20. November 2018, 19:12 Uhr

Workshop für Jugendliche

So werden die richtigen Worte gefunden

Gute Texte besser machen: Darum ging es beim Lektoratsworkshop des Jugend-Literaturpreises der Ovag. Zwei Dutzend junge Autorinnen und Autoren feilten jetzt an ihren Geschichten.
20. November 2018, 19:12 Uhr
Auf dem Siegertreppchen: Die Teilnehmer des Lektorats-Workshops mit den Jury-Mitgliedern vor dem Ovag-Ferienheim in Bad Kissingen. (Foto: Silke Scriba)

Ein Uhrmacher ist dem Geheimnis ewigen Lebens auf der Spur; ein Obdachloser findet in einem streunenden Hund einen Gefährten; eine junge Frau betritt am 11. September 2001 das World Trade Center, und ein vergessener Koffer in der U-Bahn setzt eine Kettenreaktion in Gang: Die Themen der Geschichten sind vielfältig, die Genres reichen von der Gruselgeschichte bis zum modernen Märchen, in dem Geheimagent 007 die Prinzessin befreit und das böse Königspaar dazu verdonnert, seinen Lebensunterhalt als Hotdog-Verkäufer zu verdienen.

Über 200 junge Leute aus dem Verbreitungsgebiet der Ovag hatten sich an der 15. Auflage des Jugend-Literaturpreis beteiligt, die besten 24 erhielten Preise und wurden zum Lektorats-Workshop eingeladen. Dreieinhalb Tage lang wurden die Geschichten quergebürstet. Nicht nur Rechtschreib- und Kommafehler wurden getilgt, auch stilistische und inhaltliche Fragen wurden diskutiert. Darf man fachsprachliche Fremdwörter wie Dura Mater (die harte, äußere Hirnhaut), Suturen (das Bindegewebe zwischen Knochen) oder Molar (ein Backenzahn) ohne Erläuterung in einer Kurzgeschichte verwenden? Oder sind das schöne Wörter, die den Text schmücken? Taugen »Ben« und »Mia« als Namen für Figuren, die vor 250 Jahren geboren wurden? Gab es 1989 schon den »denglischen« Ausdruck vom »absoluten No-Go«? Heute gilt: Anachronismen sind in der Literatur ein »absolutes No-Go«. Es sei denn, sie werden bewusst eingesetzt.

In Fantasy-Geschichten ist mehr erlaubt als in einer realistischen Erzählung. Hier dürfen sogar Engel auftreten – die vielleicht nur eine Metapher, ein sprachlicher Ausdruck für das »innere Kind« sind. Die Geschichte über den jungen Mann, dem ein solcher Engel erscheint, wurde wie die anderen Texte in der großen Runde vorgelesen und diskutiert. Die jungen Autoren stellten sich der Kritik erfahrener Lektoren, schilderten aber auch ihre eigenen Lese-Eindrücke.

In der Kunst gibt es viele Wege zum Ziel. Manche führen auch vom Weg ab. Dann müssen Füllwörter und ganze Absätze gestrichen werden, oder es wird eine halbe Stunde lang nach dem richtigen Wort oder dem passenden Ausdruck gesucht. Wenn er gefunden ist, heißt es mit den Worten des Schriftstellers Feridun Zaimoglu: »Hey, hey, Rock’n’Roll, und schon glänzt das Ding!« Zaimoglu, der seit vielen Jahren zum Lektorats-Team zählt, fordert »gutes, glänzendes, starkes Deutsch«.

In Kleingruppen wurde die Texte poliert. Bei Horrorgeschichten mit Untoten mag die Logik nicht ganz so wichtig sein. Die Logik der deutschen Sprache aber schon. Ein Beispiel aus einem der Siegertexte: »Meine Augen füllten sich mit Tränen und liefen langsam an meiner Backe herab.« Das muss eklig aussehen. Besser ist’s, wenn statt der Augen die Tränen kullern. Geht draußen die Welt unter, sollte der Schutzraum der letzten Menschen auch nicht als »Dorfkirchlein« verniedlicht werden.

Ernste Arbeit, lockere Atmosphäre

Die richtige Wortwahl ist wichtig. Die Polizei sucht eben nicht »fieberhaft« nach einem Verdächtigen, sondern hoffentlich systematisch und bei bester Gesundheit. In Zeiten digitaler Medien verliert die Kulturtechnik des Schreibens zwar nicht an Bedeutung, aber an Beachtung. »Wir füllen mit dem Wettbewerb eine Lücke, die weder privat noch durch die öffentliche Hand ausgefüllt wird«, sagte Joachim Arnold.

Mit Arnold war erstmals ein Ovag-Vorstand übers Wochenende beim Workshop dabei, diskutierte mit, schaute Autoren und Lektoren über die Schultern. Arnold zeigte sich beeindruckt von dem Mix aus ernster Arbeit und lockerer Atmosphäre, lobte die »Sensibilisierung für die richtige Wortwahl« und den Austausch auf Augenhöhe: »Das gibt den jungen Leuten Selbstbewusstsein und trägt zum geistigen Reichtum der Region bei.« Das Lektorat ist nur ein Mosaikstein des Jugend-Literaturpreises der Ovag, der 2012 in Berlin mit dem »Deutschen Kulturförderpreis« ausgezeichnet wurde. Bereits am Freitag steht in Bierstein die erste Lesung aus Siegertexten an. Im Februar erscheint der 15. Band der »Gesammelten Werke«. Dann beginnt die Lesetournee in Schulen und Kultureinrichtungen in Oberhessen.

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