05. Dezember 2018, 19:56 Uhr

Tausend Essen gegen die Not

05. Dezember 2018, 19:56 Uhr
ATZ

Die Geschichte des Teichhauses lässt sich eigentlich nur im Zusammenhang mit seiner Umgebung erzählen. Zuerst war da der Große Teich, in den Jahren 1736 bis 1740 in der Nähe der Usa künstlich angelegt als Sammelteich zum Betrieb mehrerer Wasserräder für die Salzgewinnung der Saline. Um 1780 ließ Erbprinz Wilhelm von Hessen-Kassel das idyllisch gelegene Teichhausschlösschen für eine seiner Geliebten errichten. Doch bevor das Haus fertig war, hatte sich die Liebe abgekühlt – der Erbprinz ließ die Salinenverwaltung kurzerhand auf den Baukosten und dem Schlösschen sitzen.

Das Gebäude ging in den Besitz der Verwaltung über und wurde auch von ihr genutzt. Man quartierte dort den Grabenmeister ein. Er war verantwortlich für die umliegenden Teich- und Wasserbetriebsanlagen. Neben seiner Arbeit durfte er eine kleine Schankwirtschaft betreiben. Aus diesen Anfängen übernahmen die Pächter der Spielbank um 1860 vertraglich die Aufgabe, das Gebiet am Teich auch für Kurgäste attraktiv zu machen. Sie stellten eine Anzahl von Booten und organisierten Lampion-Teichfeste, die sich bald großer Beliebtheit erfreuten.

Kriegsgefangene einquartiert

Unter der Regie des Staatsbads erfolgten um 1900 bauliche Erweiterungen wie die Verbreiterungen der Parkwege und der See-Terrasse. Der vollständige Umbau der Restaurationsräume und eine wesentliche Vergrößerung der Freiterrasse mit einem breiten Glasdachvorbau fallen in die Jahre 1924/25. Das Teichhaus war zu einem Publikumsmagneten geworden.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs diente das Teichhaus der Deutschen Wehrmacht als Not- und Auffanglazarett und – wie es an anderer Stelle heißt – auch kurze Zeit als Lager für italienische Kriegsgefangene. Nach der Beschlagnahmung durch die Amerikaner wurden dort einige Wochen lang gefangene deutsche Soldaten einquartiert.

Die Lebensverhältnisse im Jahre 1945 veranlassten die Stadtverwaltung zur Einrichtung von Verpflegungsstätten: Menschen, die ohne geeignete Kochgelegenheit waren, sollten pro Tag mindestens eine warme Mahlzeit erhalten. Für diesen dringenden Bedarf wurde das Teichhaus ab August 1945 eingerichtet. Der Verwaltungsbeamte Friedrich Becker, dessen detaillierte Aufzeichnungen über die Nachkriegsjahre erhalten sind, führte gewissenhaft Buch über die Zahl der verpflegten Personen: Im Oktober waren es 286, im November schon 500. Mit Beginn der Arbeiten am Eisstadion stieg die Zahl rasant, nach acht Monaten pendelte sie sich bei 1000 Personen täglich ein. Becker war voll des Lobes für die Mitarbeiter, die diese Mammutaufgabe erledigten, und schrieb: »Trotz alledem hat jeder der vielen Teilnehmer tagtäglich seine reichlich bemessene, gut zubereitete und sauber dargereichte Mahlzeit pünktlich erhalten.«

Ab 7. Juni 1946 vermerkte das Gemeindeprotokoll, die Verpflegungsstelle Teichhaus müsse verlegt werden, weil die Amerikaner das Gebäude anderweitig nutzen wollten. Was daraus wurde, ist nicht bekannt. Nach den städtischen Verwaltungsakten endete die Beschlagnahmung im Oktober 1951.

Erst 1969 machte das Gebäudeensemble am Teich wieder von sich reden. Das »Bäderförderprogramm« des Landes Hessen sah den Abriss und ein gigantisches Neubauprojekt vor. Geplant war ein gigantisches herzförmiges Hotel mit Spielcasino, dem Restaurant und Teichhausschlösschen zum Opfer fallen sollten. Die Denkmalpflege war dagegen und durchkreuzte die Gesamtplanung. Trotzdem wurde 1970 mit dem Abriss begonnen: Es traf Freiterrasse und Festsaal der beliebten Lokalität. Danach geriet das Projekt ins Stocken.

Hotelbaupläne scheitern

Die Hotelpläne verschwanden in den Schubladen des Staatsbads. Es sollte bis 1995 dauern, ehe jemand nach Umbauten eine gastronomische Wiederbelebung der Teichhaus-Gaststätte wagte. Das »Schlösschen« fand schließlich beim »Ausverkauf« des Staatsbades neue Besitzer. 2012 erwarb ein einheimischer Investor den Teichhaus-Torso samt umliegendem Gelände, sanierte die alten Gebäudeteile und schuf ein neues Restaurant an traditionsreicher Stelle.

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