24. Februar 2019, 21:50 Uhr

Emotionale Erste Hilfe

So gehen Eltern gelassen mit ihren Kleinkindern um

Die Wut kommt plötzlich. Der Dreijährige wirft sich auf den Boden und nichts geht mehr. Nur, weil es nicht nach seinem Kopf geht. »Ruhig bleiben und reden«, rät Pädagogin Barbara Ranz.
24. Februar 2019, 21:50 Uhr
Krokodilstränen und lautes Schreien: Babys und Kleinkinder können nicht anders. Es gibt aber Mittel und Wege, damit das Familien nicht in den Wahnsinn treibt und man gemeinsam gut damit umgehen kann. (Fotos: dpa/pv)

Manchmal kommt es einem als Eltern vor, als sage man immer nur Nein, schimpft oder erteilt Verbote. Da wollen Sie helfen. Wie gehen Sie vor?

Barbara Ranz: Es geht um achtsame Kommunikation mit den Kindern, egal in welchem Alter. Man muss sich emotional mit dem Kind verbinden.

Das klingt sehr theoretisch. Wie macht man das?

Ranz: Dazu muss ich erklären, wo mein eigentlicher Schwerpunkt liegt. Ich bin sogenannte EEH-Therapeutin. EEH steht für emotionale Erste Hilfe. Diese ist besonders bei Babys notwendig, die sich nicht ablegen lassen oder kaum beziehungsweise nur kurz schlafen. Das viele Schreien des Babys stresst die ganze Familie. Ein Teufelskreis.

Wenn man selber merkt, es wird gerade zu viel, am besten den Raum kurz verlassen

Barbara Ranz

Und da kommen Sie zur Ersten Hilfe?

Ranz: Ja. Der Stress des Babys und der Stress der Eltern steckt im Körper. Daher ist die EEH einen Körpertherapie. Ich helfe dabei, dass sich Eltern und Babys wieder stabilisieren.

Wie sind Sie dazu gekommen, EEH-Therapeutin zu werden?

Ranz: Das geht zurück auf die Geburt meiner Tochter. Durch einen Kaiserschnitt wurde das Kind buchstäblich »auf die Welt gerissen«. Zu Hause schrie und schrie sie und ich habe mich immer gefragt, was ich verkehrt mache. Das Brüllen hat mich sehr verunsichert.

Das geht betroffenen Familien immer so. Woran liegt das?

Ranz: Das kann verschiedene Ursachen haben. Manchmal kann man das bis in die Vergangenheit der Eltern zurückverfolgen. Das Brüllen des Babys kann einen Elternteil unbewusst an das Brüllen des eigenen Vaters erinnern oder an stressige Situationen im Beruf, in denen der Chef gebrüllt hat.

Das Brüllen in Familien hört anscheinend nicht auf. Mit größeren Kindern und Teenagern wird weiterhin gebrüllt, oder?

Ranz: Das ist leider oft so, bringt aber nichts. Es zeugt nur von Hilflosigkeit der Erwachsenen. Und genau da möchte mein Vortrag ansetzen.

Wie kann dann achtsame Kommunikation gelingen?

Ranz: Zunächst muss man das Alter der Kinder im Blick haben. Dreijährige sind körper- und lustbetont. Etwas nicht zu können oder zu dürfen, schlägt schnell in Wut um. Das liegt daran, dass das Gehirn noch nicht ausgereift ist.

Und da soll ich als Mutter oder Vater auf Kommunikation setzen?

Ranz: Ja. Wir dürfen zwar nicht zu viel verlangen, aber wir müssen versuchen, das Kind zu verstehen und ihm buchstäblich auf Augenhöhe begegnen. Also dem Kind in die Augen schauen, sprechen und mich mit dem Kind verbinden. Einfühlend sein und versuchen zu verstehen, wie ich mich an der Stelle des Kindes fühlen würde.

Ruhig sprechen, während der Dreijährige wütend auf dem Fußboden liegt und schreit, weil er etwas nicht bekommt?

Ranz: Genau. Zunächst sagt man dem Kind, dass es wütend sein darf, dass man das als Mutter oder Vater versteht, dieses Verhalten aber nicht geht. Wichtig ist, nicht strafend zu sein und ruhig zu blieben.

Wenn alle in der Familie gestresst sind, die Kinder nicht hören und noch einiges zu tun ist, gerade am Abend, wie soll man da noch ruhig bleiben?

Ranz: Erst einmal durchatmen. Und nicht auf das gleiche Erregungsniveau gehen. Das ist entscheidend. Und wenn man selber merkt, es wird gerade zu viel, am besten den Raum kurz verlassen. Das kann man den Kindern auch erklären. Nach ein paar Minuten geht es meist wieder.

Das Brüllen des Babys kann einen Elternteil an das Brüllen des eigenen Vaters erinnern

Barbara Ranz

Typische Situation: Mit Kleinkindern an der Kasse. Da kann das Schreien nach Süßigkeiten zur echten Zerreißprobe werden. Was kann man tun?

Ranz: Ich hatte auch schon eine Mutter beim Vortrag, die erzählt hat, wie ihr Zweieinhalbjähriger während sie an der Supermarktkasse anstand, immer 20 Überraschungseier eingedrückt hat. Jedes Mal wieder. Das hat die Mutter zur Verzweiflung gebracht.

Was haben Sie geraten?

Ranz: Dem Kind erklären, dass das nicht geht, und es aus der Situation nehmen. Also in den Einkaufswagen oder den Kinderwagen setzen. Dann zur Not das Schreien aushalten. Ich kann das Kleinkind aber gut verstehen.

Wie meinen Sie das?

Ranz: Es muss ein tolles Gefühl für das Kind sein, diese Schoko-Eier einzudrücken. Das würde man als Erwachsener, wenn es im Leben nach dem Lustprinzip ginge, doch auch mal machen, oder? Das Kind muss allerdings lernen, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht toleriert werden und Konsequenzen haben.

Als Eltern sollte man auf keinen Fall fies oder verbal ausfallend werden. Das schädigt das Kind

Barbara Ranz

Was halten Sie von Strafen?

Ranz: Durch harte Strafen lernt ein Kind nicht. Als Eltern sollte man auf keine Fall fies oder verbal ausfallend werden. Das schädigt das Kind.

Wie sollte man angemessen reagieren?

Ranz: Dem Kind sagen, dass das, was es gemacht hat, nicht richtig war. Man muss sich wieder mit dem Kind verbinden. Das Kind selber ist nicht schlecht. Du bist gut so, aber Deine Handlung war nicht gut.

Wenn ein Kleinkind beißt, kommt man dann mit verbalen Erklärungen noch weiter?

Ranz: Beißen ist ein großes Thema bei meinen Vorträgen. Das beschäftigt Eltern und Erzieher sehr. Das Kind muss zunächst raus aus der Beiß-Situation und dann muss man auf das Kind eingehen. Es kann nämlich süchtig nach dem Beiß-Chaos werden.

Wie meinen Sie das?

Ranz: Kleinkinder, die beißen, sind sprachlich nicht so weit, sich angemessen auszudrücken und beißen aus Angst, Notwehr oder Überforderung. Es merkt aber schnell, welches Chaos es durch sein Verhalten auslöst. Manche Kinder wollen das immer wieder machen.

Beziehen sich Ihre Theorien nur auf kleine Kinder?

Ranz: Nein. Es ist natürlich leichter, wenn man früh mit einer achtsamen Kommunikation beginnt. Wenn man erst anfängt, wenn ein Kind neun ist, hat man es viel schwerer, aber es hilft immer noch.

Konflikte und Wutanfälle hören nie auf. Wie kommt man bei älteren Kindern weiter?

Ranz: Auch mit viel Verständnis und Verhandeln. Wenn ein Teenager bestimmte Turnschuhe möchte, die ich aber nicht kaufen kann oder möchte, kann man versuchen, Alternativen zu finden. Gibt es die Schuhe irgendwo günstiger? Geht ein anderes Modell? Einem bewussten Wutanfall gebe ich nicht nach. Damit kommt das Kind nicht weiter.

Den Forderungen und Anfällen aber nicht nachgeben, oder?

Ranz: Nein, das wäre das falsche Signal. Dann lernen Kinder, dass sie mit dem unangemessenen Verhalten weiterkommen. Das geht natürlich nicht. Ein Nein muss ein Nein bleiben. Ich sage da gerne »Du machst Terror, aber ich verhandele nicht mit Terroristen«.

Wenn das Kind so richtig in Rage gerät. Was hilft dann noch?

Ranz: Bewegung. Lassen Sie es einmal die Treppe hinaufrennen oder um den Tisch flitzen. Dann geht es meist schon besser. Ganz wichtig ist, dass wir als Eltern Vorbilder sind. Wir zeigen am Umgang mit den Kindern wie wir mit schwierigen Situationen umgehen.

Info

Vortrag im Mütterzentrum
Barbara Ranz
Barbara Ranz

Viele Eltern haben das Gefühl, dass ein Großteil der Zeit mit ihrem Kind aus »Nein«, Verboten, Konflikten und deren Folgen besteht. Das ist für beide Seiten anstrengend und führt oft nicht zum gewünschten Ergebnis. Wie kann es als Eltern gelingen, Kinder bei Wut, Trauer oder Ängsten angemessen zu begleiten? Ziel des Abends soll es sein, neue und einfache Wege der Kommunikation mit Kindern vorzustellen, basierend auf den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung. Pädagogin Ranz bezieht sich auf das Buch »Achtsame Kommunikation mit Kindern: Zwölf revolutionäre Strategien aus der Hirnforschung für die gesunde Entwicklung Ihres Kindes« von Daniel Siegel und Tina Bryson. Der Vortrag »Achtsame Kommunikation mit Kindern« wird am Mittwoch, 27. Februar, von 20 bis 21.30 Uhr im Karbener Mütter- und Familienzentrum in Burg-Gräfenrode von Diplompädagogin Barbara Ranz angeboten. Eine Anmeldung ist erforderlich. Telefonisch unter 0 60 34/5 09 89 74 oder per E-Mail an info@mueze-karben.de. (pm)

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