05. Juni 2019, 21:03 Uhr

Umweltermittler

Umweltermittler in Lebensgefahr

Wenn Fische tot in Teichen liegen oder auf der Autobahn Säure aus einem Lkw austritt, werden sie gerufen: die Umweltermittler des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Sie arbeiten gegen die Zeit - und setzen ihr Leben aufs Spiel. Am Dienstag probten sie einen Einsatz in Pohlheim.
05. Juni 2019, 21:03 Uhr
Dirk Schorge tunkt die Glasflasche in den Teich, schüttet sie am Ufer aber wieder aus. Dreimal wiederholt er den Vorgang. »Wir müssen die Flasche erstmal ausspülen. Sonst könnten Anwälte vor Gericht die Probe anfechten.« (Foto: srs)

Rotkehlchen singen, die Sonne scheint. Sanft wiegen sich Bäume im Wind, die Wipfel spiegeln sich auf der glatten Oberfläche des Anglerteichs in Pohlheim. Die Idylle trügt allerdings. Ein Mann läuft am Ufer durch das Gras, in der rechten Hand hält er eine bräunlich gefärbte Flasche. Jeder Schritt löst ein Rascheln aus, als würde er schwere Müllsäcke tragen. Das Geräusch wird allerdings durch den grauen Schutzanzug verursacht, in dem Dirk Schorge steckt. »Unser Einsatz kann auch tödlich enden«, sagt er.

Schorge ist Umweltermittler des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Der kriminaltechnische Assistent wird gerufen, wenn Fische tot in Tümpeln liegen oder wenn auf der Autobahn Säure aus einem Lkw austritt. Sein Job: Herausfinden, ob es sich um gefährliche Stoffe handelt. Bis zu 100-mal im Jahr rückt er aus.

Der Einsatz in Garbenteich am gestrigen Dienstag ist nur eine Übung. Unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar Michael Rupp gehören außerdem vier Beamte und zwei Verwaltungsangestellte zum Team, die Umweltermittler sind für ganz Mittelhessen zuständig. »Wir werden auch gerufen, wenn unklar ist, ob es sich bei Lkw-Ladungen mit Viagra um Plagiate handelt.« Rupp erzählt von einem Vorfall in Buseck, als sich Chemikalien mit Löschwasser vermischten und in die Kanalisation eindrangen. »Das war zum Glück harmlos. Meistens ist Unachtsamkeit die Ursache für unsere Einsätze.«

Auf die Frage, was die Arbeit der Umweltermittler zum Beispiel bei der Sicherung von Lkw-Ladungen von der Feuerwehr unterscheidet, antwortet Schorge: »Wenn wir vor Ort sind, treten wir in ein Strafverfahren. Wir sind Polizisten.«

Überwiegend untersuche man Gewässer, berichtet Schorge. »Oft schauen wir uns dann um, ob Industrie in der Nähe ist.« Betriebe für Galvanik seien immer wieder die Ursache von Stoffen in Teichen, Flüssen und Seen. »Bei Umweltdelikten handelt es sich häufig um Wirtschaftskriminalität«, erklärt auch Peter Kreuter, Vizepräsident des Polizeipräsidiums. Daher seien Umweltermittlungen auch im Kommissariat für Wirtschaftsverfahren angesiedelt.

Dass Schorges Job gefährlich ist, verdeutlicht er mit einer Anekdote: Einmal wurde er bei Dillenburg verständigt, als an der Autobahn ein riesiger Kanister mit 1000 Liter Flüssigkeit entdeckt wurde. »Wir haben den Deckel geöffnet und haben mit einem Stäbchen den pH-Wert gemessen.« Es war hochexplosive Phosphor-Säure. »Der Käufer eines insolventen Galvanikbetriebs hatte den Kanister auf diese Weise entsorgt, ohne die Gefahr zu ahnen.« Schorge fügt hinzu: »Ein Tropfen frisst sich durch den Körper, nach fünf Tagen versagen die Organe.«

Der 57-Jährige steigt mit einem Bein in den Pohlheimer Anglerteich. Er trägt schwere Gummistiefel, vor den Augen sitzt eine rot umrandete Schutzbrille. »Solange ich nicht weiß, welcher Stoff im Wasser ist, trage ich die schwarzen, dickeren Gummihandschuhe«, sagt er. In dem Schutzanzug und durch die vorsichtigen Bewegungen erinnert er an einen Astronauten auf dem Mond. Für ihn ist es nur ein kleiner Schritt, denkt man kurz. Und für die Menschheit?

Schorge tunkt die Glasflasche in den Teich, schüttet sie am Ufer aber wieder aus. Dreimal wiederholt er den Vorgang. »Wir müssen die Flasche erst einmal ausspülen. Sonst könnten Anwälte vor Gericht die Probe anfechten.« Er trägt die mit dem Teichwasser gefüllte Flasche zu einem Transporter, wo die Probe bei vier Grad gekühlt wird. Das Fahrzeug und davor die Markise zum Schutz vor Hitze und Regen erinnern an einen Campingwagen. Doch in dem 97 000 Euro teuren Auto steckt wertvolle Technik. Hier untersucht der Umweltermittler den pH-Wert sowie unter anderem Leitfähigkeit und Sauerstoffgehalt des Wassers und prüft, ob Schwermetalle oder Blausäure enthalten sind. Scheinwerfer können den Tatort nachts hell erleuchten.

In seinen 28 Jahren als Umweltermittler, erzählt Schorge, sei er nur einmal verletzt worden. »Ein ätzendes Mittel ist ins Auge gedrungen. Ärzte haben es stundenlang gespült.« Nachwirkungen habe er zum Glück keine. Im Einsatz sei dies aber nicht passiert. »Es war im Gerichtssaal. Ein Anwalt hat eine Probe unvorsichtig verschlossen. Dabei sind einige Tropfen herausgespritzt.«

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