23. September 2019, 18:56 Uhr

Seine Herzensangelegenheit

23. September 2019, 18:56 Uhr
»Die Lebensgeschichte meiner Eltern ist gut ausgegangen«, sagt Schauspieler Christian Berkel: »Das können Sie sich denken, sonst wäre ich ja nicht hier.« (Fotos: lod)

»Wenn wieder einmal jemand fragt, wo es denn bleibt, das lebensgesättigte, große Epos über deutsche Geschichte, dann ist von jetzt an die Antwort: Hier ist es.« Der Kommentar des bekannten Schriftstellers Daniel Kehlmann ist auf dem Titel des Romans »Der Apfelbaum« zu lesen.

Auf über 400 Seiten hat der 1957 in West-Berlin geborene Schauspieler Christian Berkel die Geschichte seiner Familie, zugleich aber auch ein Stück Zeitgeschichte, aufgearbeitet. Am Samstagabend war der aus vielen Spielfilmen sowie der ZDF-Serie »Der Kriminalist« bekannte und mehrfach ausgezeichnete Schauspieler zu Gast bei »Friedberg lässt lesen«.

Über 90 Minuten faszinierte Berkel, der mit der Schauspielerin Andrea Sawatzki und seinen beiden Söhnen in Berlin lebt, die Besucher in der voll besetzten Aula der Augustinerschule. Es war jedoch weit mehr als eine Lesung. Berkel las zwar aus mehreren Kapiteln seines Erstlingswerks, doch seine Erläuterungen und Erzählungen dazwischen machten deutlich, dass der Roman in mehrfacher Hinsicht eine Herzensangelegenheit des Schauspielers ist.

Worüber nicht gesprochen wird

»Die großen Stationen in diesem Buch haben stattgefunden, für die Details stehe ich jedoch nicht zur Verfügung«, sagte Berkel zu Beginn des Abends. Was er damit meinte, erklärte er so: »Von Eltern und Großeltern wird darüber nicht gesprochen. Aus der Zeit des Krieges zu erzählen ist schwer, da man es selbst nicht erlebt hat«, sagte Berkel über die Geschichte seiner Eltern, die aus zwei ganz unterschiedlichen Berliner Gesellschaftsschichten stammen. Bei ihrer ersten Begegnung 1932 verlieben sich beide sofort.

Sala, die aus einer intellektuellen jüdischen Familie stammt, ist gerade mal 13 Jahre alt. Otto, Spross aus einer Berliner Arbeiterfamilie, vier Jahre älter. Als Kind sei ihm nicht klar gewesen, dass er jüdische Wurzeln habe, erzählt Berkel, der unter einem Apfelbaum »kleine Vorstellungen« für seine Familie gab. »Der Apfelbaum war meine erste Bühne«, sagte Berkel als Erklärung des Buchtitels.

Erst bei einem Besuch von »Onkel Walter«, einem nach Amerika ausgewanderten Juden, wird dem damals sieben Jahre alten Jungen bewusst, dass er »halb jüdisch, halb deutsch ist«, wie es seine Mutter formulierte. Berkel: »Da heulte ich los. Halb, das bedeutete für mich nicht ganz sondern kaputt sein.« Dass die Liebe seiner Eltern im Laufe der nächsten 20 Jahre zu einer großen Odyssee wird, beschreibt Berkel spannend, elegant und faszinierend zugleich. Bei seiner Lesung stehen die Erlebnisse seiner Mutter in der Nazizeit im Mittelpunkt. Schnell wird klar, dass Berkel im Vorfeld seines Buches vier Jahre lang in Archiven recherchiert und unzählige Gespräche geführt hat.

Mit einem Gespräch mit seiner aus Argentinien zurückgekehrten 91 Jahre alten Mutter im Jahre 2010 beginnt das Buch und auch die Lesung, die tiefe Einblicke in das Leben einer »Halbjüdin« in der Nazizeit gibt. »Der Begriff »Halbjüdin« stammt von den Nazis. Im Judentum ist jedes Kind, das von einer Jüdin geboren wurde, ein jüdisches Kind«, meint Berkel und fügt lächelnd hinzu: »Jeder weiß, wer die Mutter ist, bei Vätern...« Den Satz bricht er ab. Jeder weiß was gemeint ist. Berkel überrascht mit vielen Details, wie der Beschreibung eines grausamen Nazilagers in den Pyrenäen, in dem 12 000 Deutsche, die beim Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich lebten, gebracht wurden, darunter auch seine Mutter.

Wie Sala dieses Grauen überlebte und nach Leipzig gelang, wo sie Otto wieder traf, war der spannendste Teil der Lesung. »Erst mit der Erinnerung bekommt unser Leben ein Gesicht«, so Berkel, der sich auch mit der Nachkriegszeit auseinandersetzt: »Naziseilschaften mit hochrangigen SS-Leuten haben wichtige Posten besetzt. Die Bundesrepublik wurde von Altnazis aufgebaut.«

Dass die Lebensgeschichte seiner Eltern gut ausgegangen ist, formuliert er am Ende des Abends so: »Das können Sie sich denken, sonst wäre ich ja nicht hier.«

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