25. Oktober 2018, 19:43 Uhr

Kerckhoff-Klinik

Seit 30 Jahren eine »Herzensangelegenheit«

Prof. Markus Schönburg verspätet sich zum Pressetermin: Er operiert. Der Arzt und Ulrich Jung sind Urgesteine der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik. Seit 30 Jahren gibt es dort die Herzchirurgie.
25. Oktober 2018, 19:43 Uhr
agel_agl
Von Christoph Agel
Ulrich Jung (l.) ist heute Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik. Bei der ersten Operation in der Herzchirurgie hat er vor 30 Jahren mitgewirkt. Prof. Markus Schönburg ist fast von Beginn an dabei. (Foto: Nici Merz)

Name der Patientin und Diagnose, die Nacht vorher, das Gefühl danach – Ulrich Jung erinnert sich noch genau an jenen 6. April 1988, als er in einem der fünf OP-Säle stand und zu denen gehörte, die eine Patientin am Herzen operierten. Ein Loch in der Herzscheidewand musste geschlossen werden, eine »Standardoperation ohne besondere Problematik«, wie Prof. Nils Bleese nach getaner Arbeit der WZ verriet. 30 Jahre ist sie nun her, die erste Operation in der Herzchirurgie der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik. Rund ein halbes Jahr später folgte die erste Herztransplantation. 30 Jahre danach sitzt Jung in seinem Empfangszimmer, spricht über die enormen Leistungen der Teams, über die Verzahnung von Forschung, Diagnose und Behandlung in der Kurstadt. Jung war 1988 Leitender Pfleger für Anästhesie und Intensivmedizin, später wurde er Pflegedirektor, Prokurist, vor zehn Jahren schließlich Kerckhoff-Geschäftsführer.

Jung ist ein Mann der ersten Stunde in der Herzchirurgie, fast von Anfang an dabei ist Prof. Markus Schönburg. Eigentlich sollte er jetzt mit am Tisch sitzen, doch er verspätet sich – weil er noch operiert. Später stößt er dazu, nach sieben Stunden im OP, nachher muss er wieder zurück an diesen Ort, an dem es so oft um Leben oder Tod geht. Schönburg stieß wenige Monate nach dem Start der Herzchirurgie zum Kerckhoff-Team. Das Bewusstsein für die Verantwortung, die er trägt, ist nach wie vor da, sagt er, er merke die Anspannung. Auf der anderen Seite ist da die Dankbarkeit der Patienten.

Vor dem Dank gibt es die Sorgen: »Natürlich hat jeder Patient vor so einer Operation eine Riesenangst«, sagt Jung. Um die etwas abzubauen, gibt es die Informationsveranstaltungen, bei denen sich Patienten und Angehörige über das erkundigen können, was ihnen bevorsteht. Vermutlich gibt dem Patienten bei all der Angst das Renommee der Klinik Zuversicht. Jung erinnert an die Zeit vor der Herzchirurgie in Bad Nauheim, als Patienten hier zwar die Diagnose bekamen, für die Operation aber verlegt werden mussten – nach Gießen, München, in die Niederlande. Mit einem besonders ausgerüsteten Rettungswagen. Da es in Bad Nauheim neben der Diagnostik die Forschung am Max-Planck-Institut gab und die Kerckhoff-Klinik in der Stadt Platz zum Ausdehnen hatte, gab es gute Argumente für den Bau der Herzchirurgie. 1986 wurde mit dem rund 51 Millionen Mark teuren Bau begonnen, 101 Betten wurden in der Kardiologie untergebracht, 60 in der Herzchirurgie. Fünf OP-Säle wurden eingerichtet.

Ulrich Jung zeigt ein Foto, auf dem er zu sehen ist, im Zentrum aber Prof. Gerhard Karliczek, 1988 Leiter der Anästhesie. Die Szene zeigt eine Übung an einer Puppe – vor der ersten Operation in der neuen Herzchirurgie. Alles müsse genau geplant und abgestimmt sein, sagt Jung, von der Einleitung der Narkose bis zur Behandlung auf der Intensivstation müsse alles synchron sein, damit sämtliche Technik am Patienten bleiben könne. Das habe bis heute Gültigkeit.

Multiresistente Keime als Problem

Im WZ-Artikel über den Start der Herzchirurgie in Bad Nauheim liest man auch über die »Herausforderung durch AIDS«. Damals ein neues Thema, heute immer noch aktuell. Aber dank der konsequenten Sicherheitsvorkehrungen treibt das Schönburg keine Sorgenfalten auf die Stirn. Größte Herausforderung 2018 seien multiresistente Keime.

Was bringt die Zukunft? Wird es bald das Kunstherz geben, so dass die niedrige Zahl der Organspender nicht mehr so dramatisch wäre? Schönburg sieht bis dahin einen langen Weg. Der Schlauch, der vom Kunstherzen nach draußen reiche, sei eine potenzielle Eintrittsstelle für Infektionen. Zudem könnten Blutgerinnsel entstehen. »Das Kunstherz muss noch weiter entwickelt werden. Das ist noch nicht das Gelbe vom Ei, es ist noch ein Risiko.« Aber: »Der Einbau selbst ist technisch für uns überhaupt kein Problem.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos