28. Oktober 2018, 12:00 Uhr

Bürgerversammlung in Friedberg

Stadtentwicklungsprozess ISEK nimmt (langsam) Fahrt auf

Die Bürger sollen bei derStadtentwicklung mitreden, mitplanen, mitentscheiden. Doch sie sind skeptisch und haben noch die (als unbefriedigend empfundene) Agenda-Arbeit im Hinterkopf.
28. Oktober 2018, 12:00 Uhr
Die Fotoausstellung zur Stadtentwicklung regt die Bürger zu eifrigen Diskussionen an. (Fotos: Wagner)

Städte unterliegen einem dynamischen Prozess. Ständig ändert sich etwas, werden neue Projekte entwickelt, fallen alte der Vergessenheit anheim. Stadtplanerin Ann Kathrin Magic verglich die Entwicklung von Städten am Donnerstag mit dem Lieblingspullover, aus dem man irgendwann herausgewachsen ist. Dann muss ein neuer her, nur sollte man sich vor dem Kauf seine Gedanken über Farbe und Form machen.

Wie soll Friedberg in zehn oder 20 Jahre aussehen? Das ist die Leitfrage des Stadtentwicklungsprozesses ISEK. Wie dieser Prozess abläuft, erläuterte die Stadtplanerin nach einführenden Worten von Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender und Bürgermeister Dirk Antkowiak. Letzterer betonte den Willen von Verwaltung und Politik, die Bürger in alle Entscheidungen einzubeziehen. »Stuttgart 21 hat gezeigt, dass man nicht an den Bürgern vorbeiplanen kann.« Außerdem seien die Bürger Experten, jeder für sich, in seiner oder ihrer Straße, mit je eigenem Blick auf die Stadt.

»Marke Friedberg« entwickeln

Bevor die Bürger das Wort hatten, mussten sie sich gedanklich mit »ganzheitlich integrierten Planungsansätzen«, »zielgerichteten Maßnahmen« und der Frage beschäftigen, warum der ISEK-Prozess angestoßen wird. Es geht, wie Magic ausführte, darum, die Veränderungen so zu gestalten, dass die Kreisstadt ihre Individualität und Charakteristik bewahrt. Eine »Marke Friedberg« soll etabliert werden.

Unter der Moderation von Jens Joachim hatten dann die Bürger das Wort. Architekt Michael Frielinghaus von den »Spurenlegern« regte einen Gestaltungsbeirat an, der noch vor Beschluss eines Bauantrags das jeweilige Projekt unter die Lupe nimmt. Das wurde begrüßt. Frielinghaus warnte davor, die Bürger durch eine zu lange Verfahrensdauer zu enttäuschen. Johannes Hartmann vom IZF erinnerte an den eher unbefriedigenden Agenda-Prozess und sprach die Hoffnung aus, »das es diesmal besser läuft«. Im Saal der Stadthalle waren überwiegend Bürger jenseits der 60 versammelt. Darauf wies Doris Jentzsch hin und regte an, auch Menschen mit Migrationshintergrund einzubeziehen. Stadtverordnetenvorsteher Hollender griff diese Wortmeldung und die Kritik im Vorfeld später auf: »Für die einen verschicken wir teure ›Hochglanzbroschüren‹, die anderen laden wir angeblich nicht ein.« Die Einladungen seien an alle Haushalte gegangen. Die Jugend wolle man gesondert ansprechen, mit einer Veranstaltung im Junity, sagte Antkowiak.

Forderung: Bezahlbarer Wohnraum

Andere Redner sprachen ganz konkrete Probleme an: Statt Luxuswohnungen in der Innenstadt würden bezahlbare Wohnungen für Menschen mit weniger Geld benötigt, sagte Gottfried Krutzki. »Das muss Priorität haben.« Wichtig bei solchen Prozessen sei die Kommunikation, sagte der Grünen-Kommunalpolitiker Thomas Zebunke. Ein Bürger forderte, die Stadt müsse die Schleichwege von Autofahrern dichtmachen. Für Antkowiak ist das ein Beispiel dafür, wo die Bürger Experten sind: »Die wissen, wo welcher Verkehr läuft.« Auch dies sei ein Thema für eine der Arbeitsgruppen, die sich während des ISEK-Prozesses mit einzelnen Themen beschäftigten.

Mehrfach war zu hören: Für eine gelingende Stadtentwicklung wird Mut benötigt. Es gehe auch darum, die Verhaltensweisen der Bürger zu verändern, sagte Prof. Peter Schubert. In anderen Städten seien versuchsweise für ein Jahr die Ampeln abgestellt worden, die Kaiserstraße könne man auch mal samstags für den Verkehr sperren. Letzteres sei denkbar, meinte Antkowiak. Nur die Ampeln bleiben in Betrieb, schon allein wegen der Schüler der Blindenschule.

Fotoausstellung als Anregung

Nach gut eineinhalb Stunden Diskussion lud Dr. Christiane Pfeffer, Leiterin des Amtes für Stadtentwicklung, Liegenschaften und Rechtswesen, zum Besuch der Fotoausstellung »Friedberg Ansichtssache?!« in den Nebenraum ein. Auf mehreren Tafeln waren schlaglichtartig Ansichten von Friedberg zu sehen, die nachdenklich machen. Besonders die Fotos zu den Stichworten »Verlassen« (Kaserne, Bahngelände, Industriebrachen) und »Unachtsamkeit« (illegal entsorgter Müll in allen Variationen) machten deutlich, dass es viel zu tun gibt in der Kreisstadt.

Kommentar

Alles eine Frage der Zeit

Vielen Bürgern geht die Stadtentwicklung zu langsam. Laut Rathaus wird seit 2016 über das Projekt beraten. Im März machten die »Spurenleger« den Auftakt, jetzt ist es Herbst, der eigentliche Prozess beginnt erst im zweiten Quartal 2019. Sicher, es braucht seine Zeit, bis die Fördertöpfe angezapft sind, um nachher Millionen-Projekte zu stemmen. Nur besteht die Gefahr, dass in der Zwischenzeit Entscheidungen gefällt werden, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Beispiel: Jetzt (kurz vor der Landtagswahl!) fällt dem Hessischen Finanzministerium und dem Studentenwerk Gießen ein, auf dem Gelände der Jugendarrestanstalt könne man 500 Studentenwohnungen bauen. Warum erst jetzt? Und warum hat die Stadt in der Vergangenheit nicht mehr Druck in Wiesbaden gemacht? Wäre dies früher diskutiert worden, hätte man den Feldwebelbau in der Burg touristisch nutzen und sich gleichzeitig den Neubau in der historischen Burganlage sparen können. (jw)

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