18. Juli 2019, 19:23 Uhr

Virtuoses Orgelspiel für guten Zweck

18. Juli 2019, 19:23 Uhr
Ulrich Seeger

Stadtkirche Friedberg am vergangenen Sonntag: Kantor Ulrich Seeger zieht in seinem knapp zweistündigen Konzert mit virtuoser Orgelmusik vom Barock bis zur Gegenwart alle Register und beschert damit den zahlreich erschienenen Zuhörern ein wunderbares abendliches Erlebnis. Tonsetzer des ersten von fünf immer länger und komplexer werdenden geistlichen Werken ist der 1654 geborene und von 1702 bis zu seinem Tod im Jahr 1740 das Amt des Organisten an St. Nikolai zu Hamburg bekleidende Vincent Lübeck. Er gilt als Dietrich Buxtehudes bedeutendster Schüler.

Kantor Seeger brachte das Präludium in d-Moll zu Gehör - ein virtuoses Werk mit beeindruckenden Pedalsoli. Nach einem Choralkonzert von Lübecks Zeitgenossen Georg Böhm folgte mit Buxtehudes Präludien in C-Dur und g-Moll der erste Höhepunkt des Abends in der Stadtkirche.

Als Haupt der seit Ende des 17. Jahrhunderts im gesamten Ostseeraum und darüber hinaus stilbildenden »Norddeutschen Orgelschule« bekleidete Buxtehude 39 Jahre lang von 1668 bis zu seinem Tod 1707 das Organistenamt an St. Marien in Lübeck. Vor allem sein Präludium in C-Dur begeistert mit der virtuosen Eröffnung im Stil einer Toccata. Man versteht, warum der 20-jährige Johann Sebastian Bach im Jahre 1705 zu Fuß mehr als 400 Kilometer vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck und zurück gepilgert ist, um Meister Buxtehude kennenzulernen. Hätte er das Angebot, dessen Tochter Anna Margareta zu ehelichen, nicht ausgeschlagen, wäre Bach zwei Jahre später Buxtehudes Nachfolger in Lübeck geworden. Das g-Moll-Präludium mit meisterhaftem Pedalsolo klingt nach einer machtvollen Fuge mit einer fast »romantischen« Ciacona aus.

Ein glücklicher Einfall Ulrich Seegers war die Auswahl des folgenden Werkes des 2007 verstorbenen tschechischen Komponisten Petr Eben. Zu Buxtehudes 350. Geburtstag im Jahre 1987 schuf er die vierteilige »Hommage à Buxtehude«. Wie ein breiter akustischer Strom ergießt sich deren Eröffnung mit Motiven aus Buxtehudes C-Dur-Präludium in den weiten Kirchenraum. Das folgende spannungsgeladene Fugato zitiert das g-Moll-Präludium des Lübecker Meisters.

Seegers empathische, meisterhafte Interpretation ließ den ekstatischen, die Grenzen der Tonalität überschreitenden Schlusssatz von Ebens Hommage zu einem bewegenden Erlebnis werden. Lang anhaltender Beifall stand am Ende des ersten Konzertteils.

Nach Wein- und Sektgenuss in der Pause war die zweite Hälfte des Abends einem einzigen Tonsetzer gewidmet: Sigfrid Karg-Elert. Er wirkte von 1919 bis 1932 als Dozent für Musiktheorie und Komposition am Leipziger Konservatorium. Im April 1933 starb der von den Nazis in das berüchtigte »Lexikon der Juden in der Musik« aufgenommene Tonsetzer im Alter von nur 55 Jahren. Neben drei Choralbearbeitungen, op. 65 brachte Kantor Seeger Karg-Elerts symphonischen Choral, op. 87 (»Ach bleib’ mit deiner Gnade«) zu Gehör.

Dank Seegers Erläuterungen zu den komplexen Werken des bis in die 60er Jahre hinein vergessenen beziehungsweise verkannten Komponisten erhielt auch der musikalische Laie einen Zugang zu der so hochfahrend-stolzen wie demütig-bescheidenen Choralkunst Karg-Elerts.

Nach stillem Beginn in Es-Dur lotete »Ach bleib’ mit deiner Gnade« alle nur denkbaren Gefühlslagen dessen aus, der Gott inbrünstig aber nicht unterwürfig um Schutz und Schirm bittet. Kurz vor 21 Uhr endet das Benefizkonzert zugunsten der Sanierung der Stadtkirchenorgel mit einem intensiven Applaus. (Foto: gk)

Schlagworte in diesem Artikel

  • C-Dur
  • Georg Böhm
  • Johann Sebastian Bach
  • Kantoren
  • Kunst des Barock
  • Kunstwerke
  • Organisten
  • Orgelmusik
  • Petr Eben
  • Sebastian Bach
  • Vincent Lübeck
  • Friedberg
  • Gerhard Kollmer
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen