25. November 2017, 12:00 Uhr

Bürgermeister-Verabschiedung

Standing Ovations für Michael Keller

Es war ein würdiger Abgang, mit Erinnerungen und Standing Ovations, die dem Friedberger Bürgermeister Michael Keller Tränen der Rührung entlockten. 200 Gästen kamen zu diesem Ende einer Ära.
25. November 2017, 12:00 Uhr
Glückwünsche (v. l.): Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender mit Michael und Susanne Keller. (Foto: Nici Merz)

Ein »Who is Who aus Friedberg und Umgebung« begrüßte Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender am Donnerstag im Plenarsaal des Kreishauses. Es galt, Michael Keller zu verabschieden – nach zehn Jahren als Bürgermeister, zehn Jahren als Erster Stadtrat, 17 Jahren als Kulturamtsleiter und insgesamt 45 Jahren in der Friedberger Kommunalpolitik. Alle kamen, nur Thorsten Schäfer-Gümbel, Hessens SPD-Chef, musste absagen; er war nach Berlin gerufen worden.

Grüße per Brief und Video schickten Prof. Herfried Münkler, Prof. Richard M. Buxbaum, die Bürgermeister Paolo Ceruti (Magreglio) und Jacques Alain Benisti (»Ich lade Sie zu Radtouren ohne Steigung ein«) sowie der Drei-Sterne-General Michael S. Tucker aus den USA, der Keller zu dessen »sehr erfolgreicher Amtszeit als Bürgermeister der schönsten Stadt Deutschlands« gratulierte.

Plädoyer für soziale Gerechtigkeit

Verspürt er Wehmut? Gar Trauer? »Es hält sich in Grenzen«, sagte Keller und erinnerte sich an die Anfänge in der Kommunalpolitik zurück, als »das Halten des Gemeindewatzes in Bauernheim ein großes Thema war«. Keller forderte mehr soziale Gerechtigkeit. »Ich habe heute die Grundstückspreise einer Nachbarstadt gelesen. Es ist ein Skandal, wenn sich Polizisten oder Krankenschwestern kein eigenes Haus leisten können.« Friedberg sei durch Vielfalt geprägt, dies müsse so bleiben. Noch etwas betonte Keller: Im gegenseitigen Umgang mangele es an Respekt. Passend dazu stimmte die Stage Band mit Sängerin Joyce Faber den Aretha Franklin-Hit »Respect« an: Alles, worum ich bitte, ist ein bisschen Respekt, »just a little bit«.

Landrat Joachim Arnold und THM-Präsident Prof. Matthias Willems fanden persönliche Worte zum Abschied. Keller sei »ein Seelenverwandter«, sagte Arnold. Er sei »ein Ausdauersportler, der nie auf kurzfristige Erfolge zielte«, verfüge über ein profundes Geschichtswissen und habe stets wohlüberlegt gehandelt. Nur beim Herbstmarkt sei in Keller das Kind rausgekommen. »Da stürzt er sich von einem Fahrgeschäft ins nächste.« Keller brauche wohl den Nervenkitzel als Ausgleich zum nüchternen Rathausjob.

Die Gefühlswelt eines Bürgermeisters

Willems erzählte, wie um den neuen Namen der Fachhochschule Gießen-Friedberg gerungen wurde. Trotz Bedenken (wir leben in Oberhessen, nicht in Mittelhessen!) habe Keller der »Technischen Hochschule Mittelhessen« zugestimmt. Unter einer Bedingung: Der Zusatz »Campus Friedberg« muss bleiben. Trotz mancher Versuche, den Zusatz zu tilgen, gilt dieses Keller-Veto bis heute.

Die Stadtkapelle Friedberg ehrte Keller mit einem Elvis-Medley, intonierte so anspielungsreiche Titel wie »It’s now or never« und »Are you lonesome, tonight?«. Kellers Gattin Susanne und der älteste Sohn Benjamin aus Hamburg (der andere Sohn lebt in Hongkong) wippten begeistert mit den Füßen.

Bei Felix Mendelssohn-Bartholdys »Ouvertüre Opus 24« kündigten Trommelwirbel das Finale an, Trompeten bliesen zum Abschied und die Zuhörer konnten – auch wenn der Komponist anderes im Sinne hatte – lautmalerisch die ganze Bandbreite der Gefühlswelt eines Bürgermeisters nachempfinden: von düster-getragen bis feierlich-triumphierend.

Sein Rat ist noch gefragt

Das »Muss i denn zum Städele hinaus«, das die Stadtkapelle während der Laudation von Dirk Antkowiak anstimmte, war »nur ein Spaß«, sagte der Erste Stadtrat. Keller müsse nicht von dannen ziehen. »Im Gegenteil, ich würde mich freuen, wenn Sie als ›aktiver Ruheständler‹ die Friedberger Stadtpolitik kritisch begleiten.« Antkowiak schlug in seiner Rede einen weiten Bogen, schilderte die Entwicklung der Stadt in den letzten Jahrzehnten und ließ Projekte Revue passieren, die Keller initiiert oder vorangetrieben hat.

Fotos auf der Leinwand zeigten den Bürgermeister beim Herbstmarkt im Autoscooter und im Bagger auf einer Baustelle, ein Video zeigte ihn beim Schlussspurt auf dem Rennrad nach einem 500-Höhenmeter-Anstieg in den italienischen Alpen, hechelnd, verschwitzt und glücklich. Geschafft!

Infobox

Das letzte "K"

Dirk Antkowiaks Laudatio folgte einem Leitfaden, den Keller selbst gesponnen hat: dem Buchstaben »K«. Die Themen: Kaiserstraße, Kaserne, Kita, (Flüchtlings-)Krise und Kultur. Keller, so wurde später mit dem nötigen Unernst im kleinen Kreise kolportiert, könne doch seine Erfahrungen mit und ohne Koalitionen und Kooperationen (die mal zu Krach und Krampf, mal zum kommunalpolitischen Kuschelkurs führten) an die ratlosen Politiker in Berlin weitergeben und das nächste, das letzte »K« anstreben. Der Gedanke wurde aber wieder verworfen. Statt Kanzlerschaft folgt nun der Kehraus. (jw)

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