22. Juli 2019, 21:04 Uhr

Todesfahrerin muss hinter Gitter

Es war ein unermesslich tragischer Unfall im Oktober vergangenen Jahres. Ein fünfjähriger Junge aus Butzbach starb auf der A 5 bei Bad Nauheim, weil eine betrunkene Frau mit 160 km/h das Auto der Familie rammte. Am Montag saß die Unfallverursacherin am Amtsgericht in Friedberg auf der Anklagebank. Für eineinhalb Jahre muss sie ins Gefängnis.
22. Juli 2019, 21:04 Uhr
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Von Hedwig Rohde
Die 43-jährige Angeklagte wischt sich zu Beginn des Prozesses am Friedberger Amtsgericht Tränen aus dem Gesicht. Am Ende der Verhandlung wird sie zu einer eineinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. (Foto: dpa)

Die 43-Jährige hatte mindestens 1,69 Promille Alkohol im Blut, als sie am 20. Oktober 2018 um 20.57 Uhr auf der A 5 in Höhe der Ausfahrt Bad Nauheim durch einen groben Fahrfehler einen schweren Unfall verursachte, infolgedessen der fünfjährige Sohn einer Butzbacher Familie starb. Wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs wurde die Angeklagte am Montag vom Schöffengericht Friedberg unter Vorsitz von Richterin Dr. Gerlinde Kimpel zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Verteidiger Axel Küster, der vergeblich um die Aussetzung der Strafe zur Bewährung gebeten hatte, wird gegen das Urteil Berufung einlegen.

Es war eine von Reue und Verzweiflung erfüllte Angeklagte, selbst zweifache Mutter, deren schwierige Lebensumstände zu Alkoholabhängigkeit schon in früher Jugend und danach einem mehrfachen Wechsel von Entzug und Rückfälligkeit geführt hatten und die sich seit dem Unfall in psychologischer Behandlung befindet. Und es war ein Vater, dem Sachverständiger und Gericht bescheinigten, alles richtig gemacht zu haben, und der doch gemeinsam mit seiner Familie den Verlust eines Sohnes verkraften muss.

Der Lupo der Familie wurde gegen ein Baustellenschild geschleudert, und der Mast des Schildes hatte durch das Seitenfenster hindurch den Kopf des Fünfjährigen zerschmettert.

Anton F. (Name geändert ), 36 Jahre alt, Ingenieur von Beruf und Vater von sechs Kindern im Alter von einem bis neun Jahren, war am 20. Oktober mit seiner kleinen Tochter nach Pfungstadt gefahren, um zwei seiner Söhne von einer Woche bei den Großeltern abzuholen. Als er nach 20 Uhr zur Rückkehr aufbrach, waren alle drei Kinder in Kindersitzen gesichert - »absolut korrekt«, wie der Gutachter betonte. Als Ältester saß der Fünfjährige, nach Aussage des Vaters ein freundlicher, offener Junge, der wenige Tage zuvor noch über ein neues Fahrrad gestrahlt hatte, auf seiner Sitzerhöhung auf dem Beifahrersitz.

Die Angeklagte arbeitete seit drei Jahren als Haushaltshilfe im Odenwald. Dort ging es ihr gut, weshalb sie seit eineinhalb Jahren wieder einmal trocken war. Am 20. Oktober 2018 verabschiedeten sich ihre Arbeitgeber mit dem Wohnmobil in den Italien-Urlaub, die 43-Jährige blieb zurück, um die Hunde zu versorgen. Gegen Mittag berichtete ihre Mutter ihr telefonisch von der Blutvergiftung ihres erwachsenen Sohnes, der im Krankenhaus liege. Dies habe sie in Angst und Panik versetzt, sagte die Angeklagte unter Tränen: »Ich wollte keinen Schmerz mehr fühlen, nicht mehr denken.«

In der Wohnung ihrer Arbeitgeber versorgte sie sich mit Alkohol, trank im Laufe der nächsten Stunden eine Flasche Wodka, Wein und Bier. Warum sie sich danach in den SUV ihrer Arbeitgeber setzte, ob sie zu Freunden nach Wuppertal oder doch nach Polen zu ihrem Sohn wollte, daran erinnere sie sich nicht, sagte die Frau vor Gericht.

Vater des Jungen spricht am Ende

Kurz vor 21 Uhr konstatierte ein Autofahrer auf der A 5, den die Angeklagte beim Einscheren auf die mittlere Fahrbahn scharf geschnitten hatte, wobei er selbst nur mit Glück einer Kollision entging, dass sie Schlangenlinien fuhr. Das Video seiner Dash-Cam floss in das ausführliche Gutachten des technischen Sachverständigen mit ein. Wenige Minuten später übersah die Frau - wieder beim Einscheren - den Lupo der Butzbacher Familie, prallte mit 164 km/h frontal gegen die linke Heckseite des kleineren und langsameren Fahrzeugs. Dessen linker Hinterreifen blockierte sofort, das Fahrzeug rotierte gegen den Uhrzeigersinn, schleuderte aufs Dach, wurde, sich mehrfach seitlich überschlagend, vom dicht daneben fahrenden SUV noch 80 Meter über die Leitplanke mitgezogen und knallte dabei auch gegen das Baustellenschild.

Sie sei absolut fahruntüchtig gewesen, was auch ihre stark verzögerte Reaktion nach dem Unfall gezeigt habe, fasste Richterin Kimpel im Urteil die wesentlichen Erkenntnisse der sechsstündigen Verhandlung zusammen: »An diesem Tag waren Sie eine tickende Zeitbombe«, die durch ihre Fahrweise mehrere Menschen gefährdet habe. Ihre aufrichtige Reue, ihr vorbehaltloses Geständnis schon direkt nach der Tat, ihre Versuche, Erste Hilfe zu leisten, ihre Unbescholtenheit, ihre Alkoholerkrankung, all das werde ihr zugutegehalten. Rechtsordnung und Rechtsempfinden verlangten in diesem Fall aber, dass die Haftstrafe auch vollstreckt werde. Das Gericht blieb beim Strafmaß um vier Monate unter dem Antrag von Staatsanwaltschaft und Nebenklage.

Das letzte Wort hatte auf seinen Wunsch der Vater, der als Nebenkläger aufgetreten war. Die am Morgen unter Tränen formulierte Entschuldigung hätte er sich früher gewünscht, wandte er sich gefasst an die Angeklagte. Vor allem aber sei ihm wichtig, dass sein Sohn nicht umsonst gestorben sei. »Nehmen Sie diese Chance, machen Sie etwas Positives daraus.«



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