31. August 2017, 17:00 Uhr

Resignation

Steinfurth: Keine Chance für Kleingärtner

Andreas Thönges hat resigniert. Seit etwa 150 Jahren ist ein Kleingarten an der Wetter in Steinfurth im Besitz seiner Familie, jetzt wird diese Uralt-Tradition wohl zu Ende gehen.
31. August 2017, 17:00 Uhr
Nicht nur die Hütte muss weichen: Thomas Berg im Kleingarten an der Wetter. Er denkt darüber nach, sein Hobby aufzugeben. (Foto: Nici Merz)

Sieben Steinfurther Kleingärtner, die teilweise seit etlichen Jahrzehnten »In den Hellgärten« Gemüse anbauen, hatten sich im Mai und Juni noch kämpferisch und zuversichtlich gezeigt. Im Frühjahr hatten sie ein Schreiben der Abteilung Strukturförderung und Umwelt des Wetteraukreises erhalten. Inhalt: Bis zum 31. Oktober seien die »illegalen« Anlagen links des Feldwegs zwischen Steinfurther Hauptstraße und Friedhof auf eigene Kosten abzuräumen. Die Gärten lägen im Landschaftsschutzgebiet Auenverbund Wetterau und seien nicht genehmigt. Hütten, Zäune, Insektenhotels und standortfremde Gewächse – alles soll weg.

Andreas Thönges, Thomas Berg oder Rentnerin Monika Born, die fast jeden Tag in ihrem Garten aktiv ist, waren zwar aus allen Wolken gefallen, als sie das Schreiben in Händen hielten, wollten aber nicht aufgeben. Zwei Betroffene nahmen sich einen Anwalt, Ortsbeirat und Stadtverwaltung wurden eingeschaltet. Im Juni beschäftigte sich der Ortsbeirat mit dem Thema. Fachbereichsleiter Jürgen Patscha aus dem Rathaus bot sich als Vermittler zwischen Kleingärtnern und Kreisverwaltung an. Zudem wurde ein Gerichtsbeschluss von 1991 bekannt. Zwei Jahre nach Gründung des Auenverbunds hatte das Regierungspräsidium bereits versucht, erste Kleingärten abzuräumen.

Keine rechtloche Handhabe

Damals siegten Betroffene vor dem Verwaltungsgericht. Bestandsschutz, urteilten die Juristen damals. Nach der Ortsbeiratssitzung machte sich gewisse Zuversicht breit, zumal die Kreisverwaltung in mündlichen Anhörungen angedeutet hatte, ihre Linie nicht ganz stur beizubehalten. »Neue Hoffnung für Kleingärtner« titelte die WZ am 17. Juni.

Davon kann heute keine Rede mehr sein. Inzwischen sind alle Grundstückseigentümer angehört worden, haben neue Schreiben erhalten und sich mit Fachbereichsleiter Patscha getroffen. »Wie unser Anwalt sagt, gebe es keine rechtliche Handhabe gegen die Räumungsbescheide, weil sich die Gesetzeslage geändert habe«, erläutert Thönges. Sein Garten sei nachweislich seit 1870 im Familienbesitz, das spiele aber keine Rolle. Thönges, der selbst seit 30 Jahren im Garten an der Wetter aktiv ist, hat keine Lust mehr: »Ich werde den Garten wohl aufgeben.«

"Kompromiss" wird abgelehnt

Dabei hatte Jürgen Patscha nach dem Treffen mit den Betroffenen von einem möglichen Kompromiss gesprochen, den die Kreisverwaltung mittragen wolle. Wenn für die Gärten keine Ausnahmegenehmigung erteilt werde, müssten die Eigentümer sofort Wohnwagen, Holzlager oder Trampolin entfernen. »Das hat dort wirklich nichts zu suchen«, sagt der Fachbereichsleiter. In den Monaten danach sollen Hütten, Zäune, Terrassen, befestigte Wege oder standortfremde Pflanzen verschwinden. Erklärten sich die Gärtner einverstanden, müssten sie keine Verwaltungsgebühr zahlen.

Von diesem »Kompromiss« halten Thomas Berg und die anderen Betroffenen nichts. »Außer Beeten und Bäumen muss quasi alles weg. Zäune sollen durch Hecken ersetzt werden. Jeder kann dann auf mein Grundstück und das Gemüse klauen«, sagt Berg, der seinen Garten seit 2010 in ein kleines Ökoparadies verwandelt hat. Unter diesen Bedingungen mache es keinen Spaß mehr, den Garten weiter zu bearbeiten. »Bei schönem Wetter will man sich ja mal hinsetzen und grillen.«

Vorwürfe an Adresse der Stadt

Er macht auch der Stadt Vorwürfe. Die Verwaltung habe es 2014 versäumt, beim Wetteraukreis eine Ausnahmegenehmigung für die Kleingärten zu beantragen. Berg wird wahrscheinlich aufgeben: »Wir haben verloren, ich bin ganz schön down und demotiviert.«

Ähnlich sieht es Andreas Thönges. Hütte, Zaun, Thujahecke sind verboten. Nur mit Beeten und ein paar Bäumen weiterzumachen, sei sinnlos. Die Kooperation mit dem Anwalt hat er beendet. »Das kostet nur Geld und bringt eh nichts.«

Die Kleingarten-Tradition an der Wetter, die vermutlich bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, geht offenbar zu Ende. Die Grundstücke rechts des Feldwegs zum Friedhof sind 2016 abgeräumt worden, jetzt kommen die Gärten auf der anderen Seite dran. Danach wird sich die Kreisverwaltung weiter die Wetter entlang vorarbeiten.

 

Info

Verwaltungsgebühr: 820 Euro

Das Landschaftsschutzgebiet Auenverbund Wetterau existiert seit 1989. Im Auftrag des Regierungspräsidenten ging die Kreisverwaltung daran, die Grundstücke entlang der Flüsse Horloff, Nidda, Nidder, Wetter und Seemenbach wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen. Zurzeit ist das Gebiet von Steinfurth an der Reihe. Mit seinen Räumungsbescheiden sieht sich der Kreis auf der rechtlich sicheren Seite. Die Kleingärten seien nicht genehmigt, juristisch gegen die Anordnung vorzugehen, sei zwecklos. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof habe ein entsprechendes Urteil gefällt. Die Steinfurther waren im April wegen ihrer »illegalen« Gärten angeschrieben worden. Es folgte eine Anhörung. Mit Datum vom 10. August erhielten sie ein weiteres Schreiben aus dem Landratsamt. Inhalt: Bis zum 7. September haben die Eigentümer Zeit, sich mit der Räumung einverstanden zu erklären. Wer sich weigert, erhält eine Abräumverfügung, die mit einer Verwaltungsgebühr von 820 Euro zuzüglich Nebenkosten verbunden ist. (bk)

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