06. Februar 2019, 17:00 Uhr

Wohnen

Steinfurther Hauptstraße: Wo alle gemeinsam anpacken

Zehn Menschen leben zurzeit in der Steinfurther Hauptstraße. Die jüngste Bewohnerin ist drei, die älteste 60. Dazwischen: eine gute Mischung. Vor allem zum Experimentieren.
06. Februar 2019, 17:00 Uhr

Wo viele Menschen zusammenkommen, lassen sich viele Geschichten erzählen. »Wir haben alle unterschiedliche Biografien und Familienmuster«, sagt Marianne. »Es ist, wie wenn man aus vielen Zutaten ein neues Gericht kreiert«, weil jede Zutat eine eigene Note beisteuert. In der Wohngemeinschaft in der Steinfurther Hauptstraße ist das zum Beispiel mit den jungen und alten Bewohnern so. Marianne ist 60 und die Älteste, und sie ist diejenige, die das Wohnprojekt aufgebaut hat. »Der Vorteil am Altwerden hier ist, dass die Jungen noch gerne ihre Füße und Hände bewegen.« Sie lacht. »Ich bin ruhebedürftig, aber es macht mir viel Freude, wenn ich um Rat gefragt werde.«

 

Vier Wohnhäuser auf dem Hof

Sie sitzt am Ofen in der alten Scheune, eine Tasse mit Tee in der Hand. Neben ihr Mitbewohnerin Sabine. Manuel kommt rein. Stühlerücken. Die Kaminrunde wird vergrößert. In die Mitte auf den Steinboden kommt eine Decke für Tom, der Hund, der mit Manuel gekommen ist.

Das Erdgeschoss der ehemaligen Scheune ist so etwas wie der Gemeinschaftsraum. Hier ist eine große Küche, in der sich jeder auskennt und bedient, und hier ist ein großer Esstisch, an dem schon oft gemeinsam gegessen und noch mehr geredet worden ist. Über der Küche sind die Wohnräume von Marianne und Sabine. Weitere Zimmer sind auf die drei restlichen Gebäude des Hofs verteilt, den Marianne 2003 gekauft hat.

 

»Wie will ich leben, wenn ich alt bin?«

Auslöser, erzählt sie, war damals ihr jüngster Sohn, der erwachsen geworden war und auf eigenen Beinen stehen wollte. »Mama, Du kannst mein Zimmer jetzt vermieten«, sagte er. Und die Mutter dachte sich: »Die Kinder sind groß und brauchen dich nicht mehr, was machst du also?« Zugleich stellte sie sich die Frage: »Wie will ich leben, wenn ich alt bin? Und wie kann ich meinen letzten Lebensabschnitt mitgestalten, solange ich noch kann?« Sie kaufte den Hof und gründete den Verein »Denk-mal mit«.

Seither sind dort unzählige Stunden gewerkelt worden, immer wieder gibt es etwas zu tun, immer wieder kommen neue Menschen, die sich einbringen.

 

»Alles wird gebraucht«

Einmal zum Beispiel – die drei am Kamin erzählen: Ein junger Mann hat mit seiner Mutter in der Gemeinschaft gelebt, seine Jugend dort verbracht und in dieser Zeit eine Handwerker-Ausbildung gemacht. Dafür wollte er Pflastern üben. Hat er dann auf dem Hof. Die Steine liegen noch immer.

Ein weiterer Vorteil sei das gemeinsame Experimentieren. »Hier haben wir die Chance, in Kreisläufen zu experimentieren.« Marianne kommt darauf, weil sie gerade von dem Ziegenkäse, der Molke und dem Brot erzählt hat. Es war so, dass die Gemeinschaft von einem Steinfurther Ziegenbesitzer acht Liter Milch bekommen hat – »daraus lassen sich maximal 800 Gramm Käse machen«. Aber, und das meint sie mit den Kreisläufen: »Du hast dann über sieben Liter Molke und die kannst Du für alles nehmen, wofür man normalerweise Wasser nimmt« – zum Brotbacken genauso wie zum Holundersaft anrühren. Und da in der Gemeinschaft zehn Leute wohnen – mal mehr, mal weniger – findet sich immer jemand, der eine Idee hat. »Jeder Mensch hat Ressourcen und Qualitäten – ob handwerkliche oder geistige. Alles wird gebraucht.«

 

Die Wahlfamilie

Auf diese Weise bringt sich jeder ein in der Wahlfamilie, wie Sabine die Gemeinschaft nennt. Sie kam vor zwei Jahren. Die Idee, in einer Wohngemeinschaft zu leben, hatte sie schon länger. »Der Mensch ist ein soziales Wesen, nicht nur in seiner Rolle als Kind oder Elternteil. Er kann doch auch freiwillige Bindungen eingehen, ohne Verbindlichkeiten und ohne zu vereinsamen.«

So hat jeder seine Geschichte, wie er nach Steinfurth gekommen ist und warum er mit anderen unter einem Dach leben möchte. Sie alle arbeiten am Miteinander. »Störungsfrei ist unser Ablauf nicht«, sagt Marianne, »sonst hätten wir ja auch alle Flügel.«

Das Gute sei aber, dass meistens einer merkt, wenn etwas nicht stimmt, und vermittelt. Das Bedürfnis, manchmal alleine zu wohnen, gebe es, aber dann könne man sich ja zurückziehen, »das geht vorbei«, sagt sie. »Mal ist man traurig, mal euphorisch, mal freudig. Kein Gefühl bleibt immer.«

Info

Der Verein "Denk-mal mit"

Die Wohngemeinschaft in der Steinfurther Hauptstraße ist gleichzeitig ein Verein. Denn als Marianne das Anwesen 2003 kaufte, war alles ziemlich heruntergekommen. In all den Jahren und mit viel Liebe ist der Hof zu dem geworden, was er heute ist. Für die Gebäude sind viele alte Baustoffe verwendet worden. Zum Beispiel beim Schäferhaus: Als die Bewohner das Fachwerk erneuert haben, hat sich Marianne umgehört, wo es Balken gibt – und welche in Altenstadt gefunden. Das Besondere: »Später haben wir erfahren, dass sie von einem Abbruch aus Steinfurth stammen.« Oder die Pflastersteine im Hof: alle gebraucht, viele sogar aus Steinfurth, die auftauchten, als ein paar Straßen weiter die Straße aufgerissen wurde. Auf der Homepage des Vereins heißt es: »Wir stehen für einen Lebensstil, der von einem Bewusstsein für begrenzte Ressourcen getragen wird. Der Vereinszweck ist die Förderung von Kunst und Kultur, der Denkmalpflege und Denkmalschutzes im alten Ortskern.« Dazu werden auch verschiedene Workshops angeboten, Interessierte können sich melden.

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