29. September 2017, 05:00 Uhr

Hilflos

Traurige Wahrheit: Niemand fühlt sich für behinderten Jungen zuständig

Ein behinderter Junge aus Bad Nauheim verlässt das Haus nicht mehr. Bei der Suche nach Unterstützung stößt die Mutter auf taube Ohren. Sie fühlt sich vom Jugendamt im Stich gelassen. Mit Kommentar von Valerie Pfitzner.
29. September 2017, 05:00 Uhr
Ihren Sohn an die Hand nehmen und mit ihm die Treppe hinuntergehen: Eine Mutter aus Bad Nauheim wünscht sich nichts sehnlicher. Doch der Junge ist schwer traumatisiert. Hilfe dabei, ihn zum Verlassen des Hauses zu bewegen, sucht sie vergebens. (Symbolfoto: dpa)

Max (Name geändert, die Red.) ist 14 Jahre alt. Er leidet unter Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom. Dazu hat er autistische Züge. Eine der größten Gefahren bei Max’ Erkrankung: Seine Lunge ist unterentwickelt, ist viel anfälliger für Infektionen. Anfang Juni der Schock: Der Junge bekam eine beidseitige Bronchopneumonie, musste auf die Intensivstation. Max ging es sehr schlecht, er konnte kaum atmen. Trotzdem, berichtet seine Mutter, sammelte er immer wieder Luft, um zu sagen: »Ich will nach Hause.«

Nach zwölf Tagen wurde Max entlassen. Zu Hause angekommen, lief er direkt in den Garten, setzte sich auf die Schaukel, war kaum ansprechbar. Am nächsten Morgen weigerte er sich, nach unten zu gehen. »Das war untypisch, sonst wollte er immer sofort raus«, sagt Mutter Petra (Name geändert, die Red.). Weil ihr Sohn sich aber mit Händen und Füßen wehrte, ließ sie ihn im ersten Stockwerk bleiben. Doch auch am nächsten Tag wollte Max nicht die Treppe hinunter. So sollte es von nun an weitergehen: Seit dem Tag, an dem Max aus dem Krankenhaus gekommen ist, weigert er sich, das erste Stockwerk zu verlassen. »Er will am liebsten immer ganz nah bei mir sein, schläft nur noch auf einer Matratze neben meinem Bett«, sagt Mutter Petra.

Dr. Andreas Rave, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Friedberg, schätzt diese Reaktion so ein: »Der Junge ist absolut überfordert gewesen und hat dann sehr regressiv reagiert. Die Treppe symbolisiert für ihn: ›Hier passiert mir was.‹«

 

Kein Jugendhilfebedarf festgestellt

 

In ihrer Hilflosigkeit wand sich Mama Petra zeitnah an den Kinderarzt, bat um Hilfe. Der wiederum verwies an Dr. Rave, der sofort reagierte: »Ich habe den Leiter des Gesundheitsamts kontaktiert, der sagte mir, das Jugendamt sei zuständig.« Mama Petra rief daraufhin beim Jugendamt an, sagt sie: »Dort habe ich erzählt, dass mein 14-jähriger Sohn nicht mehr die Treppe hinunterkommt und gefragt, ob sie mir einen Tipp geben können, wo ich Hilfe bekommen kann. Die Antwort war heftig: Die Dame sagte, mit behinderten Kindern hätte sie keine Erfahrung, ich soll mich woanders hin wenden.« Nicht nur bei der Familie löste diese Aussage Fassungslosigkeit aus. Auch Dr. Rave sagt: »Die Reaktion des Jugendamts hat mich erschüttert. Es muss für solche Fälle doch eine Struktur geben, eine Stelle, an die Eltern sich wenden können.« Das Argument, dass der Junge behindert sei und man sich daher nicht auskenne, setze dem Ganzen den Hut auf: »Wo bleibt denn da die Menschlichkeit? Das Jugendamt spricht doch immer von ›jungen Menschen‹. Ist ein Behinderter etwa kein Mensch?«

Wenn sich Eltern in einem solchen Fall hilfesuchend an das Jugendamt wenden, dann muss da doch mal jemand hingehen

Dr.Andreas Rave

Michael Elsass, der Pressesprecher des Wetteraukreises, erklärt dazu: »Die betreffende Mitarbeiterin des Jugendamts weist die Behauptung, sie habe gesagt, das Jugendamt sei nicht zuständig, scharf zurück.« Das Fazit der Mitarbeiterin des Jugendamtes nach dem Gespräch mit der Mutter habe gelautet: »Es wurde kein pädagogischer Jugendhilfebedarf festgestellt, und auch das Kindeswohl ist nicht durch die Eltern gefährdet.« Sicher sei das keine schöne Situation, sagt Elsass, aber: »Wir sind außen vor. Hier haben wir keine Handhabe.«

Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Rave versteht dieses Verhalten nicht: »Wenn sich Eltern in einem solchen Fall hilfesuchend an das Jugendamt wenden, dann muss da doch mal jemand hingehen. Ich habe gedacht, dass jemand vom psycho-sozialen Dienst da mal hingeht und sich die Situation vor Ort anschaut.«

Demgegenüber steht die Einschätzung des Pressesprechers des Wetteraukreises. Als der mit dem Thema konfrontiert wird, lautet seine erste Reaktion: »Was haben wir damit zu tun, wenn ein junger Mann nicht aus seiner Wohnung gehen möchte?« Da Max aber erst 14 Jahre alt und damit sowohl noch Kind als auch schulpflichtig ist, haben seine Eltern sich auf eigene Faust um Hilfe bemüht: »Wir haben sowohl die Lebenshilfe als auch die Außenstelle der Kinder- und Jugendpsychiatrie Marburg kontaktiert. Immer in der Hoffnung, dass mal jemand kommt.« Beim Kinderarzt bat Mama Petra um Hausbesuche eines Physiotherapeuten, um Max’ Bewegungsmangel auszugleichen, beim Schulamt beantragte sie Hausbeschulung. Für Michael Elsass beweist das, dass die Eltern gut mit der Situation zurecht kommen: »Ich verstehe nicht, warum die Mutter so auf Unterstützung pocht. Offensichtlich weiß sie sich doch zu helfen.«

Und nun? Das wissen Max’ Eltern noch nicht. Der Wunsch von Mutter Petra: »Dass uns das Jugendamt einen Kinder- und Jugendpsychologen zur Verfügung stellt, der mit Max arbeitet und dafür auch die Kosten übernimmt.«

Kommentar von Valerie Pfitzner

Nicht-mein-Job-Mentalität

Nach Artikel 15 (1) des Kinder- und Jugendhilfegesetzes ist das Jugendamt »sachlich zuständig, wenn die leibliche, geistige oder seelische Entwicklung des Kindes oder des Jugendlichen oder des jungen Volljährigen gefährdet oder geschädigt ist und zur Abwendung der Gefahr oder zur Beseitigung des Schadens eine besondere erzieherische Hilfe notwendig ist (...)«. Wann das der Fall ist und welche Aufgaben diese Verantwortung konkret mit sich bringen, ist Expertensache. Was jedoch die Menschlichkeit diktiert: Wenn ein Kind offensichtlich seelisch so sehr leidet und seine Eltern an einem Punkt angelangt sind, an dem sie nicht mehr wissen, wie sie ihm helfen können, sollte es selbstverständlich sein, dass eine Behörde zum Schutz von Kindern und Jugendlichen hilft – egal, ob es deren konkrete Aufgabe ist, oder nicht. Diese »Nicht-mein-Job-Mentalität« macht Angst. Und zwar nicht nur Max’ Eltern, sondern auch mir.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Autismus
  • Behinderte
  • Down-Syndrom
  • Eltern
  • Gelassenheit
  • Jugendämter
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie
  • Kinderärzte
  • Wahrheit
  • Bad Nauheim
  • Valerie Pfitzner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos