23. März 2018, 19:44 Uhr

Der tote Bruder

Sonntagsgrüße aus Estland

Von seinen Eltern erfuhr Harald Wilke, der heute in Klein-Karben lebt, nur, dass er einen Bruder hatte, der im Krieg gefallen war. Erst der Nachlass der Mutter gesichtet wurde, kam Licht ins Dunkel.
23. März 2018, 19:44 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Als der Zweite Weltkrieg endlich vorüber war, wollte kaum jemand über die Gräueltaten eines Wahnsinns-Regimes sprechen. In vielen Familien wurde das Thema verdrängt. So auch bei Familie Wilke in Kassel. »Die Eltern haben nichts darüber erzählt, die anderen haben gelogen«, beschreibt Harald Wilke die Stimmungslage in den Fünfziger Jahren. Immerhin erfuhr er, dass er einmal einen Bruder hatte. Und die Eltern hätten kurz und knapp mitgeteilt, er sei im Krieg gefallen.

Heute weiß Wilke mehr über seinen Bruder. Denn als seine Mutter 1998 in Köln starb, wurde der Nachlass gesichtet. Und dabei kam eine alte Pralinenschachtel von Stollwerk zum Vorschein. Ihr Inhalt: Zwei Feldpostbriefe des Bruders Karl-Heinz Wilke, eine Art Übersetzung der Briefe vom Altdeutschen, das Fliegerbuch des Bruders, ein Schießbuch und ein Leistungsbuch der Hitler-Jugend, ein Brief der Wehrmachtführung und zwei Bestecke. »Es war schon ein beklemmendes Gefühl, als wir die Schachtel geöffnet haben«, erinnert sich Harald Wilke.

Die Silberbestecke zeigt er vor und deutet auf die Griffe: »Da schauen, Sie die Hakenkreuze hat mein Vater herausfeilen lassen.« Die nur noch schwer lesbaren Feldpostbriefe stammen vom Schützen Karl-Heinz Wilke, der zum Kämpfen nach Estland gezwungen wurde. Von dort schrieb er am 9. und am 16. April an seinen damals in Kassel lebenden Vater.

Lieber Vater, die besten Sonntagsgrüße sendet Dir Dein Sohn Heinz. Mir geht es noch sehr gut, was ich von Dir auch hoffe. Hast Du meinen Brief schon erhalten, den ich Dir schon geschrieben habe? Ich hoffe doch, dass Du ihn erhalten hast. Lieber Vater, wir sind am Freitagmorgen zum Einsatz gekommen und sind in Ruhe gegangen. Aber am Abend musste unsere Kompanie zu einem neuen Einsatz. Leider konnte ich da nicht mit, ich hatte einen schlimmen Fuß. Das war mein erster Einsatz, und ich konnte ihn nicht mitgehen. Du kannst Dir ja vorstellen, dass ich mich gegrämt habe, denn ich hätte diesen gern mitgemacht. Lieber Vater, hast Du das Päckchen erhalten? Schreibe mir doch einmal, denn ich habe das gestern mit 100 Zigaretten und Zigarren und zwei Päckchen Tabak losgeschickt. Ich werde Dir jetzt im Juni eins schicken zu Deinem Geburtstag.«

Nachdem der junge Mann am 22. April 1944 gefallen war, schrieb die Kompanieführung mit Datum vom 3. Mai 1944 an Vater Heinrich Wilke folgenden Brief:

Im schweren Kampf stehend ist meine allerschwerste Aufgabe, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Sohn und unser guter Kamerad SS-Grenadier Karl-Heinz Wilke am 22.4. 1944 gefallen ist im tapferen Einsatz. Karl-Heinz war nicht lange bei uns, aber sehr schnell hat er unsere Herzen durch seinen offenen Jugendsinn und seine kameradschaftliche Haltung gewonnen. Jetzt hat das unüberschaubare Schicksal Karl-Heinz von Ihnen und von uns gerissen, aber bei uns wird er immer im Geist bleiben. (....) Ein junger tapferer Deutscher hat nicht vergebens das Größte für Volk und Vaterland gegeben.«

Diese Briefe ließen Harald Wilke nicht ruhen, wie er sagt. Er recherchierte das Schicksal seines Bruders. Dazu schrieb er an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Von dort bekam er im April 2001 etliche Informationen. Darin wird mitgeteilt, dass der Friedhof, auf dem sein Bruder ursprünglich bestattet worden war, der größte von drei von der Wehrmacht in Jöhvi angelegten Friedhöfen gewesen sei. Es seien dort etwa 2700 Soldaten bestattet worden. Das Gelände habe auf einem Truppenübungsplatz gelegen und sei lange Zeit nicht zugänglich gewesen.

Erst im September 1998 habe der Volksbund die Genehmigung erhalten, die Toten aus dem zu dieser Zeit oberirdisch nicht mehr erkannbaren Gräberfeld zu exhumieren und in den Zubettungsteil des ehemaligen Friedhofes »Feldherrenhalle« wieder zu bestatten. Da die Gräberfläche teilweise von Militäreinrichtungen überbaut war, hätten nur rund 1900 Tote geborgen und in Gräberblöcken eingebettet werden können.

Harald Wilke sagte, er habe daraufhin veranlasst, dass Blumen vor eine der Natursteinstelen auf dem Friedhof abgelegt wurden, in denen die Namen der toten Soldaten eingraviert sind. Doch das reicht ihm nicht. Der 65-Jährige sagt: »Ich will dort einmal hinfahren und mir selber anschauen, wo mein Bruder bestattet worden ist.«

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