24. September 2019, 18:53 Uhr

Über Versprecher und Verdreher

24. September 2019, 18:53 Uhr
Mit dem Mikro ist Werner Reinke bestens vertraut. (Foto: im)

Das Beste kam, wie so oft, zum Schluss: Biber Herrmann intonierte »House of the Rising Sun« auf seiner akustischen Blues-Gitarre, während »The Voice« Werner Reinke in der Willi-Zinnkann-Halle mit seiner unverkennbaren sonoren Stimme den Text über die Melodie sprach - authentisch, zugleich selbstvergessen und ganz bei sich.

Bereits zuvor hatte man Reinke und seinen kongenialen Partner mit stehendem Beifall für einen wundervoll relaxten Auftakt der neuen »Büdingen belesen«-Saison geehrt - und somit eine Lesung voller Sprachwitz und Selbstironie gefeiert, die im Ganzen und im Detail offenbarte, warum Reinke zu den prägenden Moderatorengestalten der Rundfunkgeschichte gehört und 2017 vom Hessischen Journalistenverband für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Ein Zitat aus Christian Morgensterns »Über die Galgenlieder« hatte Reinke der Lesung vorangestellt, einen Brief aus dem Jahr 1910, in dem der Dichter einen Redakteur auffordert, seine Verse keinesfalls als »Blödsinn« zu apostrophieren. »Humor ist eben Humor und hat jederzeit seinen eigenen Sinn und - Ernst für sich«, schrieb der Dichter damals und brach eine Lanze für die Fantasie, das Spiel mit der Sprache, die Entdeckung neuer und überraschender Redewendungen, die letztlich der Öffnung des eigenen Horizontes und der Erweiterung des Denkens dienten. Eben dieses Anliegen setzte Werner Reinke eineinhalb Stunden lang virtuos und vielseitig um.

Versprecher und Verdreher, peinliche Situationen und Improvisationen im Radio als einem Medium, das in Zeiten vor Fernsehen, Internet und Smartphone noch als Verkünder von Wahrheit und exakten Zeitangaben galt, genial Konstruiertes aus der Reihe »Bilden Sie einen Satz mit«, sowie Vokaltiraden auf einen einzigen Buchstaben und die Katastrophe eines falsch gesetzten Kommas oder Trennstriches - all das hatte der Erbe von HR3-Begründer Hans Werres im Gepäck. Streifzüge durch die Verse der »Neue Frankfurter Schule«, einem lockeren Autoren- und Dichterkonsortium um die Satirezeitschriften »Pardon« und später »Titanic« folgten, Originelles von Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und Peter Knorr kam hier zu Ehren. Natürlich durften auch Bonmots von Heinz Erhard nicht fehlen, Ausflüge in die komplizierte Sprache der Beipackzettel und der medizinischen Fachvorträge, in deutsche Dialekte und in die katastrophalen Auswirkungen zunehmenden Alkoholgenusses auf die Stimme - samt und sonders von Werner Reinke in Perfektion, mit unnachahmlicher Wärme, Herzblut und viel Hinwendung zu seinem Publikum zelebrierte.

Dieses wiederum kam durch die Blues-Einlagen von Biber Herrmann zum Atemholen zwischen zwei Lachkaskaden und zum Nachsinnen - das Konzept des Wechsels von Sprache und Musik ging in wohltuender Weise auf. Biber Herrmann gilt als einer der besten Bluesgitarristen und Singer-Songwriter Deutschlands und begleitete bereits Konzertveranstalter Fritz Rau bei dessen legendären Lesungen. Zwischen Klängen auf der Slide- und der Hawaii-Gitarre, bei denen Herrmann vom Drummer bis zum Solo-Gitarristen und zum Sänger nicht weniger als sechs Bandmitglieder in einer einzigen Person verkörperte, stellte der Musiker in Anspielung auf seinen Spitznamen und Werner Reinkes erlernte Ausbildungsberuf fest: »Was könnte besser zusammenpassen als ein Biber und ein gelernter Holzimportkaufmann?« Recht hat er - wie dieser eindrückliche Abend unter Beweise stellte.

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