Wetterau

Über den poetischen Großherzog Ernst Ludwig

»Es ist geschehen - alle alten Throne sind gestürzt, der Kaiser geflohen, alle Fürsten sind in einsame Schlösser gezogen. Nur ich allein mit den Meinen lebe in Darmstadt«. So heißt es in einer Tagebuchnotiz vom 25. November 1918 des wenige Tage zuvor abgesetzten Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt.
16. September 2019, 20:23 Uhr
Redaktion
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Gaelle Goetz, kommissarische Leiterin der Stadtbücherei (r.), hat Monica Keichel zum Dank eine Rose überreicht. (Foto: gk)

»Es ist geschehen - alle alten Throne sind gestürzt, der Kaiser geflohen, alle Fürsten sind in einsame Schlösser gezogen. Nur ich allein mit den Meinen lebe in Darmstadt«. So heißt es in einer Tagebuchnotiz vom 25. November 1918 des wenige Tage zuvor abgesetzten Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt.

Die Friedberger Schauspielerin und Rezitatorin Monica Keichel widmete sich in ihrem einstündigen Auftaktvortrag zum diesjährigen Jugendstilfestival am vergangenen Donnerstagabend in der Stadtbücherei dem Schicksal des Mannes, der als Kunstfreund die Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe und den Bad Nauheimer Sprudelhof erbauen ließ, in den Jahren nach Ende des Ersten Weltkriegs.

40 Hörer erfuhren in dem durch anschauliche Zitate Ernst Ludwigs und von Personen aus seinem Umfeld angereicherten Vortrag von den vielfältigen künstlerischen Begabungen des ehemaligen Großherzogs und seiner mäzenatischen Tätigkeit als Gründer und Finanzier der Darmstädter »Schule der Weisheit«.

Wie aus obigem Zitat hervorgeht, haderte Ernst Ludwig nicht mit seinem Schicksal - im Unterschied zu den meisten seiner Standesgenossen. Er war bereit zur Zusammenarbeit mit den neuen politischen Kräften bis hin zur Sozialdemokratie. Nachdem sich die politische Lage im Frühjahr 1919 nach den ersten freien Wahlen im »Volksstaat Hessen« und dem ganzen Deutschen Reich beruhigt hatte, verfügte der ehemalige Großherzog, während seine Frau Eleonore im sozialen Bereich tätig war, als Privatmann über wesentlich mehr Zeit zum Schreiben, Komponieren, Malen, Zeichnen.

1921 wurde im Hamburger Schauspielhaus sein pseudonym erschienenes Mysterienspiel »Ostern« uraufgeführt. Anhand mit viel Empathie vorgetragener Dialogpassagen konnte die Referentin einen lebendigen Eindruck dieses ungewöhnlichen Werks aus dem Geist des »Expressionismus« vermitteln.

Gleiches gilt für Ernst Ludwigs Gedichte, die unter dem schlichten Titel »Verse« erschienen. »Ich habe eine singende Seele. Und wie ein Vogel im Käfig singt sie ihr Lied. Es schluchzt und lacht, es zittert und weint vor unendlichem Glück, vor unendlichem Weh.« Aus diesen Zeilen spricht die innere Zerrissenheit des Mannes, der die mit seinem hohen Amt verbundenen Pflichten oft als ungeliebte Last angesehen hatte. Nach Rückkehr von seiner sechsmonatigen Indienreise 1902 äußert er sinngemäß, dass er nie so glücklich gewesen sei wie an den Ufern des Ganges, den er in hymnischen Tönen beschwört.

Den zweiten Teil ihres Vortrags widmete Keichel dem Thema »Ernst Ludwig als Mäzen«. Aufgrund seiner Seelenverwandtschaft mit dem in der Weimarer Republik populären Kulturphilosophen Hermann Graf Keyserling rief Ernst Ludwig 1920 in Darmstadt die »Schule der Weisheit« ins Leben, die unter Leitung Keyserlings zu einer festen Größe im Geistesleben der Weimarer Republik wurde. Mit hohen Summen förderte der Ex-Großherzog deren Aktivitäten, zum Beispiel die alljährlichen Tagungen mit Vorträgen prominenter Wissenschaftler aus aller Welt.

Dem Schöngeist aus Darmstadt war kein langes Leben beschieden. Kurz vor seinem 69. Geburtstag verstarb er 1937 im Kreis der Familie. Nur fünf Wochen nach seinem Tod kamen seine Frau, der ältere Sohn mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen bei einem Flugzeugabsturz in Belgien ums Leben. Für ihren Vortrag erhielt Monica Keichel herzlichen Beifall.

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