21. September 2016, 12:00 Uhr

Verantwortung statt Streichelzoo Zuflucht im Schweinestall

Alternative Modelle für die Kinderbetreuung gewinnen zunehmend an Beliebtheit. Drei junge Frauen haben in Stockheim den ersten Bauernhofkindergarten in Hessen gegründet. Außer der engen Beziehung zu den Tieren lernen die Kinder jeden Tag, Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört auch, dass sie Schildkröte Franklin bunt angemalt haben.
21. September 2016, 12:00 Uhr
Wer sich den Bauernhofkindergarten auf dem Erlenhof am Rand von Stockheim als Streichelzoo vorstellt, verkennt das Konzept, das die Gründerinnen Eileen Müller, Justine Heinlein und Isabella Drung entwickelt haben. Zwar kommen Streicheln und Schmusen nicht zu kurz. Doch mindestens genauso wichtig ist es, dass die Kinder sich pflichtbewusst um das Wohl der Tiere kümmern und deren Bedürfnisse beachten.
»Wir hatten ein Mädchen, das neu bei uns war, und am Freitag ganz besorgt gefragt hat, ob die Tiere am Wochenende sterben, wenn sie kein Wasser und Futter kriegen«, erzählt Müller. Erst als die Frau versprach, dass sie sich selbst am Wochenende um die Tiere kümmert, war das Mädchen beruhigt.
Tatsächlich kommen die Kinder selbstständig zu den Erzieherinnen und fragen, ob sie die Tiere versorgen können. Ebenso selbstständig laufen die Fütterung und die anderen notwendigen Verrichtungen ab. Hinweistafeln mit Symbolbildern helfen dabei.
Wie bei den anderen Tieren zeigt auch bei den Hühnern eine Tafel mit einem leeren Teller am Gatter, dass sie noch hungrig sind. Allerdings muss das Futter erst angemischt werden. An den einzelnen Bestandteilen stehen Schilder, wie viele Schaufeln genommen werden müssen. Doch das wissen die Kinder schon selber. »Davon gehören drei Schaufeln rein«, belehrt ein Mädchen einen Jungen.
So lernen die Kinder neben der Versorgung der Hühner auch noch Zählen. »Jede Station bei den Tieren hat eine Farbe und ein Thema«, erklärt Müller. Bei den Hühnern sind das die Farbe Grün und die Zahlen. Denn die Eier müssen anschließend gezählt und in einen Kasten gelegt werden.
»Bei den Tieren hat jedes Kind Favoriten«, erläutert Müller. »Wem die Schweine zu laut sind, der kann mit dem Hund Gassi gehen oder in die Hasenschule.« Im Umgang mit den Tieren finden die Kinder auch praktische Lösungen. Nachdem sie einmal sehr lange nach der Schildkröte Franklin suchen mussten, haben sie ihr den Panzer bunt angemalt. Jetzt ist sie auch unter Büschen und im Gras leichter zu entdecken.
Überraschend ist, dass es keine Zäune gibt. Wenn sie wollten, könnten die Kinder kilometerweit ins Feld laufen. Es gibt aber eine Vereinbarung, dass die gelb markierte Hofbegrenzung nur mit Erwachsenen überschritten werden darf. Manchmal wundern sich die Erzieherinnen selbst, wie konsequent sich die Kinder an diese Regel halten.
Ein Wegweiser mitten im Hof zeigt die Richtung zur Erlebniswiese, zur Zwergenhecke oder zur Sonnenbank. Letztere ist kein Solarium, sondern eine einzelne Ruhebank am Feldrand. »Da ist sonst nichts«, erläutert Müller. Trotzdem könnten die Kinder dort den ganzen Tag verbringen, ohne dass ihnen langweilig wird. »Die lassen Steine den Weg herunterrollen oder zupfen Gräser.«
Ähnlich wie in einem Waldkindergarten spielt sich das Leben im Bauernhofkindergarten im Freien und in der Natur ab. Nur bei wirklich schlechtem Wetter, wenn durch Sturm Gefahr droht, zieht sich die Gruppe in die Schutzräume zurück. Deshalb haben die Kinder inzwischen ein Gefühl für die Zeichen eines Wetterumschwungs entwickelt, erzählt Müller. Umgekehrt würden die Kinder aber auch darauf aufmerksam machen, wenn das Wetter wieder gut genug sei, um ins Freie zu gehen.
»Wir wollen Kinder aufs Leben vorbereiten«, beschreibt die Erzieherin die Ziele ihres Kindergartens. »Sie sollen für die Grundschule gefestigt sein.« Zwar ist es nach etwas mehr als zwei Jahren, die es den Bauernhofkindergarten gibt, zu früh, um die Wirkung abschließend zu beurteilen. Aber die ersten Kinder, die nun in der Schule seien, zeigten ein auffallend gutes Sozialverhalten und Verantwortungsbewusstsein, berichtet Müller.
Davon sollen auch Kinder außerhalb der festen Gruppe profitieren. «»Wir wollen den Erlenhof für die ganze Region öffnen«, erklärt Müller. »Deshalb haben wir auch Nachmittagskurse.« So könnten andere Kinder tageweise erleben, was für die Bauernhofkinder Alltag ist. (Fotos: sax) Nicht nur die Kinder, auch die Tiere haben offenbar Freude am Modell Bauernhofkindergarten. Beim Versorgen der Hühner und Auflesen der Eier lernen die Kinder zugleich Zählen. Hannah geht seit zwei Monaten auf den Erlenhof und hat die Ziegen ins Herz geschlossen. Mit dem Bauernhofkindergarten haben Eileen Müller, Justine Heinlein und Isabella Drung Neuland betreten. Weil es der erste derartige Kindergarten in Hessen ist, waren für die Genehmigung viele Hürden zu überwinden und Bedenken der Behörden auszuräumen. Eines der größten Hindernisse war, einen sicheren Schutz bei extremen Wetterlagen zu finden. Viele Waldkindergärten nutzen dafür kirchliche und kommunale Räume, die aber relativ weit entfernt sind. »Wir haben den Paragrafen des Schutzraums für uns finden können, sonst hätten wir vor dem Aus gestanden«, erinnert sich Müller an die Lösung des Problems. Auf dem Bauernhof ihrer Eltern hat sie einen Schweinestall umgebaut, der den Kindern jetzt Zuflucht bietet, wenn das Wetter zu schlecht wird. (sax) “ Wem die Schweine zu laut sind, der kann mit dem Hund Gassi gehen oder in die Hasenschule „

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