12. Mai 2017, 17:00 Uhr

»Mein Lieblingsplatz«

Rückzugsort nicht nur für Kelten

Werden mir Beruf und Alltag zu hektisch, zieht sich unser Redakteur "jw" zurück. Durchatmen und neue Kraft tanken – dafür gibt es keinen schöneren Platz in der Wetterau als den Glauberg.
12. Mai 2017, 17:00 Uhr
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Von Jürgen Wagner
»Mach ein Selfie von deinem Lieblingsort«, sagt die Kollegin. Ausbaden müssen das jetzt die Betrachter, denn das Foto von der Eiche auf dem Glauberg-Plateau ist jetzt völlig verhunzt. (Foto: jw)

Der Glauberg ist ein Sammelplatz der Sensationen. Die Statue des Keltenfürsten, der riesige Grabhügel, der Schmuck und die Waffen aus den Gräbern, das aus dem Berg herauswachsende Museum – hier öffnet sich ein Fenster in die Geschichte, das den Besucher auf 6000 Jahre Siedlungsgeschichte blicken lässt. Vor 18 Jahren war ich dabei, als der Presse das im Block geborgene Grab eines keltischen Kriegers präsentiert wurde. Als ein Archäologe mit einem Pinsel Erde entfernte, glitzerte es golden: Der Fingerring des Kriegers kam zum Vorschein, nach 2500 Jahren. Ein magischer Moment.

Viel mehr aber als üppig verzierter Halsschmuck, bronzene Schwerter oder mit Fabeltieren geschmückte Schnabelkannen zieht mich das Glauberg-Plateau an. Während der Grabhügel an den Keltenfürsten erinnert, lebte auf dem Plateau das Fußvolk – so stelle ich mir das mit der Naivität eines Spaziergängers vor, der dabei den berühmtesten aller Kelten bzw. Gallier auf seiner Seite hat. Die Comics von Goscinny und Uderzo heißen schließlich nicht »Majestix, der Gallier«, der Häuptling ist eher ein tumber Tor, der vom Fußvolk auf einem Schild getragen wird und sich beim Verlassen seiner Hütte regelmäßig die Birne anhaut. Der Star aber ist ein einfacher Krieger und heißt Asterix.

Macht man sich auf den Weg zum 271 Meter hohen Tafelberg, wird man an Asterix’ Kumpan Obelix erinnert. Der Weg führt an einem Steinbruch vorbei, an dem Basaltvorkommen hätte die Hinkelstein verarbeitende Industrie ihre Freude gehabt (wenn die Kelten bzw. Gallier denn etwas mit Hinkelsteinen zu tun gehabt hätten; die Autoren haben sich einen Anachronismus erlaubt). Oben auf dem Plateau kann man schon mal die Epochen durcheinanderbringen. Es gibt Relikte aus der Jungsteinzeit (keine Hinkelsteine, sondern Annexwälle als Schutz gegen Feinde), Spuren aus der Urnenfelderkultur und von den Kelten, man stößt auf die Reste einer mittelalterlichen Burg, und auch Alemannen und Franken siedelten hier.

Hektik löst sich in Luft auf

Wandert man über das 800 Meter lange Plateau, ist man von Geschichte umgeben. Es gibt Mauern, Reste steinerner Tore, Brunnen und einen Weiher, der sich aus Regenwasser speist. Von der Ruhebank davor schweift der Blick durch eine Lücke der Baumkronen bis zur Skyline von Frankfurt. Zu keltischer Zeit (und noch lange danach) war der baumlose Glauberg die weitaus markantere Landmarke, die spätere Furt der Franken war da noch unbesiedeltes Sumpfland. Die Ruhebank ist übrigens mein Lieblingsplatz am Lieblingsort. Man kann dort wunderbar die Beine und die Seele baumeln lassen, die Alltagshektik löst sich in Luft auf.

Die Baumriesen, die noch keine hundert Jahre lang auf dem Glauberg-Plateau stehen, sorgen dafür, dass man das Gefühl hat, man sei alleine auf der Welt. Keine Menschenseele begegnet einem. Lars Corsmeyer von der Pressestelle der Keltenwelt hat bei Publikumsbefragungen herausgefunden, dass rund zwei Drittel der Museumsbesucher das Plateau besteigen. Bei 80 000 Besuchern im Jahr eine ganze Menge. »Das verläuft sich«, sagt Werner Erk vom örtlichen Heimat- und Geschichtsverein. Der »Indiana Jones vom Glauburg« machte 1988 Luftbilder vom später entdeckten Grabhügel, das Landesamt für Denkmalpflege nahm daraufhin die Forschungen aus früheren Zeiten wieder auf. Jetzt nimmt Erk mit einer Archäologin Bodenradarmessungen vor. »So müssen wir nicht alles aufgraben«, sagt er. Er kennt sich auf dem Glauberg aus wie in seiner Westentasche. »Mit dem Saft der gelb blühenden Wolfsmilch kann man Warzen behandeln«, weiß er. Noch prächtiger seien die riesigen schwarzen Dolden des Zwerg-Holunders. »Das ist prima Vogelfutter.«

Prima Vogelfutter



Auch über die Eiche am Weiher kann Erk Geschichten erzählen. Der Archäologe Heinrich Richter habe in den 1930er-Jahren ein Gerüst in den Baum bauen lassen. »Darauf saß er wie ein Feldherr, der seine Truppen beobachtet.« Die Turner aus Glauberg vollführten auf den Ästen Handstände, Musiker saßen singend mit der Quetschkommode im Baum. »Heute hat sich der Eichen-Prozessionsspinner dort eingenistet. Der Baum ist hohl, aber er steht noch.«

Mein Weg führt mich weiter in Richtung des staufischen Burggebäudes. Auch die Überreste der mittelalterlichen Häuser am Nordrand des Plateaus liegen noch vor mir, und von der Panoramaplattform will ich den herrlichen Ausblick auf die Landschaft genießen. Man erkennt von dort den Dünsberg bei Gießen und den Stoppelberg bei Wetzlar, erahnt hinter den goldgelb in der Sonne glänzenden Rapsfeldern das Hofgut Leustadt. Noch immer habe ich das Gefühl, beinahe allein auf Gottes weiter Welt zu sein. Kein Mensch begegnet mir, eine himmlische Ruhe. Da klingelt mein Smartphone. Eine wichtige Nachricht erreicht mich, ich muss zurück nach Bad Nauheim in die Redaktion. Das macht aber nichts. Dann freue ich mich eben schon jetzt auf meinen nächsten Besuch an meinem Lieblingsort in der Wetterau.



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