24. Oktober 2017, 10:00 Uhr

Historische Spaziergänge

Stadtführungen boomen, nur Einheimische gehen nicht hin

Ein Jesus mit Kurzhaarfrisur und eine römische »Ice Bucket-Challenge« vor 1800 Jahren – bei einer Stadtführung durch Friedberg kommt man aus dem Staunen nicht raus.
24. Oktober 2017, 10:00 Uhr

Kennen Sie den »lachenden Friedberger«? Oder den bedeutendsten Sohn der Stadt? Wussten Sie, dass der Mörtel der Stadtkirche mit Quark, Blut und rohen Eiern angerührt wurde? Oder dass man in der Altstadt sein Auto in der ehemaligen Krypta des Augustinerklosters parken kann?

Das wussten Sie nicht? Dann empfiehlt sich eine Stadtführung. Die boomen gerade in Friedberg. Wenn sich heute Abend Politiker und Bürger zum Tourismus-Workshop im Rathaus treffen, kann die Stadtverwaltung auf die jüngste Statistik verweisen: 2016 gab es 151 Führungen, 41 Prozent mehr als im Vorjahr (110). Dieser Trend setze sich fort, sagt Christine Böhmerl, Leiterin des Amtes für soziale und kulturelle Dienste.

Neben der sonntäglichen Stadtführung bietet Friedberg 21 Kostüm- und Themenführungen an. Da führt die »Zarin« durch den Burggarten, eine Hausfrau aus dem Mittelalter erzählt von Hexenverfolgungen oder der Burggraf und seine Gemahlin klären über den eigenen Staat in der Stadt auf.

14 neue Stadtführer ausgebildet

26 Stadtführer gibt es derzeit in Friedberg, vor dem Stadtjubiläum 2016 wurden 14 neue ausgebildet. »Die bekommen umfangreiches Material zur Verfügung gestellt«, sagt Museumsleiter Johannes Kögler. Als er die Stadtführungen vor über 20 Jahren mit zwei Kommilitonen konzipierte, musste er alle Informationen selbst zusammensuchen.

Anne Paech ist etwa genauso lange im Geschäft. Am Sonntag begrüßt sie trotz des Regens acht Teilnehmer zur Stadtführung. Die Hälfte kommt aus Friedberg, was ungewöhnlich sei. »Die meisten Gäste kommen aus der Region oder von weiter her«, sagt Paech. Schulen, Betriebe oder Klassentreffen buchen gerne Führungen. Friedberg ist nämlich, wie eine Teilnehmerin am Sonntag feststellt, »eine wahre Wundertüte«.

Friedberg und die Goldene Bulle

Der Weg führt zur Stadtkirche, zur Mikwe und in die Burg. Wer sich dabei Notizen macht, kann hinterher ein Buch schreiben. Anne Paech erzählt mit Herzblut und Hingabe aus der Geschichte der ehemaligen Freien Reichs- und Handelsstadt. Der »lachende Friedberger«, klärt sie auf, ist eine Steinfigur in einer Mauer (Kaiserstraße 120), der bedeutendste Friedberger ist zweifellos Bischof Rudolf Rule (1320-1367), der die »Goldene Bulle« verfasste, das »Grundgesetz« des Heiligen Römischen Reiches. Aber ein Jesus mit Kurzhaarfrisur? Das Abendmahlfenster im Chorraum der Stadtkirche zeigt ihn so. Hier stößt man auch auf katholische Muttergottesfiguren (in einer protestantischen Kirche!) und heidnische Blattmasken.

»Man kommt aus dem Staunen nicht raus«, sagt eine Teilnehmerin, als die Gruppe am Fünf-Finger-Platz in einer Mauernische auf den Grabstein eines zwölfjährigen Mädchens stößt, das 1561 Opfer eines Sexualmordes wurde. Dass man die Frankfurter Hauptwache auch in Friedberg bewundern kann und es im Keller des Burggymnasiums mit dem Römerbad ein Weltkulturerbe gibt, gegen das die Saalburg wie Disneyland wirkt, dürfte vielen Friedbergern ebenfalls nicht bekannt sein. Die Römer hielten sich hier mit Kalt- und Warmwassergüssen fit, eine Art »Ice Bucket Challenge« der Antike. Anne Paech hat noch viel mehr zu erzählen. Wollte man das alles aufschreiben, müsste die WZ als Leporello erscheinen. Am besten, man läuft einmal selbst mit oder man bucht eine Kostümführung (siehe Kasten).
 

 

Infobox

Stadtführungen in Friedberg

Die sonntäglichen Stadtführungen beginnen um 14 Uhr am Wetterau-Museum, es geht zur Stadtkirche, durch die Altstadt zur Mikwe, auf den Adolfsturm und ins Römerbad. Bei der Stadt können 21 verschiedene Themenführungen für Gruppen gebucht werden. Beliebt sind Kostümführungen mit Burgfräulein »Kunikunde« oder der »Zarin«, es gibt Fackelwanderungen durch den Burggarten, Friedberger Türme werden bestiegen oder es geht beim Besuch der Mikwe 25 Meter tief in die Erde hinab. Infos unter www.friedberg-hessen.de. (jw)

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