10. September 2018, 14:00 Uhr

Zivilstreife

Schnelle Fahrer, wilde Lügen: Zivilfahnder greifen ein

Uwe Hesse und Norbert Duch von der Butzbacher Autobahnpolizei sind undercover unterwegs. Pro Schicht sitzen sie fünf bis sechs Stunden im Auto, jagen Verkehrssündern hinterher.
10. September 2018, 14:00 Uhr
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Von Laura Kaufmann , 1 Kommentar
Norbert Duch (l.) und Uwe Hesse sind in zivil im Einsatz: Als sogenannte ProViDa-Streife fahren die Polizisten mit einem BMW über die Autobahn, der Wagen ist mit zwei Kameras ausgestattet, Geschwindigkeits- und Abstandsverstöße können gefilmt werden. Bei einer Kontrolle werfen die beiden einen Blick in den TÜV-Prüfbericht eines Fahrer. (Fotos: lk)

Autobahnpolizei

Hessens größte Autobahnstation befindet sich in Butzbach: Vom Bad Homburger Kreuz bis nach Homberg, von Altenstadt nach Haiger – das Arbeitsgebiet der Polizisten umfasst über 190 Autobahnkilometer. Was genau die Mitarbeiter tun? Die WZ hat nachgefragt.


Der junge Mann gibt Gas: Mit 120 Stundenkilometern fährt er auf der A 5 durch die Baustelle, in der nur 80 km/h erlaubt sind. Dann überholt er ein anderes Auto – rechts. Norbert Duch und Uwe Hesse haben genug gesehen. Sie holen das Blaulicht raus, setzen ihren schwarzen 5er BMW vor den Skoda des Mannes und ziehen ihn aus dem Verkehr.

Hesse und Duch gehen zusammen auf Streife, sind ein ProViDa-Team. ProViDa steht für Proof Video Data System. Die Butzbacher Autobahnpolizei hat zwei der zivilen PS-starken Fahrzeuge, die mit einer speziellen Videoanlage ausgestattet sind und Verkehrsverstöße beweissicher festhält.

 

Mit Handy und Rostlaube

Der 27-jährige Skodafahrer zieht den Schlüssel des Firmenwagens ab und steigt ins Polizeiauto. Dort lässt er sich das Video vorspielen, das Duch und Hesse von seiner Bausstellenraserei gemacht haben. »Wir haben fünf Mal gemessen. Jedes Mal waren Sie 30 bis 40 km/h zu schnell. Das gibt einen Punkt und eine Geldbuße«, klärt der 46-jährige Duch ihn auf. »Das Rechts-Überholen kommt zusätzlich dazu.« Das mag der Skodafahrer nicht recht verstehen. »Warum kommt das mit rein?«, fragt er mehrfach. »Na weil Sie es gemacht haben«, erwidert der 51-jährige Polizist Hesse geduldig.

Bis zu sechs Stunden sitzen die beiden Oberkommissare täglich im Auto. Pro Schicht fahren sie meist zweimal los, schauen auf der A 5 und der A 45 nach dem Rechten. Auch Raststätten und Parkplätze werden angesteuert. »Wir machen alles, was eine normale Streife auch macht«, sagt Hesse. Auf der Rastanlage Wetterau fällt ihnen ein Auto auf, das im Parkverbot steht. Sie fahren weiter. »Wegen Kleinkram geben wir uns nicht zu erkennen«, sagt Hesse. Das Zivilfahrzeug – dessen Kennzeichen immer wieder gewechselt wird – »soll nicht verbrannt werden«.

 

Handy am Ohr und Kopfweh

Wieder auf der A 5 geht es Richtung Norden. Der Verkehr ist dicht. »Schlecht, um zu rasen«, sagt Duch. Einige Kilometer vor Haiger fällt ihm ein Mercedes auf. Der schlingert hin und her. Der Fahrer ist abgelenkt, hat das Handy am Ohr. Hesse überholt, fährt die LED-Anzeigetafel im Heck des BMW aus. »POLIZEI« und »BITTE FOLGEN« ist zu lesen.

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Winterreifen im Sommer, das Profil ist abgefahren. Der Kontrollierte muss nachbessern.

Auf dem Parkplatz versucht der Angehaltene sich zu rechtfertigen. Kopfweh habe er. Und außerdem sei das ja nicht irgendwer, sondern sein Anwalt am anderen Ende der Leitung gewesen. Duch und Hesse interessiert wenig, mit wem der Mann gesprochen hat. Dafür nehmen sie den Mercedes genauer ins Visier: Der Lack wirft Blasen, das Kennzeichen hängt auf Halbmast, die Reifen – Winterreifen im Sommer – sind abgefahren. »Frisch durch den TÜV«, behauptet der Mann, hat sogar entsprechende Dokumente bei sich. Duch mag es kaum glauben. Er fotografiert die Papiere ab. »TÜV-Stempel werden immer wieder gefälscht. Er will überprüfen lassen, wer den Wagen kontrolliert hat.

 

Frankfurter bekommt Mängelkarte

Hesse misst derweil das Reifen-Profil. Ergebnis: schlecht, unter einem Millimeter. Mindestens 1,6 müssen es sein. Während Duch die Personalien des Mannes über Funk durchgibt und nachfragt, ob gegen den 44-jährigen Frankfurter etwas vorliegt, überreicht Hesse eine Mängelkarte. Die Reifen müssen getauscht werden. Außerdem belehrt Hesse den Mann, teilt ihm mit, dass die Bußgeldstelle in Kassel einen Brief schicken wird. Sein Ton: freundlich. Hesse sagt: »Es geht hier um eine Ordnungswidrigkeit und nicht um ein Verbrechen.« Aufbrausen und laut werden sei nicht sein Ding, deswegen habe er auch so gut wie nie Probleme.

Immer wieder müssen die Polizisten sich wilde Lügengeschichten anhören. »Kürzlich haben wir bei Gießen einen Mann angehalten. Er war zu schnell unterwegs und ist komisch gefahren. So eckig«, erinnert sich Duch. Er vermutete Drogen. Der Fahrer im Muskelshirt habe ihm seinen vermeintlichen Führerschein gereicht. Auf dem Foto zu sehen: der Zwilling des Mannes, der just in diesem Moment auf dem Beifahrersitz saß. Ein Tattoo am Hals ließ den Schwindel auffliegen. »Der Fahrer selbst hatte keinen Führerschein«, sagt Duch. Hesse wundert sich noch immer: »Komisch, dass nicht einfach der Bruder gefahren ist.«

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