Wetterau

Spaß mit Gas und Hupe: Trotz Handicap am Steuer

Lena Brauner steht auf dem Friedberger Burgfeld und ist aufgeregt. Endlich darf sie selbst ans Steuer. Sonst fährt die 28-Jährige nur auf dem Beifahrersitz mit, denn sie hat eine geistige Behinderung.
10. April 2018, 08:00 Uhr
Laura Kaufmann
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Lena Brauner hat sich bei der Fahrspaßschule angemeldet. Am Steuer des Mercedes kurvt sie über das Burgfeld. Die anfängliche Nervosität der 28-Jährigen ist rasch verschwunden. (Foto: lk)

Lena Brauner sitzt im Mercedes. Das Auto vor ihr rollt langsam über das Burgfeld. »Der ist eine lahme Ente«, ruft die 28-Jährige, drückt auf die Hupe und vergisst dabei glatt das Lenken. Sie kichert, ihr Beifahrer Sven Szygulla lacht und greift routiniert ans Lenkrad. »Bin ich gut?«, will Brauner von ihm wissen. »Schlecht gibt’s nicht«, antwortet Fahrlehrer Szygulla.

Der Verein »Mensch mach mit« hatte am Samstag zur Fahrspaßschule eingeladen. Menschen, denen es nicht möglich ist, selbst Auto zu fahren, konnten über das Friedberger Burgfeld kurven. 430 Interessierte hatten sich angemeldet. Mehr als 306 konnten nicht fahren. Und das, obwohl die Fahrschule Jost mit sechs Autos und sieben Fahrlehrern von morgens bis abends im Einsatz war. Menschen mit Beeinträchtigung, Jugendliche und Flüchtlinge saßen hinterm Steuer.

Unter ihnen auch Lena Brauner und ihr 26-jähriger Bruder Moritz. Am Samstagmittag sind beide sehr aufgeregt. Und sie freuen sich. »Aufs Autofahren«, sagt Moritz Brauner. »Aufs Lenken und auf den Fahrlehrer«, sagt Lena Brauner. Die Mutter der beiden hat sie frühzeitig für die Fahrspaßschule angemeldet. Sie weiß, dass die Plätze schnell weg sind. »Moritz würde gerne selbst Autofahren können. Lena überblickt, dass das nicht so leicht ist«, sagt die Hüttenbergerin. Ihre beiden Kinder sind geistig behindert.

 

Warten und tanzen

 

Bevor die Geschwister fahren dürfen, heißt es warten. Moritz Brauner nutzt die Zeit, um zu tanzen. »Ich mag die Musik«, sagt er. Aus den Boxen schallt laut »Mister Vain« über das Burgfeld. Auf der Bühne sorgt Klaus Schumacher, Vorsitzender von »Mensch mach mit«, für Musik. Er hat die Fahrspaßschule ins Leben gerufen.

Schumachers Tochter hat eine Beeinträchtigung, der Sohn seiner jetzigen Frau ebenfalls. Die Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung seien mau und »finden in einem geschlossenen Rahmen statt«, sagt Schumacher. »Mensch mach mit« will das ändern, organisiert Veranstaltungen, die sich explizit an alle Menschen richten, etwa inklusive Disko-Abende oder das Handicap-Festival, das am 9. Juni rund ums Jugendzentrum Junity stattfinden wird.

 

Erst vorsichtig, dann mutig

 

Endlich ist es 13.30 Uhr, die Geschwister Brauner sind an der Reihe. Kurz vorm Einsteigen fällt Moritz auf, dass das Fahrschulauto ein Mercedes ist. »In der Werkstatt, wo ich arbeite, machen wir Teile für Mercedes«, sagt er. Leider ist das Fahrschulauto schwarz und nicht blau, so wie ein Auto im Idealfall zu sein hätte, wenn er wählen dürfte. Macht nichts, Moritz will trotzdem fahren.

Doch Lena ist zuerst dran. Grinsend steigt sie ein, überprüft zuerst, ob Fensterheber und Hupe auch funktionieren. »Ich habe keinen Bock auf den Führerschein, ich will nicht gegen eine Wand fahren«, erklärt sie. Mit Fahrlehrer Szygulla an ihrer Seite ist das natürlich etwas anderes. Dann geht’s los. »Schön geradeaus fahren«, dirigiert Szuygulla. Dann geht’s im Leitkegel-Parcours nach links. Lena muss sich beeilen, um die Kurve noch zu bekommen. Es klappt gerade so. Sie lacht, wird mutiger und ärgert sich über ihren Vordermann, »der ist so lahm«. Die nächste Kurve bekommt sie nicht, der Vordermann hängt sie ab. »Den holen wir gleich ein«, sagt Szuygulla und drückt unterstützend aufs Gas. Nach zehn Minuten ist ihre Fahrzeit zu Ende. »Ist gut und anstrengend«, zieht sie Fazit.

 

Zeit, um Fragen zu stellen

 

Moritz ist dran. Er fährt los. Lena sitzt auf der Rückbank, nutzt die Zeit, um Szuygulla Fragen zu stellen, etwa, ob er auch ein eigenes Auto hat, ob er Kinder hat, ob die Kinder Fernsehen gucken, ob Szuygulla Fußball guckt. Der Fahrlehrer beantwortet gelassen sämtliche Fragen und sagt abschließend: »Das ist eine schöne Veranstaltung.«

Info

Drei Fragen an Klaus Schumacher

Klaus Schumacher (53) ist Vorsitzender des Vereins »Mensch mach mit«, der sich für eine vorurteilsfreie und gleichberechtigte Gesellschaft einsetzt. Der Verein veranstaltet auch das Handicap-Festival, Hessens größte inklusive Musik- und Tanzveranstaltung.

Herr Schumacher, warum engagieren Sie sich?

Klaus Schumacher: Andere zu unterstützen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Es gibt Menschen, denen es nicht so gut geht wie einem selbst. Da muss man was machen, da kann man etwas von seinem Glück abgeben.

Wie steht es um die gelebte Inklusion? Findet sie in unserer Gesellschaft statt?

Schumacher: Nein, tut sie nicht. Ich finde es schlimm genug, dass wir überhaupt über Inklusion sprechen müssen. Warum? Wenn man jeden Menschen als Individuum sieht, mit seinen Stärken und Schwächen, akzeptieren wir die Einzigartigkeit von jedem und brauchen keine Inklusion mehr.

Was kann der einzelne tun?

Schumacher: Offen sein für andere und jeden Menschen so nehmen, wie er ist. Das erwartet doch jeder einzelne von seinem Gegenüber auch. (lk)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Spass-mit-Gas-und-Hupe-Trotz-Handicap-am-Steuer;art472,414634

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