21. Januar 2018, 06:00 Uhr

Breitband-Ausbau

Verwirrungen im Wetterauer Breitband-Dschungel

Der Breitband-Ausbau in Ober-Mörlen und dem Ortsteil Langenhain-Ziegenberg bleibt auch nach der Fertigstellung ein Thema. Der Grund: Es herrscht Verwirrung. Nun klären die Firmen auf.
21. Januar 2018, 06:00 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler
Breitband-Internet gibt es in Langenhain-Ziegenberg mittlerweile (fast) überall – es ist nur eine Frage des Anbieters. Die Firma Nexiu aus Wehrheim hatte sich in dem Ober-Mörler Ortsteil die Rechte für den Ausbau bei der Bundesnetzagentur gesichert, in der Kerngemeinde hat die Telekom ausgebaut. Kooperationen gibt es aber nicht. (Symbolfoto: dpa) (Foto: Matthias Balk (dpa))

Internet mit Geschwindigkeiten von bis 100 Megabit pro Sekunde – in Ober-Mörlen und Langenhain-Ziegenberg sind mit dem Breitband-Ausbau im vergangenen Jahr moderne Zeiten angebrochen. Dennoch gibt es noch Verwirrung und Skepsis.

Marianne Tippmann, Inhaberin einer Agentur für Gesundheitskommunikation aus Langenhain-Ziegenberg, ist etwa Telekom-Kundin – bekommt aber kein schnelles Internet. Immerhin von 1 Mbit/s auf 2 Mbit/s hat das Unternehmen ihre Leitung kürzlich gebracht. »Seitdem ist es schon besser, auch wenn es immer noch schneller gehen könnte«, sagt sie. Der Grund: In Langenhain-Ziegenberg hat die Firma Nexiu aus Wehrheim des Ausbau des sogenannten VDSL2-Netzes übernommen. Sie hatte sich bei der Bundesnetzagentur die sogenannte Vectoring-Exklusivität eintragen lassen und durfte damit alleine die vier Kabelverzweiger ausbauen. Dies habe laut Bürgermeister Jörg Wetzstein auch gut geklappt: »Nexiu hat das Zeitfenster eingehalten, auch wenn es am Anfang Beschwerden gab, dass der Ausbau in zwei Bauabschnitten erfolgte.«

 

Nexiu mit Situation in Langenhain-Ziegenberg zufrieden

 

Nun gilt allerdings: Wer in Langenhain-Ziegenberg schnelles Internet haben will, muss zu Nexiu wechseln. Das liegt aber nicht alleine am Wehrheimer Unternehmen, sondern vor allem daran, dass Mitbewerber wie etwa die Telekom kein Interesse haben, eine Kooperation einzugehen. »Wir bieten die Zusammenschaltung mit anderen Anbietern an. Das wäre mir sogar Recht, denn dann würden wir nur die Leistungsperformance vermieten und der Anbieter müsste sich um den Service beim Kunden kümmern. Aber dafür sind wir schlicht zu klein«, sagt Nexiu-Geschäftsführer Christopher Mandt.

Er ist dennoch zufrieden mit dem Ausbau in Langenhain-Ziegenberg: »Die Anmeldezahlen steigen stetig.« Es gebe neben rund 40 Funk-Bestandskunden aus früheren Jahren bereits 90 Breitband-Kunden sowie 30 weitere Bestellungen. Bei insgesamt 432 Haushalten hat er damit einen Marktanteil über den ursprünglich angestrebten 40 Prozent. »Es war sehr holprig, sich anfangs mit allen Akteuren auseinanderzusetzen, aber es hat sich rentiert«, sagt Mandt. »Auch wenn es in dieser Dreierkonstellation mit der BIGO damals gerade am Anfang Skepsis gegenüber einem kleinen Unternehmen wie uns gab.«

 

Telekom will keine Kooperation mit dem kleinen Mitbewerber

 

Ursprünglich schien kein Unternehmen Interesse an einem Ausbau in Ober-Mörlen zu haben, sodass sich die Gemeinde gemeinsam mit anderen Kommunen zur sogenannten Breitband-Infrastruktur-Gesellschaft (BIGO) zusammengeschlossen hatte. Anschließend übernahm jedoch die Telekom den Ausbau in Ober-Mörlen, Nexiu in Langenhain-Ziegenberg – ohne dass die Gemeinde investieren musste.

Unterdessen bestätigt die Telekom, dass es derzeit kein Interesse gebe, selbst einen Ausbau in Langenhain-Ziegenberg voranzutreiben. Auch die Zusammenschaltung mit Nexiu sei nicht geplant. Ersteres liege an den Kosten, zweiteres am technischen Aufwand. Pressesprecher George-Stephen McKinney: »Wenn ein Anbieter nur ein paar tausend Kunden hat, dann müssen wir uns mit 28 Millionen Kunden schon fragen, ob sich eine Zusammenschaltung lohnt.« Ohnehin verdient die Telekom laut Nexiu-Chef Mandt jetzt schon mit, denn sein Unternehmen müsse die Kupferleitungen von der Straßenecke bis zum Haushalt nutzen – und die gehörten der Telekom. Kostenpunkt: gut 7 Euro pro Monat und Anschluss. Dennoch seien die Preise »marktorientiert«.

 

Glasfaser-Ausbau in Wetterauer Ortschaften nicht geplant

 

Änderungen könnte es erst Ende 2019 geben. Dann könnte es laut Gesetz zu einer Kündigung der Vectoring-Exklusivität kommen. Dann könnten auch Telekom-Kunden in den Genuss von schnellem Internet kommen. Allerdings müssten Mitbewerber bestehende Kunden zu bestimmten Bedingungen übernehmen. Das sei laut Mandt aufgrund des Aufwands im Vergleich zum Marktpotenzial im Falle der beiden Wetterauer Ortschaften aber »eher unwahrscheinlich«.

Der nächste Schritt ist laut Mandt ist der Glasfaser-Ausbau, dank dem Geschwindigkeiten jenseits der mit Kupferkabel möglichen 200 Mbit/s realisierbar seien. In Langenhain-Ziegenberg und dem zweiten Nexiu-Standort im Wetteraukreis – dem Butzbacher Stadtteil Bodenrod – sei das aufgrund des fehlenden Marktpotenzials aber nicht geplant.

Meinung

Kommentar: Versagen des Staates

Jeder Deutsche soll mit Hochgeschwindigkeit im Internet unterwegs sein, digital an der Gesellschaft teilhaben, und die Wirtschaft soll im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig sein – so will es die Bundesregierung. Die Realität sieht anders aus. Der Breitbandausbau kommt langsamer voran als geplant. Immer öfter kommt die versprochene Bandbreite nicht beim Kunden an. Zudem: Wie man am Beispiel Langenhain-Ziegenberg sieht, ist der Kunde in vielen Bereichen Deutschlands, in denen nicht die Telekom ausbaut, mehr oder weniger gezwungen, sich einem bestimmten Anbieter zu unterwerfen.
Große Privatunternehmen haben schlicht kein Interesse, an kleinen Orten das Internet auszubauen. Es rechnet sich für sie nicht. Aber auch dort gibt es Menschen, die gerne schnelles Internet hätten, und Geschäftsleute, die in der heutigen Zeit darauf angewiesen sind, um konkurrenzfähig zu sein. So etwas nennt man Standortfaktor. Wollen wir nicht noch mehr Pendler haben, die zum Arbeiten in die Großstadt fahren, nicht noch höhere Mieten in den Städten bei gleichzeitig aussterbenden Regionen auf dem Land, sollte sich die Politik dringend Gedanken machen, wie das Netz flächendeckend und kostengünstig für den Verbraucher auszubauen ist – ohne Gesetzeswirrwarr. Die nächste Chance ist der Glasfaser-Ausbau. Hier hinkt Deutschland im europaweiten Vergleich deutlich hinterher. (Von Philipp Keßler)



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