14. November 2019, 20:28 Uhr

Vier Hände auf einem Instrument

14. November 2019, 20:28 Uhr
Die Zwillinge Clara und Marie Becker sind in einer musikalischen Familie aufgewachsen und haben im Grundschulalter mit dem Klavierspielen begonnen. (Foto: pv)

Am achten Abend der Kammerkonzert-Reihe, die der Fachdienst Kultur und Sport der Stadt in Verbindung mit dem Kulturforum veranstaltet, interpretierten die Geschwister Clara und Marie Becker Klavierkompositionen für vier Hände aus verschiedenen Epochen der Musikgeschichte.

Sie begannen mit Franz Schuberts Rondo in A-Dur, dem letzten seiner zahlreichen Klavierwerke dieser Art. Schubert stellt darin gleich zu Beginn das Thema in Gestalt einer klangvollen, volksliedhaften Melodie vor, die er dann in einem Reigen unterschiedlicher Bearbeitungen immer wieder in den Vordergrund stellt und zuletzt in festlichen Akkorden zum Ende führt. Das Thema der folgenden Variationen in As-Dur hat Schubert selbst gewählt.

Erstaunliche Talente

Es wird bestimmt von drei gleichen kurzen Tönen, von denen sich ein vierter mit energischem Sprung nach oben löst. Die Dynamik dieses Motivs bringt Schubert in acht Variationen zur Geltung, jede bestimmt von eigener Tonstärke und Grundstimmung. Dabei setzt er bewegte Läufe, Akkorde, auch gebrochene, Dur- und Moll-Stimmungen und den Wechsel in der Führung zwischen den oberen und den tieferen Tonlagen so einfallsreich ein, dass die Zuhörer ihre Ohren und den Musikverstand einsetzen müssen, um das achtmal wiederkehrende Thema jeweils neu zu entdecken. Nach diesen Variationen war jedem Zuhörer klar, dass die beiden jungen Pianistinnen über eine erstaunliche Fülle interpretierender Ausdrucksmöglichkeiten verfügen. In den »Six Epigraphes Antiques« verweigerte sich Claude Debussy der schönen Melodie und ihrer harmonischen Ausgestaltung. Wie Denkanstöße wirken deshalb der Wechsel von Zusammenspiel und Gegensatz zwischen oberer und unterer Stimme und die Veränderungen des Rhythmus in den einzelnen Stücken. Akkordfolgen werden häufig von einstimmigen Sequenzen abgelöst, die sich bis zur Eintönigkeit auszudehnen wagen. Dann wieder lässt der Komponist die obere Stimme sich spielerisch entfalten, von gleichmäßigen Schritten ruhig in der Tiefe begleitet, bis ein wilder hoher Aufschrei diese Gesetztheit stört, um sich erst mit den ruhigen Takten in der Tiefe zu beruhigen. Mit diesen eher zum verstehenden Denken als zum bloßen musikalischen Genuss bewegenden Kompositionen Debussys gelang es den jungen Pianistinnen, einen deutlichen Kontrast zu den anderen Kompositionen des Abends zu setzen.

Kennzeichnend für die Komposition »Night« des 1970 geborenen türkischen Pianisten Fazil Say fällt auch hier zunächst die Gestaltung des Rhythmus auf, der sich in den tieferen Lagen wuchtig, aber zügig, bisweilen wie »grummelnd« entwickelt, während in der Höhe Tonläufe und -sprünge ihr Spiel treiben. Die Steigerung von Rhythmus und Tonstärke führt aber dann die bislang an die Tasten der Klaviatur gebundene Linke der Musikerinnen in einer Art aufrührerischer Erhebung zum unmittelbaren Griff in die Saiten des Flügels, die sie bald einzeln, bald gemeinsam, zupfend oder klopfend zum eigenständigen Klingen bringen, dabei jedoch weiter vom Spiel der rechten Hände musikalisch dirigiert eine Steigerung, die nicht nur die jungen Künstlerinnen, sondern auch ihre Zuhörer begeistert hat.

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