24. Januar 2018, 07:00 Uhr

Alte Handschriften lernen

Sütterlin? Kurrent? Auf die Schnörkel kommt’s an

Sütterlin? Kurrent? Fraktur? Man muss keine Fachbegriffe kennen, um alte Handschriften zu entziffern. Am besten geht das, wenn man selbst zum Stift greift, weiß VHS-Kursleiterin Hortense Habermann.
24. Januar 2018, 07:00 Uhr
Gabriele Meuser aus Wöllstadt zeigt eine alte Urkunde, die sie gerne entziffern würde. (Foto: Wagner)

Am Haus Nr. 37 in der Friedberger Burg hängt ein Schild in deutscher Schreibschrift. Komme ich daran vorbei, versuche ich es zu entziffern. Jemand ging einst »fröhlich in dieses Haus«, lese ich. Doch schon in der zweiten Zeile bei den »Mönchen der Burgmannen« steige ich aus. Mönche in der Burg – das kann nicht sein.

Wer den Vierzeiler zu Papier brachte, beherrscht(e) noch Sütterlin. Diese Schrift wurde 1915 an preußischen Schulen eingeführt, war von 1935 bis 1941 allgemeine Grundschrift an deutschen Schulen. Es gibt manche Übereinstimmung mit der lateinischen Schrift, aber auch viele Abweichungen. Das gilt für alle deutschen Schreibschriften seit dem Mittelalter. Ob Kirchenbücher, Gerichtsakten oder Briefe von Vorfahren – nur Archivare und Schriftexperten können das flüssig lesen. Alle anderen müssen das Wort für Wort oder sogar Buchstabe für Buchstabe übersetzen.

Unleserliche Rezepte der Oma

»Manchmal kommen Geschichtsstudenten in meine Kurse, oder junge Standesbeamte, die mit alten Urkunden zu tun haben. Die meisten betreiben Ahnenforschung oder wollen Rezepte der Oma entziffern«, sagt Hortense Habermann. Die Marburgerin beschäftigt sich seit 25 Jahren mit alten Handschriften, kam über die Kalligrafie zu den historischen Schriften, die sie heute gewerblich transkribiert bzw. übersetzt. Seit vielen Jahren bietet sie in Mittelhessen VHS-Kurse an.

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»Happy new year«, schreibt VHS-Kursleiterin und Schriftexpertin Hortense Habermann in Kurr...

m VHS-Haus in Friedberg haben sich neun Teilnehmer eingefunden. Eine Frau aus Wöllstadt hat eine Kiste mit Briefen ihres Vaters gefunden, die niemand mehr lesen kann. Ein Ockstädter betreibt Familienforschung, ein Architekt aus Friedberg will alte Bauakten lesen.

Markierungen beachten

Die ersten Verständnishürden sind schnell genommen. Habermann lenkt den Blick auf die Besonderheiten der Handschriften. Über dem »u« wurde eine halbrunde Markierung angefügt, ähnlich den »ü-Pünktchen«, aber in Form eines Halbkreises, eines Striches oder eine Hakens. Das ist eine Frage der persönlichen Stils. Die Markierung hilft, das »u« von ähnlich aussehenden Buchstaben wie »c«, »e«, »i«, »m« oder »n« zu unterscheiden. Auch »a«, »o« und »r« können zum Verwechseln ähnlich aussehen, und das große »B« unterscheidet sich vom »L« nur durch einen angehängten Schnörkel.

Eine wichtige Markierung ist der Buchstabe »S«. Den gibt es, wie Habermann anhand mehrerer Beispiele erläutert, als Lang-S am Anfang von Wörtern und Silben, als gebogenes Schluss-S, das an die Zahl »6« erinnert und als großes »S«, das an ein »O« erinnert und Ähnlichkeiten zum »N«, zum »M« und zum »G« aufweist. Wer dann noch weiß, dass die Haken beim kleinen »e« im Gegensatz zu »m« und »n« abgesetzt sind und eine Lücke im Schriftbild aufweisen, wird mit etwas Mühe und Gehirnschmalz entziffern können, dass sich Oma Notizen »Gegen das Schimmeln der Fruchtsäfte« machte.

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Am besten lernt man das Lesen alter Handschriften, indem man übt, sie mit viel Schwung zu ...

Habermann hat alte Texte mitgebracht, die gemeinsam entziffert werden. Die beste Methode, alte Handschriften zu übersetzen, sei das Schreiben, sagt sie. Dafür teilt sie Übungsblätter aus. Die Kursteilnehmer malen mit viel Schwung die Buchstaben »V«, »W« und »P«. Schnell werden einem die fremd wirkenden Buchstaben vertraut, das Lesen klappt danach gleich viel besser.

Veraltete Fachbegriffe

Es gibt weitere Hürden, will man Texte in alter deutscher Handschrift verstehen. Man sollte veraltete Fachbegriffe kennen, die immer wieder in Urkunden vorkommen (siehe Kasten). Oft sei die Schrift zu klein. Dann hilft eine Lupe. »Oder man scannt den Text ein und vergrößert ihn am Computer«, rät Habermann, die noch einige Tipps auf Lager hat. Auf keinen Fall dürfe man sich nicht von individuellen Abweichungen im Schriftbild abschrecken lassen. »Manchmal fällt es mir schwer, meine eigene Handschrift zu entziffern«, verrät ein Teilnehmer. Wie wird es erst seinen Nachkommen ergehen?

Ach ja: Im Haus Nr. 37 der Friedberger Burg gingen einst keine »Mönche« ein und aus, sondern »Mägde«, und die »backten hier emsig ihr täglich Brot«, denn »wer solches nicht hat, leidet bittere Not«. In dem Haus unterhalb des Adolfsturms war einst die Burgbäckerei untergebracht.

 

Infobox

Im Handstreich zur Kopulation

Mit dem Entziffern der einzelnen Buchstaben ist es beim Lesen alter deutscher Handschriften nicht getan. Um zu verstehen, von was Urkunden oder Kirchenbucheinträge handeln, muss man alte Berufsbezeichnungen und längst vergessene Wörter kennen. Wer sechseinhalb halbwegs gleich aussehende Auf- und Abschwünge als »ene« entziffert, muss auch wissen, dass dies eine alte Bezeichnung für den Großvater ist. »Hilich« meint die Heirat, »Arpacht« die Erbpacht, »Heimfall« das Erbrecht des Staates und »Handstreich« eine Verlobung. In alten Kirchenbücher ist oft auch die Rede vom »Tag der Kopulation«, der »mit Zahlen und Buchstaben« angegeben wird. Heute sagt man dazu Hochzeitstag, und die »Begattung« wird meist schon vorher geübt. Die VHS Wetterau bietet regelmäßig Kurse im Lesen alter Handschriften an. Infos zum Programm gibt es im Internet (www.vhs-wetterau.de, Tel. 0 60 31/71 76-0). Über alte Handschriften informieren Bücher. Für den Einstieg empfiehlt sich das Buch »Deutsche Schreibschrift – Kurrent und Sütterlin lesen lernen« von Manfred Braun (Knaur Verlag), das anhand von Dokumenten wie Briefen, Akten oder Rezepten das Entziffern alter Schriften nachvollziehbar macht. (jw)

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