Wetterau

Versailles als Illusion?

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Herbst 1918 und nach über vier Jahren des Leidens und Sterbens auf den europäischen Schlachtfeldern richteten sich auf die am 18. Januar 1919 eröffnete Pariser Friedenskonferenz große Hoffnungen und enorme Erwartungen. Doch diese Hoffnungen und Erwartungen wurden enttäuscht, sie erwiesen sich als Illusion. Den Friedensmachern gelang es nicht, eine stabile und friedliche internationale Ordnung zu schaffen. Was waren die Gründe dafür?
11. März 2019, 22:23 Uhr
Redaktion
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Prof. Eckart Conze (M.), hier eingerahmt von Schulleiter Ingo Baumgarten (l.) und Prof Alexander Jendorff (Burggymnasium), hat den Vortrag gehalten. (Foto: pv)

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Herbst 1918 und nach über vier Jahren des Leidens und Sterbens auf den europäischen Schlachtfeldern richteten sich auf die am 18. Januar 1919 eröffnete Pariser Friedenskonferenz große Hoffnungen und enorme Erwartungen. Doch diese Hoffnungen und Erwartungen wurden enttäuscht, sie erwiesen sich als Illusion. Den Friedensmachern gelang es nicht, eine stabile und friedliche internationale Ordnung zu schaffen. Was waren die Gründe dafür?

Die Komplexität eines globalen Friedensschlusses stellte die Pariser Konferenz vor eine nahezu unlösbare Aufgabe, argumentierte Professor Eckart Conze. Der Marburger Historiker, Autor eines kürzlich erschienenen Buches über das Ende des Ersten Weltkriegs und den Versailler Vertrag, war auf Einladung des Burggymnasiums zu einer Veranstaltung im Rahmen der »Friedberger Burggespräche« in die Schule gekommen. Seiner Ansicht nach belastete auch die Tatsache, dass nach 1918 der Krieg in den Köpfen andauerte – ganz besonders zwischen Frankreich und Deutschland – den Frieden schwer. Denn nicht nur waren die Diplomaten und Staatschefs mit ihren Beratern und Experten von der schieren Menge der Probleme und deren Komplexität überfordert, sondern auch die Erwartungshaltungen der Bevölkerungen verkomplizierten den Friedensschluss zusätzlich.

In allen europäischen Gesellschaften, die am Großen Krieg beteiligt waren, existierte eine geradezu paradoxe Spannung zwischen einer wachsenden Friedenssehnsucht und dem propagandistisch genährten Willen zum »Siegfrieden«, also zu einem Frieden ohne Ausgleich und Verständigung. So führten gerade die im Krieg erlittenen Traumatisierungen dazu, dass der gegenseitige Hass stärker war als die Einsicht in die Notwendigkeit von Verständigung und Versöhnung. Das Ergebnis war der Versailler Vertrag, der vielen Franzosen zu mild erschien, der den Briten und Amerikanern als ökonomisch widersinnig galt und der von den Deutschen als »Schanddiktat« und »Gewaltfrieden« aufgefasst wurde. Im Ergebnis rechneten viele Zeitgenossen in Folge mit einem weiteren großen Krieg in 20 Jahren, also 1939 – eine grotesk präzise Prognose. Dennoch, so betonte Conze, gab es keine direkte Linie von Versailles in den Zweiten Weltkrieg. Die Situation im Jahre 1919 und in den Jahren danach war offen. Die deutsch-französische Verständigungspolitik der mittleren 1920er Jahre, die von Gustav Stresemann und Aristide Briand betrieben wurde, zeigte dies deutlich. Sie fand ihren Niederschlag nicht nur in der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund 1926, sondern auch in der Aufhebung der Reparationsproblematik 1932. Schließlich verwies Conze auf die Aktualität des Friedens von 1919, der Auswirkungen bis in die Gegenwart hat.

Renommierter Historiker

Er sprach in diesem Zusammenhang über den Nahen Osten und die Palästina-Frage, auf den Balkan (die weiterhin bestehenden Spannungen zwischen den Balkanstaaten und Ethnien) sowie auf Entwicklungen in Asien (die Vietnam-Kriege der 1950er und 1960er Jahre oder das neue Selbstbewusstsein Chinas).

Die gut 200 anwesenden Zuhörer – Schülerinnen und Schüler der Qualifikationsphase, aber auch viele Friedberger Bürger – folgten dem Vortrag gespannt und diskutierten anschließend noch intensiv mit Professor Conze, der zu Deutschlands renommiertesten Historikern für das 20. Jahrhundert zählt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Versailles-als-Illusion;art472,563165

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