19. Oktober 2017, 19:22 Uhr

Stochern im Nebel

19. Oktober 2017, 19:22 Uhr
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Von Bernd Klühs

Seit der Bundestagswahl vergeht keine Fernseh-Talkshow, in der Politiker nicht auf die Digitalisierung als eines der Topthemen verweisen. Doch was bedeutet die Digitalisierung eigentlich genau für die deutsche Wirtschaft, wie wird sie sich auf die Arbeitswelt auswirken? Dieser Frage geht Prof. Walter Simon aus Bad Nauheim, bekannt als Wirtschaftswissenschaftler, Querdenker und Vielschreiber mit Hang zu Ausflügen in die Lokalpolitik, in seinem neusten Buch »Arbeitswelt 4.0 – Einblicke und Ausblicke« nach. Es handelt sich um eine Sammlung monatlich erscheinender Kolumnen, die der Wirtschaftstrainer und -referent seit 2013 auf business-wissen.de, dem Online-Fachmagazin für Management und Organisation, veröffentlicht hat.

In kurzer, verständlicher Form beschreibt und kommentiert der Bad Nauheimer die prägenden Trends von Arbeit und Gesellschaft im Übergang von der Industrieökonomie hin zur digitalen Dienstleistungsgesellschaft. Stichworte: Industrie 4,0, künstliche Intelligenz, Big Data, Projektwirtschaft, Neoliberalismus, Ich-AGs und Mittelschichterosion. Simon geht es um die Wirkung der Digitalisierung in ihrer Vielfalt und Breite. Die Roboterisierung spielt eine Hauptrolle.

Der Autor sieht die Gefahr mancher negativer Wirkungen, vor allem für Arbeitnehmer, denen eine Zukunft als »Arbeitssklaven« drohe. Schon heute sei die Wirtschaft durch atypische Arbeitsverhältnisse und Niedriglöhne geprägt, schreibt Simon unter der Überschrift »Arbeit macht arm«.

Eine genaue Prognose, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln werden, wagt der Wissenschaftler allerdings nicht. Die »Wirkungsverläufe« ähnelten einem Würfelspiel mit mehr als drei Würfeln. Der Weg in die Zukunft sei mit unvorhersehbaren Ereignissen gepflastert. »Letztendlich blicken wir in einen Nebel von Ungewissheit«, sagt Simon. Das gelte insbesondere für die Arbeitswelt. Zitiert wird in diesem Zusammenhang der Münchner Komiker Karl Valentin: »Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.«

Der Autor hat 20 Fachbücher und rund 200 Artikel geschrieben. Der gebürtige Hamburger lernte Drogist, fuhr danach zur See. Das Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften schloss er mit der Promotion ab. Nach einer Tätigkeit bei AEG machte sich Simon als Berater selbstständig. 1982 gründete er die IPW Training und Consulting GmbH in Bad Nauheim.

Zweimal trat er als unabhängiger Bürgermeisterkandidat in der Kurstadt an, zudem engagierte er sich als Sprecher der Bürgerinitiative gegen Grundsteuererhöhung. Diese lokalpolitischen Aktivitäten sieht Simon eher als Freizeitbeschäftigung mit Unterhaltungswert. Unterhaltsam ist auch sein Buch »Das Bad Nauheim Desaster – Die unendliche Geschichte eines Thermalbades«, das er im Frühjahr 2017 vorgestellt hatte.

Sein Buch »Arbeitswelt 4.0« hat Simon dem in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel und dessen Eltern gewidmet. Simon ist seit 30 Jahren mit den Yücels, besonders mit dem Vater, befreundet. »Man kennt und schätzt sich aus gemeinsamer gewerkschaftlicher Arbeit in Flörsheim während der 1980er Jahre.« (Fotos: nic/WZ-Archiv)

Prof. Walter Simon, »Arbeitswelt 4.0 – Einblicke und Ausblicke«, 150 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-15 33 549 037.



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