10. März 2017, 20:00 Uhr

Kultur mal anders

Theater ohne Theater

Theaterstücke werden im Theater aufgeführt. Das liegt in der Natur der Sache. Nicht beim »Theater ohne doppelten Boden«. Da lernen die Besucher, wo in Büdingen mal das Rotlichtviertel war.
10. März 2017, 20:00 Uhr
Die Magd aus der Zeit der Hexenverbrennung (Sylvia Oster), der Lehrer von 1847 (Gerd Ungermann) und Karl-Heinz (Markus Karger) aus dem Hier und Jetzt: Sie alle zeigen den Gästen unterschiedliche Seiten Büdingens. (Fotos: vpf)

"Sobald man das Kostüm anhat, ist man nicht mehr der, der man privat ist«, sagt Markus Karger. Wie zum Beweis kommt wenig später statt dem Büdinger TheodoBo-Schauspieler ein typischer Ruhrpott-Touri mit Hawaiihemd und Taschentuch auf dem Kopf um die Ecke. »Jiiisela, isch hab der jesacht, datt isch keine Lust habe«, schimpft Karl-Heinz von der Führung »Karl-Heinz und Gisela – Touristisches Fiasko mit Happy End«. Genervt trottet er seiner »Frau«, gespielt von Sylvia Oster, durch die Erbsengasse hinterher. Dass der Name der Gasse in der Büdinger Altstadt nicht das Geringste mit der Hülsenfrucht zu tun hat, weiß Karl-Heinz nicht. Dafür aber der Nachtwächter, den Markus Karger in der Führung »Büdingen bei Nacht« verkörpert. Mit düsterem Blick und Hellebarde in der einen und Laterne in der anderen Hand erklärt der: »Die Erbse kommt in diesem Fall nicht von dem Gemüse, sondern vom Begriff ›Orbes‹. Damit wurde im Mittelalter das Rotlichtviertel beschrieben.«

Wie bei jeder Station will der Nachtwächter aber auch hier nicht allzu lang verweilen. Warum? »Sonst schaffen wir die Runde nicht«, können bei der Führung einige Gäste schon mitsprechen. In den 14 Jahren, die Karger, Oster und Ungermann diese Führung schon anbieten, sind nämlich häufig Wiederholungstäter dabei, sagt Gerd Ungermann: »Besonders einige Lehrer kommen immer wieder, sobald sie neue Klassen haben.«

Verschiedene Führungen - verschiedene Rollen

Auch er schlüpft hin und wieder in die Rolle eines Lehrers, aber auch in die eines geflohenen Soldaten oder eines quirligen Kaninchens. Die Figuren, die der 48-Jährige in den zehn unterschiedlichen Führungen und den zahlreichen Theaterproduktionen verkörpert, sind vielfältig. Auch er wirkt wie ein anderer Mensch, sobald das Kostüm angezogen ist: Kaum sitzt die Melone des Gymnasialdirektors Thudichum, schon nimmt Ungermann den einen Arm auf den Rücken und blickt streng über den Rand seiner Brille. Auch der Blick von Sylvia Oster wirkt anders, sobald sie die passende Kleidung aus der Zeit der Hexenverbrennung trägt.

Info

Was in nächster Zeit ansteht

In den kommenden Wochen bietet das »TheodoBo«-Team folgende Führungen an:

  • - »Hexenwerk und Hexenwahn«: Heute um 20 Uhr. Preis: Erwachsene 8,50 Euro, Kinder 6 Euro. Treffpunkt: Jerusalemer Tor.
  • - »Büdinger Burgmannenschmaus«: 11. März um 20 Uhr. Vier-Gänge-Menü mit mittelalterlichem Unterhaltungsprogramm im Gasthaus »Bleffe«. Preis: Erwachsene: 39,50 Euro, Kinder: 29,50 Euro.
  • - »Gauner, Schurken und Halunken«: 24. März um 20 Uhr. Kulinarische Erlebnisführung. Preis: Erwachsene 19,50 Euro, Kinder 16,50 Euro. Treffpunkt: Marktplatz.
  • - »Büdingen bei Nacht«: 25. März um 20 Uhr. Preis: Erwachsene 12 Euro, Kinder 9 Euro.


Infos und Buchungen bei der Tourist-Information Büdingen, Tel. 0 60 42/9 63 70.

Sich so tief in eine Rolle einfühlen zu können sei wichtig, erklärt die 60-Jährige: »Es ist ein Unterschied, ob ich spiele, dass ich etwas empfinde oder ob ich es tatsächlich empfinde. Das Publikum merkt das.« Der entscheidende Faktor sei die Körpersprache, die könne man nämlich nicht spielen, sagt Karger: »Wenn man etwas tatsächlich empfindet, strahlt der Körper das automatisch aus.«

Nische ergab sich von ganz allein

Gegründet haben die drei Büdinger das »TheodoBo« im Jahr 2000, damals noch als Quartett. Die Initiative, eine Theatergruppe zu gründen, ging von Sylvia Oster aus: »Ich hatte schon lange vorher die Idee, Leute zu suchen, die auf dem gleichen Weg sind wie ich und Lust haben, etwas Eigenes zu gründen.« Da sie aber pessimistisch veranlagt sei, habe sie lange gezweifelt, sich von der großen Konkurrenz abschrecken lassen. »Aber als dann alle begeistert waren, dachte ich: Dann müssen wir uns eben Nischen suchen und etwas anbieten, was es so noch nicht gibt.« Diese Nische ergab sich dann eigentlich von ganz allein.

Das Schicksal meinte es nämlich gut mit dem neu gegründeten Quartett: Als 2001 aus dem alten Fremdenverkehrsamt die »Tourist Information« wurde, hatte man dort die Idee, Stadtführungen der etwas anderen Art anzubieten und dafür spontan das »TheodoBo« angefragt.

Inzwischen ist die Theatergruppe dreiköpfig. Obwohl es Stücke zur Frankfurter Stadtgeschichte oder zu den Sagen rund um die Keltenwelt am Glauberg gibt, ist doch Büdingen das Zentrum des »TheodoBo« geblieben. Seine Historie spielt bei allen Führungen eine zentrale Rolle – passend zum Motto der Stadt »Büdingen lebt Geschichte« erklärt Markus Karger: »Damit das funktioniert, muss es neben der Hardware, also den alten Gebäuden und Gemäuern, auch die Software geben, also uns als lebendige Gestalten der Büdinger Geschichte.«

Aufwendige Recherche

Schwierig sei dabei manchmal, einen Einstieg zu finden, der sowohl Geschichtsinteressierten, als auch denen, die einfach nur unterhalten werden wollen, gerecht werde. »Humor« laute hierbei das Zauberwort: »Selbst bei den ernsten Stücken gibt es hier und da mal was zu lachen.«

Zwei Monate dauert es übrigens im Schnitt von der Idee bis zur ersten Aufführung einer Erlebnisführung. Den größten Teil nimmt dabei die Recherche ein, sagt Karger: »Bücher wälzen gehört schon dazu.« Die Figuren, die die Büdinger in ihre Stücke und Führungen einbauen, haben zum Teil ein historisches Vorbild, zum Teil sind sie frei erfunden. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: »Die Rollen, die man schreibt, wachsen wie ein Ast aus einem heraus. In gewisser Weise spiegeln sie alle Facetten der eigenen Persönlichkeit wider.«

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