09. Februar 2017, 11:00 Uhr

Prozessauftakt

Schweigen im »Mordhaus«-Prozess

Den Bruder erstochen; den bettlägerigen Vater im Feuer ersticken lassen. Die Vorwürfe im Ilbenstädter »Mordhaus«-Prozess gegen Armin B. wiegen schwer.
09. Februar 2017, 11:00 Uhr
Ein Wachtmeister löst die Handschellen des in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten. Verteidiger Carsten Marx kündigt an, dass sich sein Mandant nicht äußern werde. (Foto: sha)

Der 61 Jahre alte Angeklagte aber schwieg gestern beim Auftakt vor dem Gießener Landgericht. Doch ein Notarzt will von ihm ein Geständnis gehört haben.

Der Einsatz mancher Nachbarn war enorm. Barfuß, schnell mit einem Gartenschlauch nass gespritzt, rannten sie am Morgen des 16. April vergangenen Jahres Rauch und Flammen entgegen, die aus dem Wohnhaus »Am Krautgarten« in Ilbenstadt schlugen. Aber wollte der blut- und rußverschmierte Mann, der dort auf einer Kellertreppe im Garten des Hauses lag, überhaupt gerettet werden? Oder hatte er den Brand in seinem Elternhaus gelegt, um Selbstmord zu begehen, weil er dort zuvor seinen jüngeren Bruder getötet hatte?

Diese und weitere Fragen beschäftigen seit gestern die Schwurgerichtskammer des Gießener Landgerichts. Dort muss sich der Mann, dem Nachbarn im vergangenen Frühjahr das Leben retteten, verantworten, weil er laut Staatsanwaltschaft zwei Menschen getötet haben soll. Der 61-jährige Armin B. ist wegen Totschlags und Mordes angeklagt (die WZ berichtete). Er soll zwischen dem 15. April 2016 und dem Morgen des darauffolgenden Tages seinen damals 58 Jahre alten Bruder mit zwei Messerstichen in den Kopf umgebracht haben. Um die Spuren dieser Bluttat zu verwischen, soll er im Keller des Hauses Benzin ausgeschüttet und angezündet haben. Dabei habe er gewusst, dass neben seinem Bruder auch der damals bettlägerige, 89 Jahre alte Vater im Haus lebte, sagte Staatsanwalt Klaus Bender. Der habe zu dieser Zeit im Erdgeschoss des Gebäudes auf dem Sofa gelegen. Er kam in dem brennenden Haus um. Das wertet die Anklagebehörde als Mord, da Armin B. hier heimtückisch gehandelt habe – und außerdem durch das Feuer ein anderes Verbrechen – die Tötung des Bruders – habe verdecken wollen.

Was trieb den Mann zu dieser Gewalttat? Waren es Erbschaftsstreitereien, wie Anwohner vermutet hatten? Dazu sagte der Staatsanwalt nichts. Auch der Umstand, dass der Leichnam des Bruders erst zwei Tage nach dem Brand im Kofferraum eines silbernen Mercedes – etwa 500 Meter vom Tatort entfernt – auf dem Parkplatz am Kloster gefunden wurde, war am Mittwoch noch kein Thema. Im Fahrzeug, das Armin B. immer wieder genutzt hatte, fanden Ermittler später Spuren eines Brandbeschleunigers. Anwohner gaben jedoch an, das Auto weder in der Nacht vor Ausbruch des Feuers noch am Morgen, als das Haus brannte, am Tatort gesehen zu haben.

Richterin lobt Schülerin

Sie wurden erst aufmerksam, als sie »Explosionen« und »laute Knallgeräusche« hörten. Andere sahen Rauch aus dem Haus quellen. Ein »großes Lob« für ihren beherzten Einsatz sprach Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze einer 16-Jährigen aus. Die Schülerin hatte gesehen, dass bereits Glasscheiben in Fenstern und Türen des Hauses geborsten waren und daraufhin ins Haus hineingerufen, ob noch jemand in dem Gebäude sei. Da sie keine Antwort erhielt, der Qualm aber »von hinten« zu kommen schien, rannte sie am Gartenzaun entlang und entdeckte den blutverschmierten Armin B., der auf der Treppe lag, die zum Keller hinunterführte. Als sie ihm zugerufen habe, er solle aufstehen, sie werde Hilfe holen, soll er »Nein, ich möchte nicht – lassen Sie mich« gerufen haben, berichtete die Ilbenstädterin.

»Ich habe ein Stöhnen von der Kellertreppe gehört«, sagte ein Nachbar. Als er den Rauch sah, habe er sofort zu Feuerlöscher und Gartenschlauch gegriffen, weil er wusste, »dass der alte Mann drüben bettlägerig war«. Er habe auch einen anderen Anwohner nassgespritzt, der dann den verletzten Angeklagten die Treppe hochgehievt und bis ans Ende des Gartens gezerrt habe.

Ob Armin B. sich dagegen gesträubt habe, wollte Enders-Kunze wissen. »Also mitgeholfen hat er nicht«, war die Antwort. Der Kontakt der Nachbarn zu dem zuletzt in Bad Vilbel lebenden Angeklagten und seiner Ilbenstädter Familie schien nicht besonders eng gewesen zu sein. »Anfangs hat man sich noch gegrüßt«, aber nachdem die Eltern bettlägerig wurden, habe es auch dies nicht mehr gegeben. Bs Bruder wurde als »unsympathisch« und »aufbrausend« beschrieben.

Der Angeklagte nahm all dies regungslos zur Kenntnis. Der großgewachsene Brillenträger wirkte abwesend, als er abwechselnd zur Richterbank und zum Zeugentisch blickte. Gegenüber einem Notarzt soll er an jenem Apriltag jedoch eine eindeutige Aussage gemacht haben. Der Mediziner berichtete, aus der Jacke des Angeklagten sei unter anderem eine rote Plastikverschlusskappe gefallen, die nach Benzin gerochen habe. Zwar habe B. auf die Frage, ob noch jemand im Haus sei, nicht geantwortet, sagte der Notarzt. Auf die Frage, ob er das Gebäude »angesteckt« habe, soll der 61-Jährige jedoch geantwortet haben: »Ja, ich habe es gemacht.«

Wegen der Verletzungen, die B. sich beim Brand zugezogen hatte, musste der Prozess bereits einmal verschoben werden. Am Mittwoch lief der Angeklagte, dem äußerlich keine Verletzungen anzusehen sind, selbstständig zum Polizeitransporter, der ihn zurück in das Gefängnis nach Weiterstadt brachte, wo er in Untersuchungshaft sitzt.

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