16. April 2018, 08:45 Uhr

Todesmeldung

Totgelaubter Ehemann: Plötzlich steht er vor der Tür

Vielleicht hatte Anna Scheibel die Hoffnung aufgegeben, ihren Mann je wiederzusehen. Doch irgendwann kehrte er zurück. Das zeigt ein Brief aus dem Jahr 1941, den die Tochte gefunden hat.
16. April 2018, 08:45 Uhr
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Von Sabrina Dämon

Vielleicht hatte Anna Scheibel die Hoffnung aufgegeben, ihren Mann je wiederzusehen. Doch irgendwann kehrte er zurück. Das zeigt ein Brief aus dem Jahr 1941, den die Tochter gefunden hat. Im Juli 1941 kam der Brief. »Ihr Mann ist seit dem am 18.7.1941 stattgefundenen Gefecht aus den Reihen der Kompanie verschollen und bis heute nicht zu ihr zurückgekehrt.«

Adressiert ist das Schreiben an Anna Scheibel aus Ober-Mörlen, die Frau von Karl Scheibel. Unterzeichnet vom Oberleutnant und Kompanie-Chef. Er schreibt:

Ich möchte zwar die Hoffnung, dass Ihr Mann doch noch eines Tages zur Kompanie zurückfinden wird, noch nicht aufgeben, leider zwingen aber die Umstände und die Wahrnehmungen seiner Kameraden zu der Annahme, dass Ihr Mann in soldatischer Pflichterfüllung getreu seinem Fahneneid für Volk und Vaterland gefallen ist.

Am Ende des eineinhalbseitigen Schreibens heißt es:

Möge die Gewissheit, dass Ihr Mann sein Leben für die Grösse und den Bestand von Volk, Führer und Reich hingegeben hat, Ihnen ein Trost in dem schweren Leid und der Ungewissheit sein (...). Die Kompanie wird alles daran setzen, Ihnen so rasch als möglich genaue Angaben über den Verbleib Ihres Mannes zu machen.

Ich grüsse Sie in aufrichtigem Mitgefühl.
 

+++ Lesen Sie hier alle Teile der Feldpost-Serie +++


Karl Scheibel stirbt 1974 in Ober-Mörlen im Alter von 61 Jahren. Zur Kompanie ist er damals, 1941, aber wohl nie zurückgekehrt. Stattdessen kam er ins Lazarett. So jedenfalls erklärt es sich seine Tochter Monika Fischbach heute. Sie kennt keine Details, weiß nur, was die Fotos und der Brief erzählen. Zeitdokumente, die jahrelang ungesehen in einem Schuhkarton in ihrem Elternhaus lagen.

 

Fotos im Schuhkarton

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Monika Fischbach kann die Geschichte ihres Vaters, der als Soldat im Krieg war, nur noch a...

Als die Töchter von Karl Scheibel den Karton finden, sind Vater und Mutter schon tot. Es gibt niemanden mehr, der von den Ereignissen damals erzählen kann, der Monika Fischbach die vielen Fragen beantworten kann. Zum Beispiel, wann ihr Vater zurückgekehrt ist, ob er als Kriegsversehrter nach Hause kam – »seine Zehen waren im Krieg abgefroren« – oder ob er nach seinem Lazarett-Aufenthalt wieder an die Front geschickt wurde.

Dass er im Lazarett gewesen sein muss, lässt sich nur anhand eines Fotos aus dem Karton rekonstruieren. Mehrere Männer stehen vor einem Bett, sind zum Gruppenbild zusammengekommen, einer davon ist Karl Scheibel. Wann das Foto aufgenommen worden ist, lässt sich nicht mehr herausfinden.

 

»Unglaublicher Moment«

Überhaupt möchte Monika Fischbach so viele Dinge wissen. Doch, erzählt sie: »Als Kind habe ich nicht gefragt.« Später haben die Eltern nie über die Kriegszeit gesprochen.

Umso wichtiger sind für Monika Fischbach die alten Fotos. Ganz unterschiedliche sind dabei. Ein Bild von Soldaten auf einem Schlauchboot, eines vom Vater in Uniform.

Demnächst möchte die Ober-Mörlerin eine Frau aus dem Ort fragen, die sich vielleicht noch an die Rückkehr des Vaters erinnern kann. Monika Fischbach kann es nur erahnen: »Für meine Mutter muss es ein unglaublicher Moment gewesen sein, als er plötzlich vor der Tür stand.« (Fotos: nic/pv)



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