11. Dezember 2017, 08:00 Uhr

Frage der Sicherheit

Streit um den Wild-Warner an den Straßen

Fast jeder fünfte Unfall in der Wetterau ist 2016 ein Wildunfall gewesen. Blaue Reflektoren sollen Tiere stoppen, doch mit der Methode ist bald Schluss. Was für Kopfschütteln sorgt.
11. Dezember 2017, 08:00 Uhr
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Von Christoph Agel , 2 Kommentare
Wenn ein Wildschwein auf die Straße rennt, dann wird es auch für die Menschen im Auto brenzlig. (Fotos: dpa)

Wenn ich damit nur einen einzigen Personenschaden verhindern, Leid bei Mensch und Tier verhindern kann, dann ist mir das schon genug«, sagt Rolf Langsdorf. Der Anwalt mit Kanzlei in Friedberg ärgert sich über die Entscheidung von Hessen Mobil, künftig das Aufhängen blauer Wildwarnreflektoren (WWR) an Leitpfosten nicht mehr zu genehmigen. Dass zum Beispiel Wildschweine, gerne auch in einer Rotte, unvermittelt über die Straße rennen, ist nichts neues. Immer wieder kommt es auch in der Wetterau zu Unfällen mit Wild. Meist bleibt es bei Sachschäden und womöglich einem getöteten Tier. Aber auch für die Menschen im Auto kann ein Zusammenstoß schlimme Folgen haben.

Jeder Autofahrer weiß, dass die Reflektoren etwas bringen

Rolf-Walter Becker vom Landesjagdverband

Um die Zahl solcher Unfälle möglichst gering zu halten, gibt es nach Ansicht Langsdorfs die blauen Reflektoren. Das Blaue werde vom Tier »wie eine Schranke« wahrgenommen, und zwar als weißes Licht. »Unfallrückgänge auf den Strecken mit WWR von bis zu über 80 Prozent«, lautet das Argument von Anke Feil, der Vorsitzenden des Vereins Tier- und Naturschutz Unterer Vogelsberg. Sie beruft sich dabei auf Studien.

 

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Die blaue Farbe der Wildwarnreflektoren soll dem Tier Gefahr signalisieren. Hessen Mobil h...

 

Umgekehrt basiert auch die Entscheidung von Hessen Mobil auf Studien. Experten auf beiden Seiten, Untersuchungen mit unterschiedlichen Ergebnissen, und mittendrin Autofahrer und Wildschweine. Die Befürworter der blauen Reflektoren führen die abschreckende Wirkung des Lichtes ins Feld, wegen dem die Tiere ihren Lauf in Richtung Straße kurz unterbrechen würden. In dieser Zeit könne das Auto vorbei fahren, danach habe das Tier die Möglichkeit, die Straße zu kreuzen, ohne dass es zum Unfall komme.

Cornelia Höhl von Hessen Mobil in Schotten beruft sich auf »unabhängige Untersuchungen bzw. Wirksamkeitsanalysen«: In zahlreichen Fällen sei keine oder nur eine geringe positive Wirkung dieser Reflektoren nachgewiesen worden.

 

Jäger bezahlen Reflektoren

 

Höhl beruft sich in ihrer Antwort auf die WZ-Anfrage auch auf die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Auf deren Website wiederum ist folgendes zu lesen: »Die BASt steht der generellen Verwendung von Wildwarnreflektoren skeptisch gegenüber. Nach unserer Erfahrung gewöhnt sich das Wild mit der Zeit an Warneinrichtungen jeglicher Art, so dass sich nach kurzer Zeit wieder das alte Unfallgeschehen einstellt. Andererseits sprechen wir uns aber auch nicht gegen den Einsatz von Wildwarnreflektoren aus, da es in Einzelfällen durchaus möglich sein mag, dass diese einen Beitrag zur Verringerung von Wildunfällen liefern.« »Kein Mensch investiert irgendwas für nix«, macht Rolf Langsdorf seinen Standpunkt deutlich und verweist darauf, dass die Reflektoren zwischen 3,80 und 6 Euro kosten und von Jägern bezahlt würden.

»Insgesamt ist die Fachwelt mehr als überrascht«, sagt Rolf-Walter Becker vom Landesjagdverband mit Sitz in Bad Nauheim zur Entscheidung von Hessen Mobil. »Jeder Autofahrer weiß, dass die Reflektoren etwas bringen.«

Heinz Thönges, Vorsitzender des Verbands der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer im Wetteraukreis, bedauert einen Stopp für die Wildwarnreflektoren, auch wenn sich die Tiere irgendwann an das Licht gewöhnt hätten. Der Nutzen der Reflektoren sei dennoch vernünftig und zeige Wirkung.

 

Vorhandene Reflektoren bleiben

 

Bisher hätten in Hessen die Jagdpächter die WWR gekauft und Hessen Mobil habe die Reflektoren an den Leitpfosten montiert, schreibt Cornelia Höhl. »Im Hinblick auf die nunmehr nachgewiesene Wirkungslosigkeit soll die Anbringung von WWR durch Hessen Mobil künftig unterbleiben und nicht mehr genehmigt werden. Aus diesem Grund wird auch von einer Nachrüstung bei einem Austausch von Leitpfosten oder Unfallschäden abgesehen. Ob Hessen Mobil künftig eine Anbringung durch bzw. auf Kosten der Jagdpächter im Einzelfall zulassen kann und soll, wird derzeit intern geprüft.«

Die bereits vorhandenen Wildwarnreflektoren sollten nach jetzigem Stand aber nicht abgebaut werden. Der Pflegeaufwand steht laut Höhl nicht im Zusammenhang mit der Vorgehensweise. »Die Pflege erfolgt turnusmäßig in Verbindung mit der Reinigung der Leitpfosten.«

Info

Wildunfälle in der Wetterau

Wildwechsel seien die Unfallursache Nummer eins in Mittelhessen, sagt Polizei-Pressesprecherin Sylvia Frech. In der Wetterau seien im vergangenen Jahr 19,4 Prozent aller Unfälle auf Wild zurückzuführen gewesen – insgesamt 977 im Jahr 2016. Der geschätzte Gesamtschaden liege bei rund 1,4 Millionen Euro, wobei bei der Versicherungsabrechnung meist eine doppelt so hohe Summe herauskomme. Bei ihren Angaben habe sie Unfälle auf Autobahnen nicht mitgerechnet, sagt Frech. Weder 2016 noch in diesem Jahr habe es in der Wetterau für Menschen tödliche Wildunfälle gegeben. Und wo passieren die meisten Wildunfälle? »Alles außerhalb geschlossener Ortschaften.« Allein 532 Unfälle seien bei der Polizeistation Büdingen registriert worden. Die Bandbreite der am Unfall beteiligten Tiere reiche vom Hasen über den Fuchs bis zum Reh – »selbst einen Uhu hatten wir jetzt auf der Autobahn«. Die Polizeisprecherin hat Ratschläge für alle Autofahrer parat: »Man sollte, auch wenn es nicht so schön ist, dem Tier nicht ausweichen.« Stattdessen sei kontrolliertes Bremsen zu empfehlen. Und: »Die Leute müssen mit angepasster Geschwindigkeit fahren.« (agl)

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