10. Mai 2018, 18:00 Uhr

Disko-Serie

Tanz in den Sonnenuntergang: Das Sunset in Langenhain

Halb Hessen genoss früher in der Disko am Hang über Langenhain den Tanz in den Sonnenuntergang. Doch 1981 war Schluss für das »Sunset«, denn es gab Ärger.
10. Mai 2018, 18:00 Uhr

Wetterauer Diskos

In den 70er und 80er boomten Diskotheken. Viele der legendären Tanztempel gibt es längst nicht mehr. In unserer Serie öffnen wir noch einmal die Türen.

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Fast hört man noch das Lachen, die Musik und das Klirren von Sektgläsern, wenn man vor dem verlassenen Haus in den Sonnenuntergang blinzelt. Efeu wuchert, wo einst Discolicht aus Fensterritzen flimmerte. Seit das »Sunset« vor 37 Jahren schließen musste – es lag im Wohngebiet in Langenhain, Autos und Lärm verärgerten die Anwohner – hat sich scheinbar niemand um die alte Pracht gekümmert.

»Ich war fast noch Kind, als das ›Sunset‹ aufmachte«, schmunzelt Astrid Trier. »Natürlich haben wir geguckt, wer aus den dicken Autos ausgestiegen ist.« Anfangs seien die Gäste in Smoking und Abendkleid gekommen. Später traf sich auch die Dorfjugend im »Sunset«. »Mein erstes Date mit Alex hatte ich dort«, lächelt sie ihren Ehemann an.

Am Konfirmationsabend durften wir zum ersten Mal hin, das war ungeschriebenes Gesetz

Anke Noll

Wie den beiden Langenhainern ist es vielen Discogästen gegangen. Eine Nachbarin bestätigt das: »Ich habe meinen Mann dort kennengelernt.« Mit Grausen denkt dagegen Willi Liebert an seinen einzigen Besuch in der Edeldisco. Das war 1974, am Hochzeitsabend. Seine Braut war ausgerechnet dorthin entführt worden, wo er nie hingegangen wäre. »Hundert Mark musste ich für eine Flasche Sekt löhnen.«

Am 21. Januar 1972 stieg im Sunset die Fastnachtssitzung der KG Mörlau.
Am 21. Januar 1972 stieg im Sunset die Fastnachtssitzung der KG Mörlau.

Gerne erinnert sich Christa Hauck ans »Sunset«. Im alten Mercedes Diesel sei sie vorgefahren. »Es war immer voll und wir hatten viel Spaß.« Elvis und Bill Haley waren angesagt, Letkiss und Twist. Hauck erlebte im Januar 1972 auch, was wohl nur in Ober-Mörlen geht: eine komplette Fastnachtssitzung in der Diskothek, mit Fanfarenzug, Büttenreigen und Prinzenpaar. Sie selbst stand mit Nichte Karin Wex in der Bütt, als Stadt- und Landmädel. KG-Urgestein Manfred Seipel hat das in bester Erinnerung. »Das hatte ich fast vergessen«, bestätigt der damalige Prinz Walter Grimmel. Die Butzbacher Star-Band spielte und die Gardemädchen tanzten in Super-Minis.

»Wir haben uns für die Disco immer in Schale geworfen«, erzählt Anke Noll. »Am Konfirmationsabend durften wir zum ersten Mal hin, das war ungeschriebenes Gesetz.« Noll erinnert sich: Im Vorraum war die Garderobe, im Saal rechts und links Sitznischen mit rotem Plüsch, mittendrin eine riesengroße Theke, der DJ legte auf der Bühne auf und davor glänzte die Tanzfläche unter einer exzellenten Musik- und Lichtanlage. Waltraud Hirthe berichtet von DJ Martin, der vom Friedberger »Central« ins »Sunset« kam und »seine Sache sehr gut« machte. Auch der angesagte DJ Jürgen Schließner legte im »Sunset« auf.

Zum Ende hat DJ Franzl immer ›Gute Nacht, Freunde‹ aufgelegt

Tatjana Feuerstein (schlich sich mit 15 ins »Sunset«)

 

Bei den Langenhainern fällt stets der Name DJ Franzl. »Er gehörte zum Inventar«, erzählt Petra Groß. »Den Anfang machte immer Billy Joel’s Glass Houses«, grinst Roger Möckel, wenn er sich erinnert, dass sie mit 14 in die Disco gingen. »Wir konnten uns aber auch benehmen.« »Zum Ende hat Franzl immer ›Gute Nacht, Freunde‹ aufgelegt«, denkt Tatjana Feuerstein gerne zurück. Sie hätten sich schon mit 15 reingeschlichen. »Meine ältere Schwester trug Schlaghosen und Plateau-Schuhe.« In besonderer Erinnerung sind Jim-Beam-Abende bei Kerzenschein und Silvesterbälle mit Livemusik. Mary Roos, Silver Convention, The Equals und sogar Hot Chocolate zündeten im »Sunset« ihr Feuerwerk. »Es war anders dort, irgendwie feiner«, sagt Anette Burk.

 

Puertoricaner, die Salsa tanzen

 

Blick in die Sitznischen am Rand der Tanzfläche
Blick in die Sitznischen am Rand der Tanzfläche

»Die ersten Jahre war so viel los, dass die Hauptstraße zugeparkt war«, erzählt ein Stammgast. Parkplatznot und Krach im Wohngebiet bedeuteten den Anfang vom Ende. »Irgendwann mussten wir schon um 23 Uhr schließen«, berichtet Rainer Rohe, Sohn des Discobetreibers. Mit 15 hatte der Filius hier gekellnert, zum Ende hin führte er neben seinem Beruf die Geschäfte.

Sein Bandkollege Karlheinz »Pius« Burk besserte im »Sunset« hinter der Theke sein Taschengeld auf: »Das war ’ne richtige Kultdisco.« Seine Frau Alicia erinnert sich an viele amerikanische Gäste und Puertoricaner, die zum Salsatanzen kamen.

»Das war die größte Disco in der Gegend«, sagt Rohe jr. Ausgelegt auf 300 Leute, schauten im Laufe des Abends auch schon mal 800 rein. »An der Bar gab es 30 Sitzplätze, dazu 40 Tische in den Nischen.« Drei Mädels bedienten hinter der Bar, drei Kellner im Saal. Alles war in Rot-Weiß gehalten, die Tanzfläche in Messing.

Info

Im Dorf gab's Ärger

»Im Dorf sammelten die Leute Unterschriften gegen den Betrieb«, erinnert sich Horst Müller. Ihm gehörte damals das Haus, in dem Pächter Walfried Rohe die Discothek »Sunset« betrieb. Es gab Ärger, die Konzession wurde nicht verlängert. »Das ›Sunset‹ hatte anfangs einen Riesenradius«, berichtet Müllers Tochter Claudia Chrometz. »Später machten rundum neue Discos auf.« Zehn Jahre nach Eröffnung war das »Sunset« Geschichte. Ein Jahr später verkaufte Müller das Gebäude, das sein Vater Baltasar Müller 1930 auf der grünen Wiese erbaut hatte – als Tanzsaal mit Gastwirtschaft, der sich als »Saalbau Müller« zum Kulturmittelpunkt des Dorfes entwickelte. (hau)

 

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