19. März 2019, 21:11 Uhr

»Veronika, der Lenz ist da«

19. März 2019, 21:11 Uhr
Gerhard Schaubach

Wien, die Metropole der 1918 untergegangenen Donaumonarchie, war in den Jahrzehnten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eines der großen Zentren von Musik und Literatur. Dies gilt auch für die leichte Muse. Es waren Klavierstücke und Texte aus diesem populären Genre, die beim regelmäßig im evangelischen Gemeindehaus stattfindenden »Kaicher Kirchencafé« von dem bewährten Duo Gerhard Schaubach am Piano und der Friedberger Schauspielerin Monica Keichel gespielt und rezitiert wurden – zur Freude der Gäste, die bei Evergreens wie »Im Prater blühn wieder die Bäume«, »Wochenend‹ und Sonnenschein« oder »Schöner Gigolo« fleißig mit einstimmten.

Monica Keichel begann den Reigen ihrer Rezitationen mit Peter Altenbergs melancholischem Text »Im Volksgarten«: Das reiche Mäderl bekommt von seinen Eltern viele Luftballons geschenkt, die es übermütig einen nach dem andern in den Himmel überm Prater entschwinden lässt. Dem armen, sie bewundernden Mäderl schenkt sie einen Ballon, den dieses mit in seine armselige Wohnung nimmt und dort bis an die niedrige Stubendecke aufsteigen lässt. Denn sie will ihn auf keinen Fall verlieren. So bleibt der Ballon am »Plafond« »biggen« und fällt – schlaff und leer geworden – nach ein paar Tagen herunter.

Verkanntes Genie

Mit solch bewegenden Momentaufnahmen gelingt es dem »Kaffeehausliteraten« Altenberg immer wieder, einen Blick hinter die glänzende Fassade des »Goldenen Wien« zu werfen.

Auch die Reverenz an Erich Kästner, der zweimal mit seinem lieben »Muttchen« in Bad Nauheim kurte, durfte nicht fehlen (»Tagebuch eines Herzkranken«). »Ein Freund, ein guter Freund«; »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt«: Die beiden Hits der frühen 30er Jahre haben auch über 80 Jahre später nur wenig von ihrem damaligen Reiz verloren. Das Wiener Allroundtalent André Heller zeigt uns in seinem mitreißenden Dramolett »Der Souffleur« einen Mann, der sich als verkanntes Genie betrachtet und in seinem Souffleurkasten in einsamem Selbstgespräch über seine Kollegen bis hinauf zum Theaterdirektor Hohn und Spott ausgießt. Mit der Interpretation dieses kleinen Meisterwerks stößt die Rezitatorin auf begeisterten Applaus. Schaubach, der Mann am Klavier, lässt den musikalischen Reigen mit Ohrwürmern von Franz Léhar (»Dein ist mein ganzes Herz«) und den »Comedian Harmonists« (»Veronika, der Lenz ist da«) ausklingen, während Keichel die Gäste mit einem »Übungsbeispiel für Kommunikation« zum Lachen bringt. (Fotos: gk)

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