27. Mai 2018, 12:00 Uhr

Feldpost-Serie

»Unser aller Sonnenschein«

Zu Feldpostbriefen hat Redakteurin Dagmar Bertram keinen Bezug. "Bis mein Vater mir ein blaues Buch in die Hand drückt", sagt sie. Plötzlich ist er da, der Bezug. Das ist die Geschichte ihres Großonkels.
27. Mai 2018, 12:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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In dem blauen Büchlein, das bei meinen Eltern im Regal steht, steckt die Lebensgeschichte meines Großonkels Franz Bertram. Im Alter von 17 Jahren zog er in den Ersten Weltkrieg. Überzeugt davon, dass er etwas Gutes tut und bald wieder zurück sein wird. Wenige Monate später ist er tot.

Es ist eine kurze Lebensgeschichte. Ganz anders als die seines großen Bruders Ernst. Er soll fast 90 Jahre alt werden, wird ein erfülltes Leben führen, zwei wunderbare Frauen kennenlernen, Vater dreier Söhne werden, Opa von drei Enkeln und drei Enkelinnen. Eine davon bin ich.

Mein Großonkel, von allen »Fränzchen« genannt, verlebte in Hannover »eine goldene Jugend. Er war von sonnigem, heiterem Wesen und berechtigte als Sohn wie auch als Schüler zu den größten Hoffnungen. Er war unser Stolz und unser aller Sonnenschein.« So schreibt meine Uroma im Vorwort des blauen Bandes. Zwischen den Buchdeckeln stecken alle seine Feldpostbriefe, die er nach Hause geschickt hat – und alle seine Liebe.

Die Verbindung nach Hause reißt im Krieg nicht ab. Im Gegenteil. Es ist das, woran der junge Mann sich festhält, wonach er sich sehnt, wovon er schreibt. Hunderte Briefe hat er in diesen letzten Monaten seines Lebens verfasst, erst aus dem Hilfsdienst und dem Übungslager, dann von der Front in Russland, später in Frankreich. Jeden Tag sollen wenigstens ein paar Zeilen die Eltern erreichen, damit sie sich nicht sorgen.

Das Soldatenleben beschreibt er deshalb nur kurz, er schildert lieber die Unterkunft, das Wetter, bittet um praktische Dinge: eine Lederweste gegen die Kälte, Geld, Bücher. Die Kämpfe spart er, so weit möglich, aus. In den Briefen an seine Freunde wird er konkreter. Aber: »Von der Durchhalteschlacht und alledem darfst Du nichts erzählen, damit Mutter nichts davon hört.«

 

Verzweifelt, wenn die Post ausbleibt

 

Auch seine Gefühlslage hält er verborgen. Nur manchmal sind die Emotionen so heftig, dass er nicht anders kann, als sie mit seinen Lieben zu teilen – nur um sich gleich darauf zu entschuldigen. »Wenn man manchmal sich selbst überlassen ist und denkt über alles nach, so muss ich mich wundern, was sich in diesem Jahr alles geändert hat. Ostern ist man doch schon ein ganz anderer Mensch als wie voriges Jahr. Der Ernst dieser Zeit bringt uns um Jahre weiter. Tausend liebe Grüße und Küsse«»Habe eben den scheußlichen Brief von gestern eingesteckt. Er lässt mir keine Ruhe, muss gleich hinterher schreiben. Er war in einem schlechten Augenblick geschrieben. Wahr ist es ja, was er enthält, aber es ist nicht immer so.«

Seinem Körper kann er die Angst nicht ausreden. »Die erste Nacht, direkt vor dem Feinde, ist nun vorbei. Sie wird mir aber stets in lebhafter Erinnerung bleiben.« Franz hat mit Durchfall im Schützengraben gelegen. Er nimmt ihn stoisch hin, ebenso eine Verletzung an der Hand, Läuse und die Spanische Grippe, unter denen er noch leiden soll.

Nicht so einfach ist das mit dem Heimweh. Linderung bringen nur die Briefe aus der Heimat. »Wenn ich abends fertig bin, kommt immer die schönste Stunde, wenn ich in Ruhe die Briefe von zu Haus lese. Dann wird mir immer glücklich und frei ums Herz. In Gedanken bin ich dann bei Euch, lebendig tritt alles vor mein Auge, alle trüben Gedanken verschwinden. Man weiß wieder, daß man eine Stätte hat, wo nur mit Liebe für einen gesorgt wird; das ist das Wertvollste, daß man weiß, einmal kannst Du wieder zurück und Dich ausruhen von allem, alles vergessen.«

Umso schlimmer, wenn die Briefe einmal länger brauchen. »Liebe Eltern! Sende Euch in aller Eile ein paar Grüße. Immer noch keine Post. Scheußlicher Zustand. Entsetzlich hoffnungslos. Tieftraurig, Euer Fränzchen.«

Seine anfänglichen Zeilen voller Hoffnung, dass der Krieg bald vorbei sein wird, versiegen nach und nach. Doch: »Es geht ja Tausenden und Abertausenden so, und man kann sich auch in alles finden, wenn es eben sein muss. Man muss sich aus dem, was einem zur Verfügung steht, das Schönste heraussuchen und sich das Leben so angenehm wie möglich machen.«

 

Ich habe erkannt, wie man immer mit Recht aus dem Felde hört, dass man das Beten nötig hat in solch einem Schlamassel

Franz Bertram

Früh klingt in den Briefen die Erkenntnis durch, dass auch auf der anderen Seite nur Menschen kämpfen – die ebenso Heimweh haben wie er. »Neulich wurde mir eine nette Geschichte erzählt, die auf Tatsachen beruhen soll. Ein Russe der uns gegenüberliegenden Armee kommt aus Baranowitschi, das in unserem Etappenbereich liegt. Da er nun gern mal seine Eltern besuchen wollte, wurde ihm diese Erlaubnis gewährt. Mit verbundenen Augen wurde er nach unserer Linie gebracht und nach seinem Heimatort geleitet, wo er dann bis zum Abend bei seinen Eltern verweilen durfte. Das ist doch hübsch.«

Im Krieg aber ist Menschlichkeit nicht vorgesehen. Nach dem Übungsschießen mit dem Maschinengewehr schreibt er: »Dauerfeuer mit 100 Schuß hintereinander. Es ist eigentlich furchtbar, nur ein Druck auf den Abzugshebel, und die Kugeln prasseln Schlag auf Schlag heraus. So kann ein Mensch hunderte vernichten.«

Kurze Zeit später kann von Übung keine Rede mehr sein. »Das war nun also für mich die erste Offensive. Was soll ich selbst von den drei Tagen schreiben, es war doch zu widerlich. Jedenfalls war es so, daß ich erkannt habe, wie man immer mit Recht aus dem Felde hört, daß man das Beten nötig hat in solch einem Schlamassel. Nur ungefähr der einfache Satz: Links und rechts von Reims drangen unsere Truppen in die feindlichen Stellungen ein. Was dieses Eindringen gekostet hat, diese einfachen Worte, kann man sich garnicht ausmalen.«

Wenn ich abends fertig bin, kommt immer die schönste Stunde, wenn ich in Ruhe die Briefe von zu Haus lese. Dann wird mir immer glücklich und frei ums Herz. Alle trüben Gedanken verschwinden

Franz Bertram

Was genau am 26. August 1918, zweieinhalb Monate vor Kriegsende, bei Soiffons passiert ist, hat Fränzchens Mutter nur noch über Kameraden und Vorgesetzte erfahren. Es ist der Tag, an dem ihr jüngster Sohn so schwer an den Beinen verwundet wird, dass er Stunden später im Lazarett stirbt. Er schreibt im vorletzten Brief: »Liebe Eltern, liege augenblicklich schon sechs Tage vor Soiffons, habe sehr viel auszuhalten, jeden Tag ein furchtbares Feuer, kann Gott garnicht genug danken, daß ich noch gesund bin. Nur im Vertrauen auf seine Hilfe ist es überhaupt möglich, Tag für Tag auf seinem Posten zu sein. Hoffentlich werden wir bald abgelöst. Es kann sich ja nur um Stunden handeln.« Eine Fehleinschätzung. Am Montag, 26. August, nachmittags um 6 Uhr schreibt er die letzten Zeilen: »Geht mir noch sehr gut. Bald werden wir wieder raus sein. Im Geiste bin ich gerade in diesen schweren Stunden immer bei Euch. Wer noch seine Eltern hat, der danke Gott und sei zufrieden. Dort erwartet einen Ruhe und Vergessen. Wenn doch dieser Zustand erst da wäre.« Beim Gedanken an seine Mutter »fallen mir immer die Worte ein, die ich ungefähr vor drei Wochen singen hörte: ›Grüß mir mein Mütterlein, sie soll nicht so traurig sein.‹ Es schließt Euch fest in die Arme, Euer Fränzchen.«

Seine Mutter wird den Verlust nie verwinden. Das blaue Buch ist ein Beleg dafür. Ebenso die vielen anderen, mit einer Rose verzierten Bände, in denen sie die Korrespondenz mit Fränzchens Kameraden abgeheftet hat, seine Kinderfotos und Bilder seines Grabes, die Zeugnisse und sein Immatrikulationsheft, das für immer leer geblieben ist. »Wie Du schon gehört haben wirst, habe ich die Absicht, gleich nach dem Kriege zu studieren. Ich habe mich schon immatrikulieren lassen in Göttingen. Ich freue mich darauf, mich wieder ganz der Literatur und der Kunst widmen zu können«, hat Franz an einen Freund geschrieben.

Wenigstens ein bisschen davon habe ich für ihn übernommen.

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