28. November 2017, 17:00 Uhr

18-Stunden-Tag

Rosi Kölsch ist Wirtin mit Leib und Seele

Seit 25 Jahren betreibt Rosi Kölsch die Bürgerhaus-Gaststätte in Reichelsheim. Manche Stars hat sie in dieser Zeit in die Wetterau geholt – und manche Geheimnisse erfahren.
28. November 2017, 17:00 Uhr
bertram_dab
Von Dagmar Bertram
Seit 25 Jahren betreibt Rosi Kölsch das Bürgerhaus in Reichelsheim. Dabei hat sie einiges erlebt: vom randvollen Festzelt wegen Andrea Berg bis zu vergessenen BHs nach rauschenden Festen. (Foto: Nici Merz)

Andrea Berg, Bata Illic und die Jacob Sisters: Sie alle hat Rosi Kölsch nach Reichelsheim geholt. Ihr Herz hängt aber nicht an den Stars, sondern an den ganz normalen Menschen, die sie seit 25 Jahren im Bürgerhaus bewirtet. Sie sorgen dafür, dass die 64-Jährige im Urlaub Heimweh bekommt – und ein beklemmendes Gefühl, wenn sie an ihren Ruhestand denkt.

Mit zwölf Jahren stand Rosi Kölsch das erste Mal am Zapfhahn, damals noch für eine Tafel Schokolade oder auch mal zehn Pfennig. Seit 35 Jahren arbeitet die Heuchelheimerin auf eigene Rechnung: Erst betrieb sie die Gaststätte »Zur Post« und seit 25 Jahren das Reichelsheimer Bürgerhaus.

»Das Haus hat Freud und Leid gesehen«

Etwas anderes als Wirtin kam für die 64-Jährige nie in Frage. »Das liegt mir im Blut. Meine ganze Familie arbeitet in der Gastronomie.« Ihr Vater ist Metzgermeister; mit ihrer Mutter führte er bis kurz vor dem 80. Geburtstag die Kneipe »Zum gemütlichen Eck«. Aus Nostalgie öffnet Kölsch das Lokal noch dreimal im Jahr. »Das ist Kult. Die Leute warten draußen, bis ein Platz an dem einzigen Tisch frei wird«, erzählt sie.

Ihren Alltag aber verbringt sie im Bürgerhaus Reichelsheim, das sie »Zur Stadtschänke« taufte. Hier ist sie jeden Tag anzutreffen, außer dienstags, dann ist Ruhetag. »Das Haus hat Freud und Leid gesehen«, und das gilt auch für Rosi Kölsch. Viele Menschen haben bei der Wirtin ihre runden Geburtstage gefeiert, erst den 70., dann den 75. und 80., »und irgendwann musste ich sie beim Trauercafé beerdigen«.

Von vergessenen BHs und Slips

Ob bei Hochzeiten, den vielen Vereins-, Firmen- und Politikertreffen oder beim Stammtisch – die Wirtin bekommt einiges mit. Dabei hält sie sich an zwei Regeln: nicht mitreden, »das wird negativ aufgefasst«, und nichts weitersagen, »Sorgen, die mir jemand anvertraut, behalte ich für mich«.

An lustigen Anekdoten zum Weitererzählen mangelt es nicht. So wie die von den zwei Hochzeiten, die am selben Tag gefeiert wurden und bei denen jemand die Kuchen vertauscht hatte. Weil der Fehler erst beim Essen auffiel, nahm man’s mit Humor und ließ sich das fremde Backwerk schmecken. Auch rauschende Feste gab’s im Bürgerhaus, etwa den Maskenball des Musikvereins, bei dem Kölsch die Tür abschließen musste, weil nicht alle Menschen hineinpassten. Ob diese Feiern, nach denen die Wirtin beim Aufräumen schon mal BHs und Slips fand, in Hochzeiten mündeten, ist nicht überliefert.

Nachts im Festzelt Wache gehalten

Und dann war da noch der Auftritt der Jacob Sisters beim Keglerball. Erst als die Damen mit ihren Pudeln unterm Arm »Sing, mein Sachse, sing« anstimmten, begriffen die Gäste, dass Kölsch keine Doubles, sondern die Original engagiert hatte. Auch an den Silvesterball mit Bata Illic denkt sie gern zurück. »Der hat eine bombastische Stimmung gemacht!« Gleiches gilt für die Amigos, die viele Jahre den Kirmesmontag in Reichelsheim prägten.

Der Höhepunkt aber war das Konzert von Andrea Berg vor zehn Jahren. »So viele Leute waren hier noch nie im Festzelt. Die kamen mit Bussen angefahren«, erzählt Kölsch. Bis es soweit war, hatte sie eine aufregende Woche hinter sich. Im zeitig aufgebauten Zelt hielt die Wirtin bis zum Auftritt Nachtwache. Eines späten Abends schwenkten Taschenlampen durchs Zelt – es waren Gäste, die wissen wollten, ob es noch Karten gibt. Das Konzert war ein voller Erfolg: Die Zuschauer standen auf Tischen und Stühlen, die Kellner kamen kaum durch.

Ein großes Event zum Abschluss

Heute noch eine Großveranstaltung auf die Beine zu stellen, will gut überlegt sein. Einstmals traditionelle Feste leiden unter Besucherschwund, nicht nur in Reichelsheim. Kölsch versucht, mit besonderen gastronomischen Angeboten dagegenzuhalten, die mit weit über 100 Gästen gut laufen, wie sie berichtet. Trotzdem: »Ein großes Event zum Abschluss, das würde mich schon reizen«, sagt die Heuchelheimerin.

Dem Ruhestand blickt sie mit gemischten Gefühlen entgegen, »der Gedanke ans Aufhören ist nicht einfach«. Sie arbeitet bisweilen 15 bis 18 Stunden am Tag, liebt ihre Aufgaben, vom Dekorieren übers Kochen bis zum Bedienen. Ihre Kinder werden die Gaststätte nicht übernehmen. »Sie helfen mit, wenn Not am Mann ist, haben aber ihre eigenen Berufe.«

Die »Stadtschänke« sei wie ihr eigenes Haus, sagt Kölsch. Schon am vierten Urlaubstag werde sie »kribbelig, die Leute fehlen mir, ich habe Sehnsucht nach dem Haus«. So wie ihre Eltern im Herzen immer noch Gastwirte sind, »so wird es mir auch mal gehen«. Wie lange sie noch hinter der Theke stehen wird? »Schaun wir mal.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos