Wetterau

Sexueller Missbrauch: Ein 16-jähriges Martyrium

16 Jahre lang, von 1993 bis 2009, soll ein heute 75-jähriger Bad Nauheimer seine Stief-Enkelin sexuell missbraucht haben. Er wurde verurteilt, doch der Fall ist wieder am Landgericht Gießen gelandet.
17. Mai 2018, 05:00 Uhr
Jürgen W. Niehoff
_190905
Wegen sexueller Misshandlung ist der heute 75-jährige Angeklagte zwar bereits verurteilt worden, aber nur in vier von 16 Fällen. Der Mann soll seine Stiefenkelin lange Zeit missbraucht und ihr erzählt haben, das wäre in einer Familie üblich. (Symbolfoto: dpa)

Ein 75-jähriger Bad Nauheimer muss sich vor dem Gießener Landgericht wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten. 1984 trennte sich der Angeklagte von seiner zweiten Ehefrau, mit der er zwei Kinder hat. 1987 zog er mit seiner neuen Lebensgefährtin zusammen, wurde in deren Familie schnell als der liebe Stief-Opa akzeptiert. Mit schlimmen Folgen, denn ab 1993 soll er sich zunächst an der damals fünfjährigen Enkelin und ab 1997 an ihrer zu der Zeit vierjährigen Cousine vergriffen haben. Während die Übergriffe bei dem ersten Mädchen noch weitgehend harmlos verliefen oder im Versuchsstadium hängen blieben, waren die Handlungen beim zweiten Mädchen wesentlich gravierender, vom Streicheln und Küssen der Vagina bis hin zum Geschlechtsverkehr.

 

Abwesenheit der damaligen Lebensgefährtin ausgenutzt

 

Bis 2009 soll sich der Angeklagte immer wieder an der Heranwachsenden vergangen haben. Gelegenheit dazu bot sich immer wieder, denn die Mädchen besuchten regelmäßig in den Schulferien ihre Oma, die damalige Lebensgefährtin des Angeklagten. Der nutzte ihre Abwesenheit, beispielsweise wenn sie für Einkäufe die Wohnung verließ, um sich zu dem Mädchen ins Bett zu legen und sie zu missbrauchen. Das Mädchen hatte das hingenommen, weil der Angeklagte ihr gesagt hatte, dass dies normal und zwischen Familienmitgliedern üblich sei.

Erst als sie in die Pubertät kam und registrierte, dass dieser Umgang alles andere als normal war, wehrte sie sich gegen die Übergriffe, woraufhin der Angeklagte ihr zunächst mit Besuchsverboten bei der Oma und später mit Vergewaltigung drohte. Dies überforderte endgültig die inzwischen 15-Jährige. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch und berichtete in diesem Zusammenhang von den Übergriffen des Stief-Opas.

 

Neu angesetzt nach BGH-Urteil

 

Der wurde 2014 vor dem Landgericht Gießen zwar wegen sexueller Misshandlung von Kindern in 16 Fällen angeklagt, doch später nur in vier Fällen verurteilt. Zweieinhalb Jahre Gefängnis lautete das damalige Urteil. In zwölf Fällen musste das Gericht den Angeklagten freisprechen, weil die Anklage nicht konkret genug war. Gegen das Urteil legten Verteidigung und Staatsanwaltschaft vor dem Bundesgerichtshof (BGH) Revision ein. Der gab dem Einspruch Recht. Das Landgericht habe sich in der ersten Verhandlung nicht intensiv genug mit den Motiven des Mädchens befasst, warum sie erst 2009 von den sexuellen Übergriffen des Angeklagten berichtet habe. Möglicherweise sei sie durch Mitteilungen in einem Chatroom oder durch ihre Mutter auf das Thema gestoßen worden. Der BGH bemängelte, dass die Strafkammer des Landgerichts den Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen der inzwischen jungen Frau nicht hinreichend untersucht habe. Zumal der Angeklagte mittels eines ärztlichen Attestes habe beweisen können, dass er seit einer missglückten Darmoperation zu keinem Geschlechtsverkehr mehr in der Lage sei. Also auch nicht mit seiner Enkelin, wie diese behauptet habe.

 

Vorschlag des Verteidigers

 

Deshalb soll nun eine andere Strafkammer des Landgerichts den Fall noch einmal neu aufrollen, Vier Verhandlungstage waren dafür angesetzt, und alle Zeugen und Gutachter hätten dafür noch einmal neu vernommen werden müssen. Um allen Beteiligten die Aussagen zu ersparen, machte der Verteidiger zu Beginn des Prozesses den Vorschlag, sich doch in einem Rechtsgespräch zu vergleichen. Der Angeklagte räumt alle sexuellen Übergriffe an dem Mädchen ein, zahlt ihr ein Schmerzensgeld in Höhe von 7200 Euro und erhält dafür eine auf zwei Jahre abgemilderte Gefängnisstrafe auf Bewährung.

Zwar erklärten sich nach längerer Beratung alle Prozessbeteiligten damit einverstanden, trotzdem ging das Gericht am Mittwoch den Vorwürfen des BGH nach und vernahm eingehend eine Kinderpsychologin. Sie testierte der Aussage der jungen Frau einen hohen Wahrheitsgehalt, trotz ihres momentan desolaten psychischen Gesundheitszustandes. Der Prozess soll am Donnerstag fortgesetzt und ein Urteil gesprochen werden.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Sexueller-Missbrauch-Ein-16-jaehriges-Martyrium;art472,432946

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung