Wetterau

Suche nach Millionen Vermissten Das Schicksal von Erich L. – geklärt nach 74 Jahren

Unzählige Männer sind nach 1945 nicht mehr aus dem Krieg zurückgekehrt. Die Familien zu Hause haben gewartet. Viele von ihnen haben sich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gewandt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Schicksale von Vermissten zu klären. Sogar heute gehen noch Suchanfragen ein, erzählt Christoph Raneberg vom Suchdienst im Interview – und die Suche ist nicht immer einfach.
23. November 2018, 18:51 Uhr
Sabrina Dämon
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Eine Frau aus Friedberg möchte wissen, wie ihr Vater gestorben ist. Ein Wöllstädter weiß nicht, wo sein Vater begraben liegt. Immer wieder haben Leser im Rahmen der Serie »Briefe zwischen Front und Heimat« davon erzählt, dass sie oder Verwandte sich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gewandt haben – um zu erfahren, wo ihre Angehörigen gestorben sind. Christoph Raneberg, Leiter der Archiv- und Dokumentationsstelle in München, erzählt von der Arbeit des Suchdiensts.

Wie viele Menschen haben sich nach dem Krieg an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gewandt, um ihre Ehemänner, Väter oder Brüder zu suchen, die nicht zurückgekehrt sind?

Christoph Raneberg: Es ist schwierig zu beziffern. Aber in der Zeit von 1945 bis 1950 zum Beispiel sind bei uns 14 Millionen Anfragen eingegangen.

Zu wie vielen davon konnten Auskünfte gegeben werden?

Raneberg: 8,8 Millionen schicksalsklärende Auskünfte haben wir damals erteilt. Die unmittelbare Nachkriegszeit war auch die Zeit, in der die meisten Schicksale geklärt werden konnten.

Auf der Webseite des Suchdiensts steht, es seien nach wie vor 1,3 Millionen Schicksale ungeklärt. Wenden sich noch immer Angehörige an Sie?

Raneberg: Oft betrifft es denselben Fall: Früher hat sich eine Ehefrau an uns gewandt, heute macht das der Sohn noch einmal. 2017 zum Beispiel sind es 8851 Anfragen gewesen.

Wie funktioniert die Suche nach einer im Zweiten Weltkrieg vermissten Person?

Raneberg: Für uns ist es wichtig, dass wir die Personendaten komplett und zuverlässig erhalten. Im Zweiten Weltkrieg haben wir es mit vielen sogenannten Sammelnamen zu tun – ähnliche Namen und ähnliche Geburtsdaten. Es kann vorkommen, dass es drei Hans Müller gibt, die am 3.3. 1919 geboren sind. Die Daten überprüfen wir in unseren Karteien und in Unterlagen aus russischen Archiven etc. Daraufhin geben wir Auskunft.

Welche Auskünfte sind das?

Raneberg: Wo ist jemand in Gefangenschaft geraten? Ist er entlassen worden, ist er verstorben, wenn ja, wo? Wenn wir einen Fall nicht klären können, bekommen die Angehörigen in aller Regel ein sogenanntes Gutachten – eine Auflistung der Ereignisse der millitärischen Einheit, in der jemand laut seiner letzten Meldung gewesen ist.

Wie lässt sich das rekonstruieren?

Raneberg: Jeder Soldat hatte eine Feldpostnummer. Die ist der Schlüsel, mit dem man die Einheit ermitteln kann. Das ist nicht immer hundertprozentig stimmig und einfach, aber wir bemühen uns, das Schicksal zu klären. In den 60er Jahren ist der Suchdienst dazu übergegangen, Gutachten zu erstellen. Man hat geschaut: Wie war das Kriegsgeschehen, und was ist mit dieser Einheit passiert? Wir überprüfen: Ist er gefallen? Wenn das nicht der Fall ist, gehen wir einen Schritt weiter, schauen in russischen Archiven, ob er vielleicht in Gefangenschaft geraten ist, und wenn das auch nicht der Fall ist, geben wir in der Regel eine Gutachten-Auskunft: In welcher militärischen Einheit er war, wo diese sich am Ende befunden hat, und dass wir davon ausgehen, dass er dort gefallen oder verstorben ist.

Führen die meisten Suchanfragen nach Osteuropa?

Raneberg: Ja, große Kampfhandlung gab es in Russland, in der Ukraine, in Jugoslawien. Das reicht vom Baltikum bis ans Schwarze Meer.

Sie haben noch nicht allzu lange Zugriff auf die russischen Akten.

Raneberg: Das hat mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu tun. Seit den 90er Jahren sind die Dokumente zugänglich, damals bekamen wir noch Datensätze. Seit den 2000er bekommen wir auch Scans von den Originalakten. Das ist eine Kriegsgefangenenakte, die hat fünf Seiten – im besten aller Fälle –, auf denen genau vermerkt ist, wann jemand gefangen genommen wurde. Es gab aber früher schon Fälle, da hat das DRK Anfragen an das sowjetische Rote Kreuz gestellt, das im Inland recherchiert hat.

Ist die Suche heute einfacher geworden?

Raneberg: Nicht unbedingt. Wir haben durchaus unsere liebe Not damit, die Anfragen zu bearbeiten und zu überprüfen. In Russland gab es damals ein anderes Registrierungssystem als in Deutschland. Man hat zum Beispiel keine Geburtstdaten aufgenommen, sondern hat neben Namen und Geburtsjahr den Vornamen des Vaters als Identifikationsmerkmal genommen. Hinzu kommt, dass die russischen Akten auf kyrillisch sind. Das heißt, es gibt auch Transkriptionsprobleme, dass zum Beispiel ein Hans Meier, ein Gans Meier oder Hans Meyer wird. Trotz solcher und anderer Hürden kann man aber den Verbleib von Vermissten häufig heute erstmals zuverlässig auf der Grundlage von Belegdokumenten klären.

Wenn heute jemand nach einem Verwandten mit dem Namen Meier sucht – finden Sie trotzdem Informationen?

Raneberg: Es funktioniert, wenn Unterlagen da sind und wir den Zugang dazu haben. Von Menschen mit dem Nachnamen Meier haben wir zwischen 200 000 bis 300 000 in den Karteien. Da haben wir Übung, das machen wir seit 1945. Am Prozedere scheitert es eigentlich nicht. Wenn wir uns nicht sicher sind, geben wir keine Informationen heraus, weil es gibt nichts Unschöneres, als eine falsche Todesnachricht zu überbringen. Aber im Regelfall sind wir zuverlässig. Allerdings kann es sein, dass die Registrierung nicht richtig geklappt hat. Das war bei Stalingrad zum Beispiel der Fall – da war man auf die große Zahl an Kriegsgefangenen nicht vorbereitet und hatte keine Registrierungskarten, keine Akten, kein Papier. Da kam es vor, dass Menschen gestorben sind, bevor sie registriert wurden. Das ist auch bei anderen großen Schlachtereignissen passiert.

Haben Sie Fälle gehabt, in denen sich herausgestellt hat, dass die vermisste Person noch lebt?

Raneberg: Wenn wir heute jemanden haben, der 1911 geboren wurde, gehen wir nicht davon aus, dass er noch lebt. Dennoch ist es für viele Angehörige sehr emotional, wenn sie ein Dokument mit der Unterschrift des Vaters bekommen, die sie noch nie gesehen haben.

Es gibt allerdings eine Ausnahme, bei der wir mit sogenannten lebendigen Suchfällen zu tun haben; das ist der Kindersuchdienst. Die meisten Kindersuchfälle wurden in den 60er und 70er Jahren geklärt. Aber es gibt immer noch Anfragen von Kindern von Wehrmachtsmitgliedern. Das betrifft zum Beispiel Besatzungssoldaten, etwa in Norwegen. Da kommt erst im hohen Alter heraus, dass eine Frau noch ein weiteres Kind gehabt hat, sprich, dass Halbgeschwister oder Cousins da sind. Außerdem ist der Suchdienst bei aktuellen Krisen und Konflikten tätig und bemüht sich um die Kontaktherstellung von voneinander getrennten Familienangehörigen. (Foto: pv)

Mit dem Brief des DRK-Suchdienstes vom 18. Mai 2018 hat für Herbert L. in Aystetten bei Augsburg die Ungewissheit über das Schicksal seines Vaters ein Ende: »… Aus der in Russisch abgefassten Gefangenenakte geht hervor, dass der Gefreite Erich L., Angehöriger der 123. Infanterie-Division, am 22.08.1944 am Fluss Pruth/Bessarabien in sowjetische Gefangenschaft kam. (…) Laut Angaben im beigefügten Toten- und Bestattungsschein verstarb Ihr Vater am 19.12. 1944 (…) in der Lagerabteilung Nr. 4 des Lagers 144 in der Siedlung Kamenka. Er wurde auf dem dort zugehörigen Friedhof, Quadrat Nr. 3, Grab Nr. 3/20, bestattet.« In seinem letzten Brief vom 13. August 1944 an seine Frau Herta hatte Erich L. von schweren Kämpfen am Fluss Dnepr (Russland) berichtet. Wie sein Sohn nach Auskunft des DRK-Suchdienstes heute weiß, kam er unmittelbar danach, Ende August, in sowjetische Gefangenschaft in das Lager Nr. 144 in Woroschilowgrad (heute Lugansk/Ukraine). Seine Frau Herta hörte danach nichts mehr von ihm. In den 1950er Jahren suchte Herta L. über den DRK-Suchdienst nach ihrem Ehemann. Auch die Mutter von Erich L. und seine Schwester stellten Suchanfragen: Sie blieben alle erfolglos. Ende der 1950er Jahre ließ Herta L. ihren mehr als zehn Jahre vermissten Mann für tot erklären. Doch sie und ihr Sohn wollten weiterhin Gewissheit. Deshalb wandten sie sich 1971 noch einmal an das Rote Kreuz – wieder vergeblich. Wegen begrenzter personeller Kapazitäten konnten an das Rote Kreuz der Sowjetunion, die Allianz des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes in der UdSSR damals nur wenige Anfragen gerichtet werden.

Erst ab 1992, nach dem Ende der Sowjetunion, war es für den Suchdienst des DRK möglich, Vereinbarungen mit den ehemals sowjetischen Archiven zu schließen und damit unmittelbar Einsicht in die sowjetischen Gefangenenakten zu nehmen. Über schwierige Bedingungen im Lager Woroschilowgrad berichteten Heimkehrer, die ein Jahr später wegen Arbeitsunfähigkeit nach Deutschland entlassen worden waren: Die Gefangenen lebten dort in Häusern ohne Fenster, Holzhäusern, Baracken und großen Fabrikhallen. Die Verpflegung sei schlecht und unzureichend gewesen, die Arbeitsbedingungen in Kohlebergwerken, Lokfabriken, Steinbrüchen und Ziegeleien besonders hart. Heute ist bekannt, dass allein von Herbst 1946 bis September 1949 etwa 1000 Gefangene in diesem Lager starben. Für Erich L. endete das extrem harte Gefangenenleben schon am 19. Dezember 1944 tödlich. Offizielle Todesursache: Enterokolitis (Entzündung des Dünn- und Dickdarms). Die letzten Gefangenen aus Woroschilowgrad kamen im September 1949 zurück nach Deutschland. Durch die Einsicht in sowjetische Geheimarchive, die in den 1990er Jahren nach und nach zugänglich wurden, konnten viele Schicksale geklärt werden. Für Herta L., die 2005 verstarb, kam die Nachricht zu spät. Sohn Herbert schrieb wenige Tage, nachdem ihn die Auskunft erreichte, an den DRK-Suchdienst: »Vielen Dank für die Aufklärung über den Tod meines Vaters Erich L., der bisher als vermisst galt. Es ist mir nun eine Erleichterung, über das Schicksal meines Vaters und die Grausamkeiten des 2. Weltkrieges zu erfahren.« (pm/Foto: Jörg F. Müller/DRK)

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