28. Mai 2019, 18:33 Uhr

Träumereien am Klavier

28. Mai 2019, 18:33 Uhr
Einige Damen sind im Empire-Stil gekleidet ins Alten Hallenbad gekommen und mischen sich unter das Publikum. So erwacht der Clara-Schumann-Salon zum Leben. (Fotos: gk)

Die hohen Erwartungen der etwa 120 am letzten Samstagabend zum Theater Altes Hallenbad geeilten Menschen wurden übertroffen. Wer in der zum »Clara Schumann-Salon« erblühten ehemaligen Schwimmhalle für zwei kostbare Stunden dem virtuosen Spiel der renommierten litauischen Pianistin Guoda Gedvilaité alias Clara Schumann und ihrer jungen mexikanischen Partnerin Daniela Jimenez als Marie Pleyel (eine ebenfalls berühmte Pianistin des 19. Jahrhunderts) lauschen durfte, wird noch lange von diesem singulären Hörerlebnis zehren.

Statt auf erhöhter Bühne stand der Flügel, dem Gedvilaite alles abverlangte, diesmal als Zentralgestirn mitten im Raum. Auf konzentrisch um ihn herumgestellten Stühlen hatten die meisten Hörer nicht nur gute Sicht auf die biedermeierlich gewandete Salonlöwin, deren filigrane Finger immer wieder in atemraubenden Kadenzen wie schwerelos über die Tasten fegten. Das Auditorium durfte auch die großartige Akustik, durch keinerlei störenden Halleffekt beeinträchtigt, genießen.

Perfektes Spiel

Eine im Empirestil farbenprächtig drapierte weibliche Gästeschar gesellte sich an diesem Abend zum »normalen« Publikum aus heimischen Gefilden. Italienische Gräfinnen mit klangvollen Namen, französische Komtessen, russische Großfürstinnen, deutsche Prinzessinnen einschließlich einer preußischen Königstochter belegten die vorderen Plätze. Zigarillorauchend und in Männerkleidung, ließ es sich selbst die französische Skandalautorin George Sand an der Seite ihres Kurzzeitgeliebten Frédéric Chopin (dessen Werk nicht zuletzt durch Clara Schumanns Auftritte europaweit bekannt wurde) nicht nehmen, sich der illustren aristokratischen Damenriege anzuschließen. Daniela Jimenez präsentierte die beiden Eingangswerke des Abends. Das Allegro aus Joseph Haydns Sonate in C-Dur klang herüber wie aus einer anderen Welt. Verwundert hätte der Meister wohl auf Pomp und Prunk des Schumann-Salons geschaut. Chopins frühe Etude a-Moll, op. 25 wurde unter Jimenez‹ zarten Händen mit kraftvollem Zugriff zu einem Ohren- und Augenschmaus. Mit fehlerfreiem, technisch perfekten Spiel begeisterte die junge Dame das beglückte Auditorium. Gedvilaité begann mit den Frühwerken op. 5 und op. 6 der 15-jährigen Clara Schumann - dem grandiosen Bravourstück »Caprice à la Boléro« und der nicht minder anspruchsvollen »Polonaise« aus den »Soirées musicales«. Bereits in zartem Alter steht Clara schon fast auf der Höhe ihres kompositorischen Könnens. Nur der Fachmann mag hier noch nennenswerte Niveauunterschiede zum Frühwerk ihres geliebten Robert erkennen.

Eine Reverenz an den früh verstorbenen Gatten war ein Zitat aus seinem 1837 komponierten achtteiligen Zyklus Fantasiestücke, op. 12. Ihm folgte ein wahres Meisterwerk aus seiner Feder - die extrem schwer zu spielende Toccata C-Dur, op. 7. Ehefrau Clara spielte sie bei der Uraufführung am 11. September 1834 in Leipzig.

Auch in ihrem Hallenbad-Salon interpretierte die revitalisierte Pianistin 185 Jahre später das Bravourstück extrem schnell mit fast »brutalem« Anschlag. Jeder Ton war wie herausgemeißelt. Willkommene Erholung vom Tastengewitter bot die berühmte »Träumerei« aus den Kinderszenen, op. 15.

Der zweite Teil des Abends stand im Zeichen Chopins. Unter vier dargebotenen Stücken ragte die Polonaise As-Dur, op. 53 heraus - eines seiner bedeutendsten Werke. Auch dieses als nahezu unspielbar geltende Stück bekam Gedvilaité im wahrsten Wortsinn voll in den Griff.

Der denkwürdige Salon-Abend klang nach der Präsentation von vier Ausschnitten des neunteiligen Gemeinschaftswerks »Hexameron« von Franz Liszt und fünf weiteren Tonsetzern in enthusiasmierten Standing Ovations aus, die erst nach zwei Scarlatti-Zugaben enden wollten.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Aristokratie
  • As-Dur
  • C-Dur
  • Clara Schumann
  • Franz Liszt
  • Frédéric Chopin
  • George Sand
  • Hallenbäder
  • Joseph Haydn
  • Pianistinnen
  • Schwimmhallen
  • Theater
  • Friedberg
  • Gerhard Kollmer
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos