26. August 2019, 20:38 Uhr

Sehnsuchtsort Berlin

26. August 2019, 20:38 Uhr
Ein wenig düster ist es um »Größenwahn«, dennoch gehören auch fröhliche Stücke wie »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« zum Repertoire. (Foto: hkr)

Der Kulturbetrieb der 1920er Jahre in Berlin war nie präsenter als heute und die künstlerischen Ausdrucksformen auf der Bühne, im Film, der Musik oder der Literatur haben bleibende Wirkung. Robert Nippoldt und das »Trio Größenwahn« erinnern an die »Wilden Zwanziger« der Weimarer Republik mit allen Höhen und Tiefen.

Das Programm ist eine Verbeugung vor den Künstlern der Zeit, das einlädt »Beine und Seele baumeln zu lassen« und dem »Charme Berlins in den 20ern« nachgeht. »Willkommen, Bienvenue, Welcome« aus dem Musical »Cabaret« ist nicht nur Motto, sondern auch Einstieg in eine Zeit des Aufbruches und des Neuanfangs. Kriegsende und Republikgründung, begleitet von gewaltsamen Exzessen und sozialen Verwerfungen, gehören genauso zum Zeitgeist wie der Bubikopf, die Babelsberger Studios, der Dadaismus oder der Charleston.

Während der Illustrator und Buchkünstler Nippoldt auf einem Zeichentisch die Entwicklung im Land grafisch abbildet (mit Projektion auf die Saalleinwand) gibt das »Trio Größenwahn« eine musikalische Rundumschau im Badehaus 2. Die Perlen des deutschen Chanson erklingen im Stil der Zeit: Lotta Stein besingt die gesellschaftlichen Umbrüche mit emotionalem Feingefühl stilsicher. Philip Ritter am Klavier haut mächtig in die Tasten, und Julian Walleck zupft gekonnt den Bass. Es geht um das Nachtleben in der Friedrichstraße und die ersten Konsumtempel ihrer Zeit. Diese Chansons sind nicht nur emotionale Zeitzeugen, sondern auch Ausdruck einer Zeit mit häufig wechselnden Kanzlerschaften und wirtschaftlicher Prosperität. Die Menschen waren »von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt«, einer inneren Heiterkeit mit leichter Schwermut anhängig, die die Nachkriegsjahre erträglich machten und Aufgeschlossenheit demonstrierte: Berlin wurde Weltstadt und Sehnsuchtsort. Lotta Stein singt die Lieder dieser Zeit der Neuorientierung mit Verve, und zeigt Reichtum und Themen-Vielfalt vom »Schönen Gigolo« bis zum »Guten Freund«. Nippoldt am Tisch mit Kreide und Tusche und Scherenschnitt zeichnet unaufhörlich und bringt diese Zeit in eine visuelle Form. Sein Buch »Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger« (2017) zeigt dazu die ironische Finesse und das virtuose Können.

Provokation und schöner Schein

Der Erfolg von Kurt Weill und Bertolt Brecht mit der »Dreigroschenoper« ist ganz Zeitgeist, das Lied der »Seeräuber-Jenny« daraus eine Hommage an Kunst und Kolorit. Collagen und Expressionismus hier, dort »Metropolis« und Berlin Tempelhof. Tagsüber werden Demokratie-Formen diskutiert, nachts geheime Sex-Fantasien zelebriert.

Es geht darum, dem Berlin der 20er eine Fläche zu geben, musikalisch und visuell, das Verruchte und die Provokation zu zeigen, aber auch den schönen Schein und die Schattenseiten zwischen Rausch und Glamour. Die Dietrich und die Garbo und der Tango und »Die drei von der Tankstelle« und die Comedian Harmonists sowie Fritz Lang und Kurt Schwitters schaffen einen Horizont, in dem sich Musiker und Zeichner bewegen.

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