mordserie festgestellt wurden, erregten die Taten öffentliches Aufsehen. Was vielmals in Vergessenheit geriet, sind dabei die Geschichten der Opferangehörigen.

Ausführlich interviewten Aktivisten der Berliner Bühne für Menschenrechte die Angehörigen Ismail Yozgat, Elif Kubasik und Adile Simsek und verdichteten deren Aussagen zu einem Wortlaut-Theater. Nachdrücklich erzählen die Schauspieler Aydin Isik, Barcin Keskin, Kristin Heil und Elisabeth Pleß die Geschichten der Angehörigen. Dabei werden sie nicht zu theatralisch und treffen mit eben dieser Authentizität noch viel mehr das Mark der Besucher.

Tränen in den Augen

Es geht um die Vorgeschichte: Es geht um Menschen, die ihr Leben selbst in die Hand genommen haben, es mit Fleiß zu etwas brachten, und es geht darum, wie Halit, Mehmet und Enver mehrmals in den Kopf geschossen wird – bloß weil sie Türken sind.

Das Leid beginnt und kommt ganz anders als vermutet, denn es bleibt keine Zeit zu trauern. Ehe sie sich versehen, sitzen die liebenden Angehörigen in Verhörzimmern und werden des Mordes beschuldigt. Sie sind mittendrin in einem gigantischen Skandal.

Der Zuschauer wünscht sich, das alles wäre ein verdammt gut vorgetragener Thriller, doch es ist echt. Wie deutsche Ermittlungsbehörden derart versagen können, es schmerzt jeden Besucher des Theaters beim Anblick der tränenverquollenen Augen der Schauspieler. Sie durchleben das Martyrium ihrer Protagonisten und die Zuschauer gleich mit.

Als das Stück endet sind die Zuschauer zwar befreit von diesem Gewitter an wütenden und verzweifelten Worten, doch nicht von ihren Gedanken. Um diese einordnen zu können und das Stück zu verarbeiten, gehört es zum Konzept der Bühne für Menschenrechte, im Anschluss ein Expertengespräch zu führen.

Dafür sind der Vorsitzende der Antifaschistischen Bildungsinitiative, Andreas Balser, und die Thüringer Landtagsabgeordnete Dorothea Marx (SPD) in die Quellenstadt gekommen. Marx leitet in Thüringen den nun schon zweiten NSU-Untersuchungsausschuss und gibt den knapp 30 Zuschauern in der ernüchternd besuchten Alten Mühle spannende Einblick in die Arbeit des Gremiums. Die Politikerin übt scharfe Kritik daran, dass immer wieder die Ermittlungen durch Spitzel, die nicht enttarnt werden dürften, verhindert wurden.

Andreas Balser spürt die Auswirkungen rechten Gedankenguts tagtäglich bei seiner Präventionsarbeit. Doch, auch das macht Balser deutlich, sollte sich die Kritik nicht zu sehr auf Organisationen fixieren. Wichtiger sei es, sich stets mit allen, die sich gegen rechte Gedanken engagieren, zu solidarisieren: »Denn das haben wir bei den NSU-Taten alle verpasst.«

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