Wetterau

Ruß in den Adern und eine Nackte an der Tür

Fast 50 Jahre lang schlüpfte Bernd »Flecko« Fleck in die Rolle des Glücksbringers: Als Bezirksschornsteinfeger sorgte er für saubere Schornsteine. Und hat dabei so manches erlebt.
29. Juli 2018, 12:00 Uhr
Jürgen Wagner
Seinen Koller, den schwarzen Uniformrock mit den golden glänzenden Knöpfen, hat Bezirksschornsteinfeger Bernd Fleck an den Nagel gehängt. (Foto: Wagner)

Wie wird man Schornsteinfeger? Ganz einfach: Man tritt in die Fußstapfen seines Vaters. So war es bei Bernd Fleck, und dies geschah nicht ganz freiwillig. »Ich war 13, als mich mein Vater schnappte und mit mir nach Frankfurt fuhr. Ich dachte, wir machen uns einen schönen Tag. Stattdessen habe ich dort die Schuleignungsprüfung für Schornsteinfeger abgelegt.« Die hat er natürlich bestanden, fremd war ihm das Handwerk ja nicht. Und der Job hat ihm Spaß gemacht: Nach der Gesellenprüfung folgte der Meisterbrief. »Ich war mit 21 Jahren jüngster Schornsteinfegermeister in Hessen.«

Möglich wurde das, weil er als Mitglied der Feuerwehr von der Bundeswehr freigestellt wurde. Arbeitete er anfangs noch im Betrieb des Vaters (»Ich habe Ruß in den Adern«), so übernahm Fleck 1988 seinen ersten eigenen Bezirk in Offenbach. Sein Vorgänger war mit der Computertechnik nicht vertraut. »Ich musste tagelang Karteikarten sortieren«, erinnert sich der 64-Jährige. Seit 1991 war Fleck zuständig für Rosbach-Rodheim und Burg-Gräfenrode sowie für Teile Groß-Karbens und Okarbens, mit 2900 Kaminen. Diesen Bezirk (einer von 30 in der Wetterau) hat er am 1. Juli an Tobias Michael abgegeben.

Bernd Fleck sitzt entspannt im Garten eines Reihenhauses im Friedberger Süden. Die Enkelin ist zu Besuch, lässt Entchen in einem Swimmingpool schwimmen und grinst mit dem Reporter um die Wette. »Das Leben kann schön sein«, sagt Fleck.

 

Keine Langeweile in Sicht

 

Und jetzt? »Keine Sorge, ich habe immer was zu tun.« Viele Jahre lang hat sich Fleck auf Landesebene in der Schornsteinfegerinnung engagiert, als Feuerwehrmann fuhr er alle drei Friedberger Drehleiter-Generationen, für die CDU sitzt er im Stadtparlament. Momentan wird das Haus umgebaut. Als seine Frau vorbeigeht, sagt er grinsend: »Ich bin jetzt in der Firma ›Desda‹, ein Tochterunternehmen der Firma ›Machmal‹«. Zum Beispiel wunderschöne Schatzkisten für die Enkel, die er auf der eigenen Hobelbank baut. »Ich wäre gerne Schreiner geworden.«

Aber er wurde Schornsteinfeger und hat dabei manches erlebt. Zum Beispiel die Angst der Leute, wenn der Nachbar eine Holzpellets-Heizung installiert. »Eine Dame rief an, beschwerte sich, dass es nach Rauch und Ruß stinke.« Fleck konnte die Dame mit der Information beruhigen, dass die neue Heizung des Nachbarn noch gar nicht in Gang gesetzt wurde. Einer Rentnerin aus Offenbach, die sich gleichfalls über Rauch beschwerte, der gar nicht existent war, schlug er nach Inspektion ihres Hauses vor, einen Messwagen von Fresenius kommen zu lassen. Kosten: 20 000 Mark. Auf einen Schlag war der vorgebliche Qualmgeruch verschwunden.

 

Schwindelfrei über die Dächer

 

Als Schornsteinfeger muss man schwindelfrei sei. Als jugendlicher Draufgänger stieg Fleck einmal auf das Dach des mehrstöckigen Hauses gegenüber dem Friedberger Bahnhof, balancierte auf dem First und sorgte bei den Bahnreisenden für Aufsehen. Einer holte die Polizei, dachte, da wolle sich einer in den Tod stürzen. Die Augustinerschule hat er oft mit Steigeisen bestiegen, gerne dann, wenn große Pause war. »Da habe ich dort oben meine Show abgezogen«, erinnert sich Fleck. Die Schüler reckten die Hälse.

Das Berufsbild hat sich über die Jahre verändert. Das Kehren der Kamine ist längst nicht mehr die wichtigste Aufgabe. Überprüft der bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger Feuerstätten und Abgasanlagen, handelt er im staatlichen Auftrag. In diesem Fall hat er ähnliche Rechte wie der Zoll und darf in jedes Haus und in jedes Zimmer.

Fleck hat aber auch schon Einladungen ausgeschlagen. Etwa die von der Dame, die splitterfasernackt im Garten ihres Hauses in der Sonne lag, als er den Schornstein des Nachbarn inspizierte. »Ich komme gleich zu Ihnen«, rief er hinunter und richtete sein Augenmerk wieder auf den Kamin. Als er dann im Nachbarhaus klingelte und die Dame ihm die Tür öffnete, stand sie im Eva-Kostüm da. »Jetzt haben Sie mich eh schon nackt gesehen, da muss ich mir nichts anziehen.« Fleck hat sich sofort an die Arbeit gemacht – und den Kamin gefegt, was denn sonst.

 

Info

Gesetzlich geregelter Job

Im Jahr 2013 wurde die Gesetzgebung zum Schornsteinfegerhandwerk geändert und an EU-Standards angepasst. Das Monopol der Bezirksschornsteinfeger wurde beschnitten: Aufgaben wie Kehren oder Emissionsmessungen können nun auch von anderen Schornsteinfegern übernommen werden. Aufgaben wie die Feuerstättenüberprüfung bleiben in den Händen der nun »bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger« genannten Fachleute. Für diese Aufgaben sind die Gebühren festgesetzt, wegen des hoheitlichen Charakters ist hier kein Wettbewerb erlaubt. Längst sind Schornsteinfeger mehr als nur dies, vor allem fungieren sie als Energieberater. Und warum bringen sie Glück? Laut Bernd Fleck gibt es dafür drei Erklärungsansätze: Sie bringen Glück, weil sie mit ihrer Arbeit die (früher meist hölzernen) Häuser vor Bränden bewahren, weil sie bei ihrer Arbeit in den (auch als Räucherkammer genutzten) Kaminen vergessene Würste fanden, und weil es nicht an jeder Ecke einen gibt und man sich freut, wenn man dem schwarzen Mann mit dem typischen Zylinderhut begegnet. (jw)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Russ-in-den-Adern-und-eine-Nackte-an-der-Tuer;art472,463903

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