18. Januar 2019, 19:02 Uhr

Vesch Technologies

Startup in Lich: Zwei Ingenieure gehen auf Risiko

Christoph Vetter und Martin Schunk haben ihre sicheren Jobs gekündigt – und gehen aufs Ganze. Die 30 und 29 Jahre alten Maschinenbauer stellen mit ihrem Licher Startup Filteranlagen her, die bei der Produktion von Medikamenten zum Einsatz kommen. Für ihre Firma bürgen sie privat mit einer sechsstelligen Summe.
18. Januar 2019, 19:02 Uhr
Stefan_Schaal
Von Stefan Schaal
Der Umgang mit hoch konzentrierten Medikamenten ist für Mitarbeiter in der Pharmabranche bisweilen gefährlich. Das Licher Unternehmen Vesch Technologies bietet vor allem zu diesem Zweck Filteranlagen an. (Symbolfoto: dpa)

Gähnende Leere herrscht in der 400 Quadratmeter großen Halle. Hinten liegt ein halbes Dutzend Europaletten, auf denen ein würfelförmiges Gerät aus Edelstahl steht. Eine Kaffeemaschine summt auf einem kleinen Tisch leise vor sich hin. Direkt am Eingang sitzen Christoph Vetter und Martin Schunk hinter aufgeklappten Laptops. »Ich habe erstaunlich wenig Bauchschmerzen«, sagt Vetter, während sein Geschäftspartner gesteht: »Ein bisschen mulmig ist mir schon.«

Die 30 und 29 Jahre alten Maschinenbauer gehen auf Risiko. Sie haben ihre alten sicheren Jobs gekündigt – und sind nun Existenzgründer. Im Juni vergangenen Jahres haben Vetter und Schunk die Firma Vesch Technologies gegründet. In der momentan weitgehend leeren Halle nahe der Licher Oberstadt sollen bald Hightech-Geräte stehen, die sie zum Teil für fünf- und sechsstellige Beträge verkaufen wollen. Sie produzieren Filter- und Entstaubungsanlagen, die vor allem in der Pharmabranche bei der Herstellung von Tabletten zum Einsatz kommen sollen.

Bei einem Kaffee sitzen Vetter und Schunk zusammen, erzählen von ihrer Unternehmensgründung. Und sie halten fest, wieviel für sie auf dem Spiel steht. Für ihr Unternehmen haben sie bei der Bank für mehrere Hunderttausend Euro privat gebürgt. Geht ihr Startup schief, stehen sie vor dem Ruin. Zum 1. Juni haben sie ihre Firma gegründet. Verkauft haben sie noch nichts. »Bis September soll es laufen«, sagt Schunk. »Dann muss mehr als nur die Richtung stimmen.«

Der Druck, der auf ihnen lastet, ist ihnen allerdings nicht anzumerken. In schlichten Pullovern sitzen sie am Tisch. Schunk hat Maschinenbau an der THM in Gießen studiert, Vetter in Darmstadt. Mit gelassener, ruhiger Stimme erzählen sie, wie und warum sie ihr Unternehmen ins Leben gerufen haben.

Als Projektingenieure waren sie in Altenstadt in einem Unternehmen mit 30 Mitarbeitern angestellt, das ebenfalls Filteranlagen insbesondere für die Pharmabranche produziert. »Das war natürlich entspannter, als selbst eine Firma zu führen«, räumt Vetter ein. Heute beschäftigt er selbst drei Werkstudenten und einen Praktikanten. Das alte Gehalt fehle durchaus. »Das tut auch weh. Dass man Mitte des Monats schauen muss, ob man noch abends essen gehen kann, ist ungewohnt.«

Ihr alter Arbeitgeber habe einen Ansatz in der Tradition der DDR verfolgt. »Alle Kunden waren gleich«, sagt Vetter – für welche Summe im Jahr sie auch Geräte gekauft hätten. Mit dem neuen Unternehmen wolle er nun ähnliche Anlagen verkaufen, allerdings wolle man mehr auf die Wünsche der Großkunden eingehen und sich stärker spezialisieren. »Unsere Anlagen sind außerdem kompakter.« Um die eigenen Ideen umzusetzen und endlich ihr eigener Chef zu sein gründeten sie schließlich die neue Firma. »Eigentlich ist der Markt groß genug, dass wir nebeneinander koexistieren«, sagt Vetter. »Unser Trumpf ist die Spezialisierung.«

Ihre Sprache ist geprägt von Technik, immer wieder fallen Begriffe wie »Containment« und »Reinraum«: Ersteres meint den Schutz von Menschen durch Filter im Umgang mit gefährlichen Stoffen, während in einem Reinraum höchste Sauberkeit herrscht. Man produziere Entstaubungsanlagen mit der Schutzklasse OEB5, sagt Vetter. »Dabei darf die Menge an Staub in der Luft einen Mikrogramm pro Kubikmeter nicht übersteigen«, sagt er. »Das entspricht einer Prise Salz in zwölfeinhalb olympischen Schwimmbecken.«

Ihre Anlagen sollen vor allem in Räumen und Laboren zum Einsatz kommen, in denen Maschinen Tabletten pressen. »Die Medikamente werden immer effektiver«, erklärt Vetter. »Dabei entsteht auch gesundheitsgefährdender Staub. Unsere Filteranlagen helfen zum Beispiel zu vermeiden, dass Beschäftigte das Pulver einatmen, aus dem die Tabletten gepresst werden.«

Für ihr Startup tritt die Zeit der Entscheidung über Erfolg und Misserfolg ein. Sieben möglichen Kunden – Herstellern von Tablettenpressen – haben sie ihre Produkte vorgestellt. »Fünf sind interessiert«, berichtet Vetter. Produziert wurden erste Prototypen gemeinsam mit Lieferanten aus Hanau und Hüttenberg.

Ihr alter Chef habe souverän auf die beiden Kündigungen reagiert, erzählen die Existenzgründer. Leicht nervös wird er indes, wenn er an die Messe »Lounges« in Karlsruhe denkt, wo sich das junge Licher Unternehmen in Februar präsentieren wird. »Unser alter Arbeitgeber wird dann auch da sein«, weiß Vetter. »Ihr Stand wird nur 30 Meter entfernt von unserem sein.«



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